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215 Paar Kinderschuhe auf der Treppe der Vancouver Art Gallery erinnern an die toten Kinder.
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215 Paar Kinderschuhe auf der Treppe der Vancouver Art Gallery erinnern an die toten Kinder.

First Nations

Kanada: Sterbliche Überreste von 215 Kindern auf Internatsgelände gefunden – Kinderschuhe als Mahnmal

  • VonGerd Braune
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Grausige Funde in Kanada in einem Internat für Indigene zerren das beschämendste Kapitel der kanadischen Geschichte wieder einmal ans Tageslicht.

Seit Jahren setzt sich Kanada eigentlich ziemlich schonungslos mit den dunklen Seiten seiner Geschichte auseinander. Nun haben grausige Funde auf dem Gelände einer ehemaligen staatlichen Internatsschule die Unterdrückung und Misshandlung vieler Kinder der indigen Völker Kanadas erneut ins Bewusstsein gerufen. Bei Kamloops in British Columbia, dem fernen Westen des Landes, wurden jetzt die sterblichen Überreste von 215 Kindern aus First Nations entdeckt.

Premierminister Justin Trudeau äußert sich betroffen, das Parlament legt eine Schweigeminute ein. Auf der Treppe der Kunstgalerie von Vancouver wurden 215 Paar Kinderschuhe abgestellt – ein spontanes Mahnmal.

Kanada: Sterbliche Überreste von 215 Kindern entdeckt

Mit einem Radar war das Gelände untersucht worden. Am Wochenende wurde ein vorläufiges Ergebnis präsentiert. Die Untersuchungen bestätigen, was die Angehörigen der im Raum Kamloops lebenden First Nations lange vermutet hatten, aber bisher nie nachweisen konnten: Viele ihrer Kinder kamen in der Schule ums Leben, was genauso verschwiegen wurde wie, dass man sie rund ums Internat verscharrte. Einige der Kinder waren zum Zeitpunkt ihres Todes nicht älter als drei Jahre. Ein eingehender Bericht soll im Juni veröffentlicht werden. „Es ist niederschmetternd, das zu erfahren. Das ist eine brutale Wirklichkeit, und es ist unsere Wahrheit, es ist unsere Geschichte“, klagt Rosanne Casimir an. Sie ist Chief der Tk’emlups te Secwepemc First Nation, also Anführerin dieser First Nation.

Der Tatort bei Kamloops.

Residential Schools sind Internatsschulen, die vom Staat eingerichtet, aber überwiegend von Kirchen geführt wurden. Die ersten wurden bereits vor Gründung Kanadas 1867 geschaffen. Sie wurden dann zum dominierenden Schulsystem für die Kinder der Urbevölkerung, der First Nations, der Inuit und der Métis. 130 solcher Schulen gab es in Kanada. Erst in den 90er Jahren wurden die letzten geschlossen.

Residential Schools in Kanada: Kinder wurden ihren Familien entrissen

Ende der 60er Jahre hatte ihr Niedergang begonnen, als die schlimmen Folgen dieses Schulsystems immer deutlicher wurden. In den Schulen lernten die Kinder Lesen und Schreiben und Fertigkeiten für Haushalt, Landwirtschaft und Handwerk. Vor allem aber hatten die Schulen das Ziel, die Kinder in den von europäischen Einwanderern geprägten Staat einzugliedern. Assimilieren aber bedeutete, ihre traditionelle Identität und Kultur zu zerstören. Die Kinder wurden ihren Familien entrissen und in die Schulen gebracht, die meist außerhalb ihrer Reservate lagen, viele sehr weit entfernt.

Über Monate und manchmal Jahre hinwegsahen sie ihre Familien nicht. Sie verloren alles Selbstwertgefühl. Sie durften ihre Muttersprache nicht sprechen und ihre Bräuche nicht pflegen. Immer wieder wurden sie auch sexuell missbraucht. Sie wurden gefoltert und geprügelt, etliche begingen Suizid oder flohen, manchmal mitten im Winter, und erfroren dann. Kinder starben durch Vernachlässigung und Epidemien. Bis heute ist das Schicksal vieler Kinder ungeklärt, die in Internaten oder auf der Flucht ums Leben kamen. Es gab Schulen, die ihre „Zöglinge“ korrekt behandelten, aber die schlimmen und traumatischen Erfahrungen Zehntausender Kinder überlagern alles.

Indigene in Kanada: Residential Schools verursachten soziale Probleme

Eine große Zahl der sozialen Probleme indigener Gemeinden – zerstörte Familien, Alkohol- und Drogenmissbrauch und Gewalt – werden auch auf die Residential Schools zurückgeführt. 2008 entschuldigte sich die Regierung dafür bei der Urbevölkerung. 2015 bezeichnete die neu geschaffene „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ Residential Schools als „Bestandteil einer bewussten Politik des kulturellen Genozids“.

Indigene Völker in Kanada

Die Rechte der indigenen Völker auf dem Gebiet des heutigen Kanada wurden seit den 70er Jahren gestärkt. Der Lebensstandard hat sich in vielen Gemeinden verbessert, aber er ist immer noch niedriger als der der nicht indigenen Bevölkerung. In vielen Gemeinden existiert soziale Not, es mangelt an Wohnraum, das Gesundheitswesen ist unterentwickelt und zahlreiche Gemeinden haben keinen gesicherten Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Diskriminierung und Rassismus der Indigenen sind aus dem „weißen“ Alltag Kanadas immer noch nicht verschwunden. Die kanadische Regierung hat „Reconciliation“, die Versöhnung der Ethnien, zum Programm gemacht. Die Entdeckung von Kamloops zeigt erneut, dass es noch immer ein langer Weg ist.

Forensische Abteilungen werden nun Pläne ausarbeiten, die Überreste der bei Kamloops gefundenen 215 Kinder zu identifizieren und diese dann in ihre jeweiligen Gemeinden zu überführen.

Danach steht die Tk’emlups te Secwepemc First Nation vor der schmerzvollen Aufgabe, für die Hinterbliebenen Jahrzehnte der Ungewissheit zu beenden. gb

Die Anstalt bei Kamloops war 1890 eröffnet und 1978 geschlossen worden. Zeitweise war sie die größte ihrer Art. In den First Nations kursierten immer Geschichten von Kindern, die nie mehr von dort zurückgekehrt seien. Bereits vor 20 Jahren wurden erste Versuche unternommen, etwaige Leichen dort zu entdecken. Aber erst durch die jetzige finanzielle Unterstützung der Regierung von British Columbia konnte die Technologie angeschafft werden, mit der man auch fündig wurde.

Tote Kinder in Kanada: Indigene müssen Abgründe ihrer Geschichte erneut durchleben

Premierminister Justin Trudeau nannte jetzt die Entdeckung der toten Kinder eine „schmerzvolle Erinnerung an dieses dunkle und schändliche Kapitel der Geschichte unseres Landes“. Für die indigenen Völker bedeuten die Entdeckungen von Kamloops, dass sie damit erneut die Abgründe ihrer Geschichte durchleben müssen. „Jeder Kanadier muss lernen, was damals geschah und welche Traumata es über Generationen hinweg verursachte“, sagte ein Sprecher von First Nations in der Provinz Manitoba. (Gerd Braune)

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