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Mit Sohn Hadrien auf der Kürbisfarm: bürgernaher Wahlkampf, wie Kanadas Regierungschef ihn liebt.

Abstimmung

Kanada wählt: Premier Trudeau muss bangen

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Kanadas Regierungschef Trudeau hat viele seiner Anhänger enttäuscht, Schwung und Optimismus sind dahin.

An einem strahlenden Herbsttag fährt der Bus mit Justin Trudeau und seinen Mitarbeitern vor der Farm von Susan und Ron Miller in Manotick vor, einem zur Hauptstadt Ottawa gehörenden Dorf. „Choose Forward/Choisir D’Avancer“ steht auf dem im Rot von Trudeaus Liberaler Partei gestalteten Bus – was sich frei mit „Wählt die Zukunft, wählt Fortschritt, blickt nach vorne“ übersetzen lässt. Im Sonnenschein leuchten die orangefarbenen Kürbisse auf dem Feld. Der Wahlkreiskandidat der Liberalen, Chris Rodgers, und seine Familie sind da, auch einige andere. Der Premier wird freundlich begrüßt. An seiner Hand hat er seinen fünfjährigen Sohn Hadrien. Dieser freut sich auf die „pumpkins“, bald ist Halloween, die Kürbiszeit. Für Trudeau bietet dieser Besuch eine willkommene Abwechslung und Entspannung, im lockeren Umgang mit den Bürgern fühlt er sich wohl.

Denn für den seit Ende 2015 amtierenden 47-Jährigen ist es ein schwerer Wahlkampf. Er hatte sich im Sommer aus dem Umfragetief des Frühjahrs herausgearbeitet, aber dann stoppte die Veröffentlichung eines Fotos aus dem Jahr 2001, das ihn mit dunkel gefärbtem Gesicht und Turban bei einem Schulfest zeigt, Mitte September kurzfristig seinen Wahlkampfzug. Das Foto fügte seinem Image als Repräsentant einer multikulturellen Gesellschaft, die Rassismus ablehnt, erheblichen Schaden zu. Trudeau musste sich für das von ihm nun selbst als rassistisch bezeichnete Verhalten vor fast 20 Jahren, als er an einer Schule in British Columbia tätig war, entschuldigen.

Weder Trudeau noch sein konservativer Herausforderer Andrew Scheer genießen bei den Kanadiern hohe Popularität. Umfragen sehen Liberale und Konservative gleichauf bei jeweils etwa 32 Prozent. Es sei „eng wie eine Messerstecherei in einer Telefonzelle“, sagt Nik Nanos, Chef des Meinungsforschungsinstituts Nanos.

Dabei müssten die Wirtschaftsdaten Trudeau eigentlich einen unbeschwerten Wahlkampf sichern und seine Wiederwahl garantieren. Die Arbeitslosigkeit, bei seinem Amtsantritt bei sieben Prozent, ist auf 5,5 Prozent gesunken, und es wurden knapp über eine Million Arbeitsplätze geschaffen.

Protest gegen Trudeaus Klimapolitik vor einem Wahlkampfauftritt in Sherbrooke, Quebec.

Die Wahl des unberechenbaren Donald Trump zum US-Präsidenten absorbierte viel Kraft; dennoch gelang es Trudeau, mit den USA eine Neuauflage des Freihandelsabkommens Nafta auszuhandeln. Auch das Handelsabkommen Ceta mit der EU ist vorläufig in Kraft. Er hat das Kindergeld angehoben, in einem breiten Segment der mittleren Einkommen den Steuersatz gesenkt. Er hat aber dafür einige Möglichkeiten abgeschafft, Ausgaben von der Steuer abzusetzen. Das macht ihn anfällig für Vorwürfe, er habe Steuern erhöht.

Stets präsentes Thema ist der Umweltschutz. Pausenlos attackieren die Konservativen die zur Senkung der Treibhausgasemissionen eingeführte „Kohlenstoffabgabe“, die sie als „arbeitsplatzvernichtende C02-Steuer“ bezeichnen. Scheer verspricht die sofortige Abschaffung der CO2-Abgabe. Ein schlüssiges Konzept, dem Klimawandel entgegenzutreten, legt er nicht vor. Trudeau kontert: Kanada habe unter seiner Führung erstmals einen Plan zur Reduzierung der klimaschädlichen Emissionen, und diesen wolle Scheer abschaffen. Konservative Regierungschefs von Ontario und Alberta torpedieren die Klimapolitik Trudeaus, wo immer es geht. „Wir brauchen eine Regierung in Ottawa, die für Kanadier gegen Klimawandel kämpft“, sagt Trudeau. Attackiert wird er auch von den Grünen und der sozialdemokratischen NDP: Für sie hat Trudeau nicht genug Klimaschutz gemacht und durch Entscheidungen zugunsten einer Pipeline Kredit verspielt. Die Grünen versprechen sich von ihrem Plan eines energischeren Klimaschutzes Zulauf. Damit ist möglich, dass „grün“ geneigte Wähler den Konservativen helfen, die stärker auf Öl und Pipeline setzen.

Trudeau hat sich angreifbar gemacht. Er hat einige wichtige Wahlversprechen gebrochen. So kam die versprochene Reform des Wahlrechts nicht und das Haushaltsdefizit, das er bewusst in Kauf genommen hatte, aber bis zur Wahl 2019 wieder beseitigen wollte, besteht fort.

Noch mehr aber hat Trudeaus Image unter der sogenannten SNC- Lavalin-Affäre gelitten. Dem Premierminister wird vorgeworfen, er habe versucht, auf ein Strafverfahren gegen den Bau- und Ingenieurkonzern Einfluss zu nehmen. Im Zuge der Krise traten mit Jody Wilson-Raybould und Jane Philpott zwei prominente Kabinettsmitglieder zurück. Der Rücktritt der beiden Frauen und ihr Rauswurf aus der Fraktion kratzen an Trudeaus Image als Feminist. Zweimal tadelte ihn der Ethikbeauftragte des Parlaments wegen Verletzung von Regeln. Dann kam das Foto mit dem schwarzgefärbten Gesicht.

Trudeau versucht, die Kanadier mit ruhigem Auftreten für sich zu gewinnen. Auf beleidigende Attacken Scheers in einer TV-Debatte, Trudeau sei ein „Schwindler und Betrüger“, reagierte dieser zur Verwunderung vieler überhaupt nicht. Er präsentierte sich zurückhaltend, anstatt Scheers Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen. Scheer hatte bis vor Kurzem nicht offen gelegt, dass er auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt.

Die Wahl 2015 hatte Trudeau mit teils unkonventionellen Politikideen gewonnen – mit einer geänderten Haushalts- und Wirtschaftspolitik, der Legalisierung von Marihuana, der paritätischen Besetzung des Kabinetts mit Männern und Frauen und seiner Entschlossenheit, ein besseres Verhältnis zu den indigenen Völkern zu begründen. Hinzu kam sein strahlendes Wesen und die von ihm verkörperte Leichtigkeit. Er galt für viele Kanadier und das Ausland als der liberale Sonnyboy. Vier Jahre später ist dieses Image verblasst. Er wirkt nicht mehr so unverkrampft und locker. Er ist ein „normaler“ Politiker geworden, der polarisiert.

„Wir unterstützen Trudeau und den lokalen liberalen Kandidaten“, sagt trotz allem eine junge Frau, die mit ihrem Baby auf dem Arm die Miller-Farm in Manotick besucht. „Ich stimme seiner Umweltpolitik zu und das Kindergeld hilft Familien sehr.“ Justin und Hadrien Trudeau sind derweil immer noch mit den Kürbissen beschäftigt. Hadrien will einen schweren Kürbis auf einen Karren heben.

Dafür braucht er die Hilfe seines Vaters. Kein Problem für Trudeau. Im Wahlkampffinale wird er stärker gefordert und muss schwerere Dinge stemmen als einen Kürbis, damit die Ära Trudeau nicht bereits nach vier Jahren endet.

Kopf an Kopf

Umfragen sehen Liberale und Konservative gleichauf bei jeweils rund 32 Prozent. In Kanadas Wahlsystem ist der Stimmenanteil aber nicht ausschlaggebend. Es kommt darauf an, wer die meisten der 338 Wahlkreise gewinnt. 170 Sitze ist die magische Grenze zur Mehrheit im Parlament. Wer die meisten Stimmen hat, gewinnt den Wahlkreis.

Lange sah es so aus, dass die Liberalen von Premierminister Justin Trudeau in den Kernprovinzen Ontario und Quebec, wo die meisten Sitze vergeben werden, klar vorne liegen und damit einen Vorteil bei der Sitzvergabe hätten. Jüngste Umfragen aber signalisieren, dass die sozialdemokratische NDP von Jagmeet Singh wichtige Prozente im linksliberalen, sozialdemokratisch und grün bewegten Spektrum gewinnen könnte.

In Quebec macht der wiedererstarkte separatistische Bloc Quebecois den Liberalen zu schaffen. Lachender Dritter wär der 40-jährige Konservative Andrew Scheer. Die stärkste Fraktion bildet traditionell die Regierung, selbst wenn es eine Minderheitsregierung ist. Koalitionen sind Kanada fremd.

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