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Pilar Baeza hofft auf eine Zukunft in der Kleinstadt.

Spanien

Kandidatin mit krimineller Vergangenheit

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Pilar Baeza will Bürgermeisterin von Ávila werden. Dass sie wegen Mordes in Haft war, stört ihre Partei Podemos nicht – ein Porträt.

Pilar Baeza ist noch nicht lange in der Politik. Aber sie redet schon wie eine erfahrene Politikerin. „Diese Stadt hat mich aufgenommen, und ich empfinde solch große Zuneigung für sie. Mein einziges Ziel, für das ich in die Politik gegangen bin, ist die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen in Ávila.“ Deswegen hat sie sich im Februar von der Basis der Linkspartei Podemos als Kandidatin für das Amt der Bürgermeisterin der 58 000-Einwohner-Stadt im Herzen Spaniens aufstellen lassen. Gewählt wird Ende Mai, zugleich mit den Europawahlen. Ob die Menschen in Ávila so überzeugt von ihr sind wie sie selbst, muss sich zeigen.

Baeza ist eine verurteilte Mörderin. Sie selbst redet nicht gern darüber. Als die Netzzeitung „El Español“ ihrer Vergangenheit auf die Spur kam und die Politikerin telefonisch um einen Kommentar dazu bat, empfand sie dieses Ersuchen als „Unverschämtheit“. So schildert es die Zeitung. Nachdem der Artikel veröffentlicht war, gab Baeza aber doch eine Pressekonferenz, um zu beklagen, dass sie „gelyncht“ werde. Sie wolle aber Bürgermeisterkandidatin bleiben. „Noch heute leiten mich die weisen Worte meines Vaters, als die fürchterlichen Dinge geschahen: Die Eignung eines Menschen besteht darin, sich den Umständen anzupassen zu wissen, die ihn umgeben.“

Die „fürchterlichen Dinge“, von denen Baeza spricht, geschahen im Sommer 1985 in Leganés, einer Vorstadt von Madrid. Die damals 23-Jährige verabredete mit ihrem Freund und einem weiteren Bekannten, einen Mann zu töten, der sie nach ihrer Aussage vergewaltigt hatte. Sie besorgte eine Waffe. Ihr Freund, in Begleitung des Bekannten, erschoss den Mann. Alle drei Tatbeteiligten wurden zu 30 Jahren Haft verurteilt. Baeza kam nach sieben Jahren frei und zog nach Ávila, wo sie ein Fitnessstudio eröffnete.

„Sie ist ein beispielhafter Fall für eine gelungene Wiedereingliederung in die Gesellschaft“, sagt Pablo Fernández, der Podemos-Vorsitzende der Region Kastilien und León, zu der auch Ávila gehört. Baeza hat keine weiteren Straftaten begangen, und es gehört zu den Schönheiten des Rechtsstaates, dass verurteilte Verbrecher nach Verbüßung ihrer Strafe die Chance auf einen Neuanfang erhalten.

Podemos ist aber nicht immer so großzügig, wenn es um vergangene Schändlichkeiten geht. Als im Juni vergangenen Jahres ein Gerichtsurteil aus dem Vorjahr gegen den gerade frisch ins Amt gekommenen Kulturminister Máxim Huerta wegen Steuerhinterziehung bekannt wurde, forderte Podemos selbstverständlich seinen Kopf.

Der Minister trat dann auch zurück. Und an diesem Mittwoch fragte sich der für seine Poltereien bekannte Journalist Arcadi Espada, wie Podemos wohl auf einen Kandidaten der ultrarechten Vox reagieren würde, der vor 30 Jahren eine Frau ermordet hätte.

Für ihre eigene Kandidatin gibt es von Podemos nur freundliche Worte. „Das ist ein Fall von vor 35 Jahren“, sagte der Organisationssekretär der Partei, Pablo Echenique, am Dienstag, „und von einer Frau, die vergewaltigt wurde“. Diese Behauptung nun ist für den Bruder des Ermordeten kein Spaß. Er hat in diesen Tagen etliche Interviews gegeben, um den guten Namen des Opfers nicht in den Dreck ziehen zu lassen. Baeza hatte, bevor sie den Mord an jenem Mann plante, niemals Anzeige gegen ihn erstattet. Für eine Vergewaltigung gibt es keinerlei Beleg. Für den Mord sehr wohl. Sie sei damals „eine naive junge Frau“ gewesen, sagt Baeza. Seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis könne sie „auf eine persönliche Laufbahn ohne jeden Tadel“ zurückblicken. Für eine Bitte um Entschuldigung hat es aber noch nicht gereicht.

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