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„Der Klimawandel hat schon jetzt weltweit gravierende Auswirkungen“, sagt Bedford-Strohm. Etwa im Nordwesten Kenias, wo den Menschen wegen der Dürre das Wasser für den Getreideanbau fehlt.

Bedford-Strohm im Interview

„Das kann man nicht einfach ignorieren“

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Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm über die Klimakrise und die Bewahrung der Schöpfung, Hass im Netz und die Frage, wie aktuell die Weihnachtsbotschaft heute ist.

Herr Bedford-Strohm, das öffentliche Leben kommt vielen Menschen längst wie eine Kaskade kleinerer oder mittlerer Katastrophen vor. Ihnen auch?

Natürlich berühren mich die Dinge, die in der Welt passieren – insbesondere dann, wenn es schlimme Dinge sind. Aber die Frage ist, mit welcher Haltung man mit diesen Meldungen umgeht. Aus meiner Sicht sollte es die Haltung sein, die letztlich auch die Grundlage für Weihnachten ist, nämlich die Haltung der Hoffnung und der Zuversicht. Sie beinhaltet die Gewissheit, dass Tod, Hass und Gewalt nicht das letzte Wort sind, sondern Gott uns begleitet auf unserem Weg. Die Liebe wird siegen. Das ist das, was ich aus Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi mitnehme.

Vielen Menschen geht diese Hoffnung verloren.

Deshalb ist es wichtig, die Geschichten der Hoffnung und des Gelingens auch zu erzählen. Wir haben stattdessen eine mediale Dynamik, die durch die neuen digitalen Möglichkeiten noch befördert wird. Darin spielen die Skandalisierung, die Empörung, der Hass, zum Teil auch der blanke Unsinn eine größere Rolle als bisher. Das macht mir Sorgen. Da haben auch die Medien eine Verantwortung. Wenn Algorithmen die schlechten Nachrichten aus kommerziellen Gründen immer mehr hochspülen, dann entsteht ein schiefes Bild. Wir müssen die öffentliche Kommunikation wieder rückbinden an das, was im Zentrum des Grundgesetzes steht und auch im christlichen Glauben fest verankert ist: die Menschenwürde.

Was schwebt Ihnen da konkret vor?

Wir brauchen eine Ethik für die digitalen Medien. Da sind wir, weil vieles so neu ist, noch ganz am Anfang. Wir müssen die neuen Medien verantwortlich gestalten. Wir haben gute Erfahrungen gemacht mit dem öffentlich-rechtlichen System, das alles andere als ein „Staatsfunk“ ist, sondern durch pluralistisch zusammengesetzte Gremien begleitet wird. Wir bräuchten für das Internet und die sozialen Netzwerke ähnliche Mechanismen, die die gesellschaftliche Verantwortung ständig aufs Neue einklagen. Das gehört mehr ins Zentrum der Diskussion.

Tatsächlich findet eher das Gegenteil statt: Gerade die öffentlich-rechtlichen Medien werden attackiert.

Ja, das stimmt leider. Dabei ist die öffentlich-rechtliche Berichterstattung eine wichtige Säule in unserer Demokratie.

Der Klimawandel hält möglicherweise noch größere Katastrophen bereit. Und da prallen zwei christliche Gebote aufeinander: die Schöpfung zu bewahren und die Gesellschaft zusammenzuhalten. Müssen sich Christen am Ende von einem der beiden Gebote verabschieden?

Nein, im Gegenteil. Der Klimawandel hat schon jetzt weltweit gravierende Auswirkungen auf Menschen und Menschenleben und wird für die Zukunft von großer Relevanz sein. Das kann man nicht einfach auf Dauer ignorieren. Junge Menschen wissen genau, dass sie in 50 oder 60 Jahren den Preis für den Lebenswandel der heute bestimmenden Generationen zahlen. Niemand kann davon ausgehen, dass sie das einfach hinnehmen. Deshalb hat das, was die Jungen einklagen, meine ausdrückliche Unterstützung.

Größere Teile der Bevölkerung wehren sich gegen diese Einsicht.

Dass das Thema in den letzten Jahren immer prominenter geworden ist, zeigt, dass die Menschen das Problem erkannt haben. Die christlichen Kirchen weisen übrigens seit Jahrzehnten darauf hin. 1990 gab es eine große ökumenische Weltversammlung der Kirchen in Seoul zum Thema Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Im Abschlussdokument stehen genau die Dinge drin, die heute diskutiert werden. Wenn ich die Wahrnehmung damals mit der von heute vergleiche, dann hat das Thema eine ungeheure Prominenz erhalten. Jetzt kommt es darauf an, dass die notwendigen Schritte politisch so umgesetzt werden, dass nicht die sozial Schwachen die Zeche zahlen, sondern der große gesellschaftliche Wohlstand, der insgesamt ja vorhanden ist, entsprechend eingesetzt und verteilt wird.

(epd)

Ihr Berliner Bischofskollege Heiner Koch hat sich kurz vor Ostern Ärger eingehandelt, weil er mit Blick auf Greta sagte: „Mich erinnern die Freitagsdemos ein wenig an die biblische Szene vom Einzug Jesu in Jerusalem.“ Lag er richtig?

Da werden oft Sätze aus dem Kontext gerissen. Entscheidend sind ja nicht die Personen. Entscheidend ist, dass sich inhaltlich etwas bewegt. Da wird man ganz nüchtern feststellen müssen, dass es Greta Thunberg mit ihren 16 Jahren geschafft hat, das Thema ins Zentrum zu rücken. Dafür kann man nur sehr dankbar sein.

Ist Greta eine Art Messias?

Natürlich nicht. Der Messias ist Jesus Christus. Sonst niemand.

Manche sehen offenbar mehr in ihr.

Dass sie für viele Schülerinnen und Schüler ein Vorbild ist, ist doch ganz in Ordnung. Aber dieser Hype um Personen ist etwas, was in der modernen Medienwelt produziert wird. Deshalb ist es eher eine Frage nach der Medienkultur – dass Menschen hochgeschrieben werden, und wenn sie einen Fehler machen, dann fallen sie sofort wieder. Daran sollte man sich nicht beteiligen.

Aber hat nicht die Geschichte immer mal wieder besondere Persönlichkeiten hervorgebracht, in denen sich ihre Zeit bündelte – Martin Luther King zum Beispiel? Die digitalen Netzwerke gab es damals noch gar nicht.

Ja. Und natürlich brauchen wir Vorbilder, die für Zivilcourage und Menschlichkeit stehen, für Demut und Bescheidenheit. Sie können Menschen inspirieren und die Welt verändern. Martin Luther King war so jemand. Nelson Mandela und viele andere auch.

Jetzt steht Weihnachten vor der Tür. Wird das ein Weihnachten wie jedes andere? Oder wird das möglicherweise ein besonderes Weihnachten?

Die Weihnachtsbotschaft ist zeitlos und in jedem Jahr aufs Neue aktuell. Da strahlt die Liebe Gottes in die Welt hinein. Die Menschen, die sich davon inspirieren lassen, sind dann auch berufen, diese Liebe selbst auszustrahlen. Das ist in einer Gesellschaft, die zunehmend von Spaltung bedroht ist, umso wichtiger. Jesus hat die Jahre nach seiner Geburt, die wir an Weihnachten feiern, im Übrigen nur überlebt, weil seine Eltern – Josef und Maria – in Ägypten Asyl gefunden haben.

Was wollen Sie damit sagen?

Die Weihnachtsgeschichte zeigt, dass es mehr gibt als nur die eigenen Interessen. Gott ist Mensch geworden. Deshalb begegnet uns Gott im anderen Menschen, im Gegenüber. Das und vieles andere neu zu reflektieren und zum Teil des eigenen Lebens zu machen, ist eine starke Perspektive. Ich wünsche mir, dass wir das im neuen Jahr noch stärker entdecken.

Interview: Markus Decker

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