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Gebiet mit Entwicklungspotenzial: ein Dorf der Inuit an der Hudson Bay.

Kanada

Starke Stimme aus der Arktis

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Die junge Inukfrau Mumilaaq Qaqqaq vertritt die oft vergessene arktische Region Nunavut im Parlament in Ottawa. Ein Porträt.

Die junge Bevölkerung der kanadischen Arktis hat gesprochen: Mit der 25-jährigen Mumilaaq Qaqqaq haben die Wählerinnen und Wähler des Arktisterritoriums Nunavut eine Abgeordnete für das Bundesparlament gewählt, die genau dem Altersdurchschnitt dieser Region entspricht. Ihr besonderes Augenmerk wird dem Kampf gegen die extrem hohe Suizidrate vor allem unter den jungen Menschen der Arktis gelten.

„Lass dir von niemandem sagen, du könntest irgendetwas wegen deines Alters oder mangelnder Erfahrung nicht erreichen. Die einzige Person, die dich aufhalten kann, bist du selbst“, lautet das Credo der jungen Frau aus Baker Lake, einem 1800 Einwohner zählenden Ort westlich der Hudson Bay. Überraschend klar hatte sich Mumilaaq Qaqqaq bei der Wahl am 21. Oktober als Kandidatin der sozialdemokratischen New Democratic Party (NDP) gegen zwei andere bekannte Inuit-Frauen durchgesetzt, Megan Pizzo-Lyall von der Liberalen Partei und Leona Aglukkaq von den Konservativen, die bereits von 2008 bis 2015 dem Bundesparlament angehörte und Gesundheits- und Umweltministerin im Kabinett des konservativen Regierungschefs Stephen Harper war.

Jetzt wählte Nunavut den Wechsel und entschied sich für eine Frau, die sich erst wenige Wochen zuvor entschieden hatte, das Wagnis einer Kandidatur einzugehen. „Dies war eine erstaunliche Reise und jetzt sind wir angekommen“, rief Mumilaaq Qaqqaq am Wahlabend ihren Freunden zu, als die Menschen in Baker Lake ihren Sieg mit einem spontanen Autokorso über die schneebedeckten Straßen feierten.

Bevölkerung zu 80 Prozent von Inuit gebildet

Mumilaaq Qaqqaq – ausgesprochen „Kakkak“ – hat einen weiten Weg nach Ottawa. Es sind mehrere Tausend Kilometer von Baker Lake, wo sie geboren wurde und ihre Eltern als Lehrer arbeiten, in die Hauptstadt Ottawa. Aber Distanzen ist sie gewöhnt: Ihr Wahlkreis, der das gesamte Territorium Nunavut umfasst, ist fast zwei Millionen Quadratkilometer groß, etwa sechsmal so groß wie Deutschland. Aber es gibt nur 25 Gemeinden, zwischen denen keine Straßenverbindungen bestehen, mit insgesamt rund 35 000 Menschen in diesem erst 1999 gebildeten Arktisterritorium im Norden Kanadas, dessen Bevölkerung zu 80 Prozent von Inuit gebildet wird – und das die jüngste Bevölkerung ganz Kanadas hat.

Ein Besuch in Ottawa vor zwei Jahren sollte maßgeblich Mumilaaq Qaqqaqs weiteren Lebensweg beeinflussen. Das Programm „Daughters of the Vote“ bringt jährlich 338 junge Frauen, eine aus jedem Wahlkreis, nach Ottawa, wo sie im Parlamentssaal diskutieren und Kabinettsmitglieder treffen. 2017 war Mumilaaq eine von ihnen. Ihre nur etwas mehr als zwei Minuten lange emotionale Rede über die hohe Suizidrate unter Inuit, über das Gefühl der Menschen im Norden vergessen zu werden und ihre Frage „Wo sind unsere nichtindigenen Verbündeten?“, brachte ihr stehende Ovationen ein. 

Das Video fand landesweit Aufmerksamkeit. Mumilaaq Qaqqaq, die für die Inuitorganisation „Nunavut Tunngavik“ und das Gesundheitsministerium von Nunavut gearbeitet hatte, wurde nun als die junge Stimme der Arktis gesehen. Vor drei Monaten sprach die NDP sie an, ob sie für das Parlament kandidieren wolle. Sie sagte zu.

Der eigenen Identität bewusst sein

Mumilaaq spricht ihre indigene Sprache, Inuktitut, wenn auch nicht so fließend, wie sie es gerne würde. Und selbst als Abgeordnete will sie weiter an ihrem Inuktitut arbeiten. Auffällig sind ihre Gesichtstattoos, wie Inuitfrauen sie seit Generationen tragen. „Wir müssen uns auf die moderne Welt einstellen, aber das gelingt uns am besten, wenn wir uns unserer eigenen Identität bewusst sind und unsere Traditionen und Kultur zurückgewinnen“, sagt sie den in Iqaluit, der Territorialhauptstadt von Nunavut, erscheinenden „Nunatsiaq News“.

Ihre Vision ist ein Nunavut mit deutlich niedrigerer Suizidrate, denn die Suizidrate unter Inuit ist etwa neunmal höher als die der nichtindigenen Bevölkerung. „Suizid ist so ein komplexes Thema. Wir müssen so viele Dinge ändern, um die Suizidrate zu verringern: den Wohnraummangel, Gesundheitsfürsorge, psychische Gesundheit, Freizeitangebote, Zugang zu Bildung“, sagt sie.

Mangelnde Fortschritte in all diesen Bereichen sieht sie als Gründe, dass sich die Wählerinnen und Wähler von den beiden großen Parteien und auch vom liberalen Premierminister Justin Trudeau abwandten und sie als Neuling in der Politik wählten. Als Oppositionsabgeordnete hat Mumilaaq Qaqqaq keinen direkten Zugang zum Regierungschef, aber sie ist davon überzeugt, dass die Regierung zuhören wird: „Es geht um die Menschen in unserem Territorium und unseren Gemeinden.“ Für Mumilaaq Qaqqaq ist es Zeit, dass Ottawa eine starke Stimme aus der Arktis hört.

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