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Regiert seit drei Jahren, ohne viel erreicht zu haben: Ministerpräsident Youssef Chahed.

Tunesien

26 Kandidaten, ein Posten

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In Tunesien fällt der Startschuss zur Präsidentenwahl im September. Auch zwei Frauen bewerben sich um das Amt.

Das Rennen um Tunesiens Präsidentenpalast ist eröffnet. 97 Bewerber hatten vor dem islamischen Opferfest ihre Unterlagen eingereicht. Zwei Kandidatinnen und 24 Kandidaten wurden nun nach den Feiertagen am Mittwoch von der Obersten Unabhängigen Wahlkommission (ISIE) zugelassen zur vorgezogenen Präsidentenwahl am 15. September. Darunter sind mehrere politische Schwergewichte des Landes wie Premierminister Youssef Chahed, der Vize der islamischen Ennahda, Abdelfattah Mourou, Verteidigungsminister Abdelkarim Zbidi sowie als Joker der schillernde Medienunternehmer Nabil Karoui, auch der Berlusconi Tunesiens genannt. Gelingt es keinem der Kandidaten, in der ersten Runde eine absolute Mehrheit zu erreichen, findet im Oktober oder November eine Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten statt.

Ministerpräsident Youssef Chahed setzt auf seinen Amtsbonus. Erst vor wenigen Monaten gründete er seine eigene Partei, die Tahya Tounes, hervorgegangen aus der zerfallenen Nidaa Tounes des am 25. Juli verstorbenen Präsidenten Beji Caid Essebsi. Ende August ist der gelernte Agrar-Ökonom drei Jahre an der Macht und damit der am längsten amtierende Regierungschef seit der Revolution 2011. Der 43-Jährige, der sich im Parlament auf eine Koalition mit der islamischen Ennahda stützt, weiß, dass seine Heimat dringende Wirtschaftsreformen braucht, um die Arbeitslosigkeit und die schlechte Stimmung im Land zu bekämpfen. Weit gekommen jedoch ist das Kabinett nicht in seinem Kampf gegen Bürokratie, Korruption und mafiose Wirtschaftskartelle.

Schärfster Konkurrent ist der Vizeparteichef von Ennahda, Abdelfattah Mourou, der gerne mit der traditionellen weiß-roten Kopfbedeckung eines Imam auftritt. Der Jurist und Theologe war 1981 zusammen mit Parteichef Rached Ghannouchi Mitbegründer der islamischen Bewegung in Tunesien. Unter Diktator Zine el-Abidine Ben Ali schwer gefoltert, saß er zwei Jahre im Gefängnis und floh danach ins Exil nach Saudi-Arabien. Der 71-Jährige gilt als glänzender Redner, belesen, volksnah, pragmatisch und weltoffen. In einer Fernsehsendung stimmte er einmal spontan Beethovens „Ode an die Freude“ an. Bei einer Hörerstunde im Radio Oxygene von Bizerte überraschte er sein Publikum, als er einer Anruferin in fließendem Deutsch antwortete und alles Gute wünschte „für Sie und diejenigen, die Deutsch sprechen“.

Zur Schau gestellte Wohlfahrt

Als heimlicher Favorit gilt der unberechenbare Medienmogul und Millionär Nabil Karoui, gegen den ein Verfahren wegen Geldwäsche läuft. Viele politische Beobachter trauen dem populären Selbstdarsteller zu, für eine Überraschung zu sorgen. Mit dem Privatsender Nessma, den er 2007 noch zu Zeiten der Diktatur gründete, machte er ein Vermögen. Der 56-Jährige ist im Volk beliebt, auch weil er jedes Jahr im Fastenmonat Ramadan Abertausende Essen an Bedürftige verteilt, karitative Aktionen, bei denen die Kameras seines TV-Senders immer mit dabei sind.

Aus dem Lager der alten Regimeanhänger kommt Abir Moussi, eine der beiden Frauen in dem Bewerberfeld. Die Hauptforderung der streitbaren Anwältin ist, möglichst alle Mitglieder der islamischen Ennahda aus dem öffentlichen Leben zu entfernen oder wieder ins Gefängnis zu werfen, wie das ihr großes Idol, der Alleinherrscher Ben Ali, zwischen 1991 und seinem Sturz 2011 praktizierte. Die Jasmin-Revolution ist für sie „ein Komplott der Europäer und der Zionisten“. Auch die demokratische Verfassung von 2014 erkennt die 44-Jährige nicht an. Stattdessen will die Diktatur-Nostalgikerin zurück zu den Zeiten Ben Alis, als es nach ihren Worten in Tunesien „weder Arbeitslosigkeit noch Armut gab“.

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