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Späte Gewissheit: Wenn ein Kind im Internat starb, erfuhren das viele Eltern nicht einmal.
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Späte Gewissheit: Wenn ein Kind im Internat starb, erfuhren das viele Eltern nicht einmal.

Debatte über Rassismus

Gräberfunde in Kanada überschatten Nationalfeiertag

  • VonGerd Braune
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Der Fund anonymer Gräber Hunderter Schülerinnen und Schüler in Kanada überrascht die indigenen Gemeinschaften nicht. Eine Inuit-Politikerin prangert im Parlament fortbestehenden Rassismus an.

Ottawa - „Canada Day“, der Nationalfeiertag Kanadas am 1. Juli, sollte ein Tag der Freude sein, mit der der Geburtstag des Landes gefeiert wird. In diesem Jahr wird er gedämpft ausfallen. Die Entdeckung unmarkierter Gräber indigener Kinder rund um Internatsschulen lastet auf dem Land.

In einer grünen Wiese stecken kleine rote und blaue Fähnchen. Mehrere Reihen dieser Fahnen sind zu erkennen. Sie markieren Grabstellen. Das Land gehört der Cowessess First Nation, deren Mitglieder den Völkern der Cree und Saulteaux angehören. Ihre Reservation liegt etwa 150 Kilometer östlich der Hauptstadt der Provinz Saskatchewan. Am Mittwochabend hatte die Führung der Cowessess First Nation bekanntgegeben, dass eine große Zahl unmarkierter Gräber auf dem Gelände, das früher zu der „Marieval Indian Residential School“ gehörte, gefunden worden seien.

Einen Tag später wird vor der schockierten Öffentlichkeit Kanadas und der Weltpresse die Zahl genannt: Mindestens 600 Gräber wurden lokalisiert, berichtete Chief (Häuptling) Cadmus Delorme. Vor gerade einmal vier Wochen hatte die Tk’emlups te Secwepemc First Nation in Kamloops in British Columbia im Westen Kanadas die Entdeckung der Gräber von vermutlich 215 Kindern bekanntgegeben.

Gräber in Kanada: Bodendurchdringendes Radar brachte Gewissheit

Für die First Nations – so nennen sich die indianischen Völker Kanadas – ist das, was sich jetzt tut, keine „Entdeckung“. Es ist für sie eine Bestätigung dessen, was sie aus den Erzählungen der älteren Mitglieder ihrer Gemeinden, der „Elder“ wussten. „In den vergangenen Jahren sagten uns die mündlichen Erzählungen unserer Elder, der Überlebenden der Residential Schools und der Freunde der Überlebenden, dass es diese Grabstätten gibt“, sagt Chief Delorme. Nun wurde dieses Wissen durch Einsatz von bodendurchdringendem Radar bestätigt. Die Bundesregierung und die Provinzen unterstützen die Anwendung dieser Technologie bei der Suche nach Gräbern landesweit mit vielen Millionen Dollar.

Es wird lange dauern, bis die Überreste der Verstorbenen identifiziert sind. In dem nun als Grabstätte bezeichneten Gelände rund um das Internat, das vor Jahrzehnten großteils abgerissen worden war, könnten sowohl verstorbene Kinder als auch Erwachsene beigesetzt worden sein. Es könnte sich auch um Personen handeln, die nicht mit der Schule in direkter Verbindung standen. Offenbar war zumindest ein Teil der Grabstellen bis in die 1960er Jahre gekennzeichnet, berichtete Cadmus Delorme. „Die Vertreter der katholischen Kirche beseitigten die Grabsteine und heute sind es unmarkierte Gräber.“

Residential Schools in Kanada: Tausende Kinder wurden ihren Familien entrissen

Eine „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ hatte nach jahrelanger Befragung von Überlebenden des Schulsystems 2015 einen mehrere Bände umfassenden Bericht über die Residential Schools veröffentlicht und dabei auch den verschwundenen und vermissten Kindern der First Nations viel Raum gegeben. Nach ihren Erkenntnissen kamen in den Schulen, die von Mitte der 19. Jahrhunderts bis in die 1960er und 1970er Jahre das prägende Schulsystem für Kinder der First Nations, der Inuit und der Métis waren, mindestens 6000 Kinder ums Leben – von mehr als der Hälfte ist der Verbleib nicht bekannt. Die Kinder kamen durch Krankheiten, Vernachlässigung oder Unfälle in den Schulen ums Leben. Viele wurden, oft ohne Mitteilung an ihre Familien, in unmarkierten Gräbern beigesetzt.

Residential Schools waren Internate, die vom Staat eingerichtet, aber überwiegend von Kirchen und Ordensgemeinschaften geführt wurden. Die Schulen dienten dem Ziel, indigene Kinder in den von europäischen Einwanderer:innen geprägten Staat einzugliedern. Assimilieren aber bedeutete, ihre indigene Identität und Kultur zu zerstören. Die Kinder wurden ihren Familien entrissen und in die Schulen gebracht, die meist außerhalb ihrer Reservationen lagen, viele sehr weit entfernt. Sie durften ihre Sprachen nicht sprechen, ihre Traditionen nicht pflegen. Sexuelle Missbrauch gehört ebenfalls zu den schlimmen Erfahrungen, die viele Kinder machten. 130 dieser Schulen gab es in Kanada.

Tote Kinder in Kanada: Trauma wird über Generationen weitergetragen

Residential Schools bestanden bis in die 1990er Jahre, aber Ende der 1960er Jahre setzte ihr Niedergang ein. Die verheerenden Folgen dieses Schulsystems für die indigenen Gemeinden wurden immer deutlicher. Sozialstrukturen und Familienverbände wurden zerstört. Das Trauma, das Kinder und ihre Familien und Gemeinden erlebten, wurde über Generationen weitergetragen. Viele der heute in indigenen Gemeinden bestehenden Probleme wie Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Gewalt und Missbrauch werden auch auf die Residential Schools zurückgeführt.

„Die Welt beobachtet uns, während wir den Genozid in Kanada zu Tage fördern“, sagte der Vorsitzende der Föderation der Souveränen Indigenen Nationen von Saskatchewan, Bobby Cameron. Kanadas Premier Justin Trudeau erklärte, die Gräberfunde seien „eine beschämende Erinnerung an den systemischen Rassismus, die Diskriminierung und Ungerechtigkeiten die indigene Völker in diesem Land erlebten und weiterhin erleben.“

Regierung Kanadas entschuldigt sich

Kanada versucht seit Mitte der 1990er diese schlimme Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Regierung hat sich formal entschuldigt. Der Erzbischof der Diözese Regina, Don Bolen, schrieb an die Cowessess First Nation, das Auffinden der Gräber konfrontiere „uns mit dem brutalen Erbe des Residential-School-Systems“, das so viel Leiden über Generationen verursacht habe. Der Bischof hatte sich vor Jahren bereits offiziell für die Rolle der Kirche in diesem System entschuldigt. Nun warten die First Nations auf eine offizielle Entschuldigung des Papstes.

Die 80-jährige Florence Sparvier, die die Marieval-Schule besucht hatte, sagte: „Die Nonnen waren gemein zu uns. Wir mussten lernen, römisch-katholisch zu sein.“ Die Nonnen hätten ihr indigenes Volk verurteilt. „Wir lernten, dass wir nicht lieben durften, wer wir waren.“

Dass Rassismus nicht nur im Nachbarland USA, sondern auch im international überwiegend positiv gesehenen Kanada ein Problem ist, ist unbestreitbar. „Black Lives Matter“ hat auch dort Bedeutung und der systemische Rassismus in staatlichen Strukturen, im Justiz- und Polizeiwesen und im Gesundheitssystem wird offen benannt.

Kanada: Inuit-Politikerin prangert Rassismus an

Vor wenigen Tagen hielt Mumilaaq Qaqqaq, eine junge Inuit-Politikerin und Abgeordnete aus dem Arktisterritorium Nunavut eine aufrüttelnde Abschiedsrede im Parlament. Für sie sei in diesem Haus kein Platz, weil diese Institution und das Land auf dem Rücken, dem Trauma und der Vertreibung indigener Völker geschaffen worden sei, und selbst in den Gängen des Parlaments habe sie Rassismus verspürt. Zur gleichen Zeit trat ein Gesetz in Kraft, das den Staatsbürgerschaftseid änderte, den Neu-Kanadier:innen ablegen müssen. Fortan muss geschwört werden, dass man die Gesetze Kanadas achte, „einschließlich der Verfassung, die die indigenen Rechte und Vertragsrechte der First Nations, Inuit und Métis anerkennt und bestätigt“.

Die Wahrheits- und Versöhnungskommission hatte die Änderung der Eidesformel vorgeschlagen. Es dauerte lange, bis es umgesetzt war – aber es geschah. Selten wurde den Menschen in Kanada so deutlich, dass ihre Gesellschaft noch viele Ungerechtigkeiten birgt, wie dieser Tage. (Gerd Braune)

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