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Kanadas Immigrationsminister Ahmed Hussen wirbt für die Staatsbürgerschaft.

Fachkräfte

Kanada will mehr Zuwanderung

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Kanada hat sein Immigrationssystem in den vergangenen Jahren reformiert - mit dem Ziel, noch mehr qualifizierte Fachkräfte ins Land zu holen. Eine härtere Gangart erwarten die Kanadier gegenüber irregulären Einwanderern.

Auf diesen Tag hat sich Maria Santos gut vorbereitet. Mit zwei Koffern, einer Handtasche und einem frischen Stempel im Pass steht sie im Flughafen von Vancouver am Ankunftsschalter und wartet auf ihre Familie. „Heute beginnt mein neues Leben“, erzählt Santos, eine Pflegeschwester aus Manila. Der Stempel im Ausweis ist ihre permanente Aufenthaltserlaubnis, ihr Ticket nach Kanada. 

Die Philippinin ist eine von rund 310.000 Einwanderern, die nach dem Willen der kanadischen Regierung in diesem Jahr neu ins Land kommen sollen. Ausgewählt wurde sie anhand eines Punktesystems, das weltweit als vorbildlich gilt. Das System hat zum Ziel, qualifizierte Fachkräfte mit guter Ausbildung und Familienanbindung wie Santos nach Kanada zu bringen – und zwar möglichst schnell.

Für Kanada sind Zuwanderer ein Glücksfall

Tatsächlich hat die gelernte Pflegerin nicht lange auf ihr Visum warten müssen. Vor ein paar Monaten hatte sie sich online in einen Bewerberpool der kanadischen Einwanderungsbehörde eingetragen – und war schon kurz danach mit ihrem zukünftigen Arbeitgeber in Vancouver in Kontakt getreten. Die private Altenpflegestätte setzte sich bei den Behörden für Santos ein und danach ging es Schlag auf Schlag. 

Erst kam das offizielle Jobangebot, dann ging es zu einer Untersuchung bei einem Amtsarzt, ein wenig später kamen die Einwanderungspapiere. In ein paar Tagen beginnt Santos nun mit ihrem Job in einem Vorort von Vancouver. Wohnen werden sie und ihr Mann zunächst bei Verwandten, die schon seit längerem an der Westküste Kanadas leben und die für die Neuankömmlinge bürgen.

Für Kanada sind Zuwanderer wie Santos ein Glücksfall. Denn das nordamerikanische Land leidet wie viele westliche Industrienationen unter dem demografischen Wandel. Die Überalterung der Gesellschaft schreitet voran und Kanada ist auf Neuankömmlinge angewiesen, um den Bedarf an Fachkräften zu decken. Dazu hat die Regierung in Ottawa im letzten Jahr einen Dreijahresplan aufgestellt.

Laut diesem Plan will Kanada Schritt für Schritt mehr Zuwanderer ins Land lassen: In den vergangenen Jahren waren es zwischen 250.000 und 280.000 jährlich. In diesem Jahr sollen es 310.000 sein, im nächsten Jahr 330.000, im übernächsten Jahr 340.000. Die Zahlen beinhalten Fachkräfte, aber auch Flüchtlinge sowie Menschen, die im Rahmen des Familiennachzugs nach Kanada kommen. Die meisten Neubürger kommen derzeit aus den Philippinen, aus Indien, Syrien und China. 

Die Neuankömmlinge können in Kanada mit einer positiven Grundstimmung rechnen. Acht von zehn Kanadiern halten die geregelte Zuwanderung laut Umfragen für eine gute Sache, denn jeder Kanadier war einmal selbst Einwanderer oder stammt von einem ab. Etwa jeder fünfte Bürger ist außerhalb des Landes geboren. In Vielvölkermetropolen wie Montréal oder Vancouver ist es sogar jeder zweite. 

Gesteuert wird die Zuwanderung von der Zentralregierung, aber auch von den einzelnen Provinzen Kanadas. Die Systeme von Bund und Provinzen ähneln sich, bieten viele Nischen und werden dem Bedarf der Wirtschaft mit Hilfe flexibler Kriterien fortlaufend angepasst. Gefragt sind in Kanada derzeit unter anderem Handwerker, Techniker, IT-Spezialisten und Physiotherapeuten.

Flüchtlinge und Einwanderer durchlaufen verschiedene Systeme

„Die Punktmodelle sind das Herz des kanadischen Einwanderungssystems“, erklärt Immigrationsberater Gerd Damitz aus Toronto. Entscheidend sind laut Damitz dabei Kriterien wie Ausbildung, Alter, Sprachkenntnisse, Berufs- und Unternehmererfahrung und Familienbindungen in Kanada. Wichtig sind auch konkrete Jobangebote, um die sich Auswanderungswillige schon im Vorfeld bemühen.

Das Punktesystem wurde in den vergangenen Jahren mehrmals reformiert, seit 2015 gilt das sogenannte „Express-Entry-Verfahren“. Dabei können sich potenzielle Einwanderer in einen Onlinebewerberpool eintragen lassen und werden gemäß ihrer individuellen Qualifikation bewertet. Die Topbewerber aus dem Pool werden in regelmäßigen Abständen eingeladen, sich für ein Immigrationsvisum zu bewerben. 

Nach einer Einladung können die Interessenten ihre Bewerbung bei der Zentralregierung oder einer Provinz abgeben, wo sie erneut bewertet werden. Das populäre Bundesprogramm für Fachkräfte erfordert beispielsweise, dass Bewerber mindestens 67 von maximal 100 Punkten erzielen. Für Sprachkenntnisse in Französisch und Englisch gibt es bis zu 28 Punkte, für die Ausbildung bis zu 25 Punkte, für Berufserfahrung bis zu 15 Punkte. Dazu kommen weitere Kriterien. 

Flüchtlinge durchlaufen in Kanada ein getrenntes System, das sich an humanitären Kriterien orientiert. Sie müssen sich im Falle einer Ablehnung ihres Asylantrags wie jeder andere über das Punktesystem qualifizieren, um in Kanada bleiben zu können. Derzeit warten in Kanada rund 200.000 Flüchtlinge auf einen Asylbescheid und die kanadischen Behörden hinken mit der Bearbeitung deutlich hinterher.

Das liegt auch an den rund 30.000 Flüchtlingen, die seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten illegal über die Landesgrenze nach Kanada gekommen sind. Ihnen gegenüber zeigen sich die Kanadier weitaus weniger aufgeschlossen. Lauf Umfragen sind zwei Drittel der Kanadier der Meinung, es gebe zu viele irreguläre Einwanderer, und viele erwarten von ihrer Regierung in diesem Punkt eine härtere Gangart als bisher. 

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