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Ausgebootet: Fawzia Koofi.

Wahl in Afghanistan

800 Kandidaten für Kabul

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Ein Drittel der 2500 Anwärter auf ein Parlamentsmandat in Afghanistan tritt in der Hauptstadt an. Die Furcht vor Unruhen nach der Wahl ist groß.

Die breite Straße vor dem Haus nahe dem Parlament von Kabul zählt zeitweilig zu den großen Ausnahmen in Afghanistans Hauptstadt. Überall sonst droht der Verkehrsinfarkt. Vor dem stattlichen Anwesen des Parlamentsabgeordneten Abdul Rahim Ayobi dagegen herrscht wegen Bauarbeiten eine nahezu paradiesische Ruhe. Die schwer bewaffnete Schutzmannschaft des 38-jährigen Politikers lümmelt seelenruhig zwischen bunten Wahlplakaten herum. Der Paschtune aus der südafghanischen Stadt Kandahar gehört zu einer neuen Sorte politischer Flüchtlinge am Hindukusch, die dank der Parlamentswahlen am kommenden Samstag geboren wurde.

„Wir trauen dem Polizeichef Abdul Raziq in meiner Heimatstadt nicht über den Weg“, sagt Ayobi in seinem mit schweren Polstermöbel vollgestopftem Büro, „deshalb trete ich diesmal in Kabul für die Wahl an.“ Kandahars gefürchteter Polizeichef Raziq geht zwar mit eiserner Hand gegen die radikalislamischen Talibanmilizen vor. Aber dem engen Verbündeten des seit 2014 amtierenden Präsidenten Ashraf Ghani wird nachgesagt, Kritikern des Staatsoberhaupts das Leben schwer zu machen.

Kabul hat sich wegen der Talibandrohungen, den Urnengang im ganzen Land zu sabotieren, und politischem Druck von allen Seiten in den 34 Provinzen zu einem wahren Tummelplatz ehrgeiziger Parlamentskandidaten entwickelt. Von den 2500 Kandidaten, die für die dritte Parlamentswahl des Landes seit der Vertreibung der Taliban aus Kabul 2001 antreten, rangeln allein 800 um die nur 33 Parlamentssitze, die in der Metropole vergeben werden. Neun Sitze in Kabul sind für Frauen reserviert, landesweit sind es 68. Laut Wahlkommission sind von den knapp neun Millionen registrierten Wählern etwa drei Millionen Frauen.

Aber Afghanistans zukünftige Volksvertreter flüchten nicht nur vor Krieg und Einschüchterung durch Taliban und konkurrierende Politiker nach Kabul. „Wegen der hohen Kandidatenzahl genügen in Kabul vielleicht etwas mehr als 4000 Stimmen, um gewählt zu werden“, sagt Ayobi mit verschmitzten Lächeln, „in Kandahar würde ich 10.000 bis 14.000 Stimmen benötigen.“ Für einen Erfolg benötigt der Politiker auch Stimmen aus dem Lager der schiitischen Hazara und der stark vertretenen Tadschikenminderheit. „Wir brauchen Einheit“, propagiert der Paschtune Ayobi, der seit 2010 im Parlament sitzt, als politisches Ziel.

Ein paar Straßenzüge weiter führt ein gepflegter roter Teppich die Treppenstufen zum Haus der bisherigen Parlamentarierin Fawzia Koofi. Die 1975 geborene Mutter von zwei Töchtern veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Die Lieblingstochter: Der Kampf einer Frau, Afghanistan in die Zukunft zu führen“, und sie war nach 2014 zwischenzeitlich Vize-Präsidentin des Parlaments.

Dem nächsten Parlament wird die Politikerin aus der Badakhschan-Provinz aber nicht angehören. Die Schwester des Chefs der Grenzpolizei in der heimatlichen Schmuggelhochburg an der Grenze zu Tadschikistan wurde disqualifiziert. „Das war eine politische Entscheidung“, sagt die wortgewaltige Politikerin, während ein Diener im marmorgetäfelten Empfangszimmer frische Feigen serviert, „der Geheimdienst und das Innenministerium behaupten, sie hätten Beweise für meine Verwicklung in illegale Machenschaften. Aber sie wollen sie nicht vorlegen.“

Koofi glaubt trotz ihrer Disqualifizierung an eine rosige politische Zukunft, dabei meint sie das nächste Jahr und die Zeit danach. „Niemand redet mehr über die Parlamentswahlen“, sagt sie, „alle spekulieren schon über die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr.“ Koofi ist überzeugt, dass sie als Frau eine führende Rolle in einer Allianz gegen den amtierenden Präsidenten Ghani spielen wird.

„Die Parlamentswahl kann nicht einmal als Gradmesser für die Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr dienen“, urteilt auch Mohammed Amin Karim, enger Gefolgsmann des Kriegsfürsten Gulbuddin Hekmatyar, der die frühere Untergrundtruppe Hezb-i-Islami anführt: „Denn es dürfen keine Parteien antreten, Kandidaten müssen sich einzeln bewerben.“ Der Veteran des afghanischen Konflikts glaubt nicht einmal, dass die offiziellen Wahlergebnisse schnell verkündet werden: „Wenn man jedem der 800 Kandidaten in Kabul eine Gefolgschaft von je 100 Leuten zurechnet, gibt es nach dem Wahlergebnis mehr als 750 Kandidaten, die verloren haben und ihre Sympathisanten mobilisieren können. Die Regierung kann einen solchen Protest nicht aushalten.“

Ein zögernde Verkündung einzelner Resultate könnte auch für den Zusammenhalt von Karims eigener Gruppe „Hezb-i-Islami“ nützlich sein, denn ihr droht ein Bruderkampf im Wortsinn. Denn in Kabul treten zwei Söhne von Hezb-i-Islami-Chef Gulbuddin Hekmatyar gegeneinander an.

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