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Kampf um die letzten Reste

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Von: Peter Rutkowski

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Während schwerer Kämpfe an der Front in Sjewjerodonezk in der Region Luhansk liegen am 8. Juni ausgebrannte Autowracks am Rand eines Wegs.
Während schwerer Kämpfe an der Front in Sjewjerodonezk in der Region Luhansk liegen am 8. Juni ausgebrannte Autowracks am Rand eines Wegs. © Oleksandr Ratushniak/dpa

Die Russen erzielen geringe Erfolge im Donbass.

In Sjewjerodonezk wird um die letzten 20 Prozent des Stadtgebietes gekämpft, das noch von ukrainischen Truppen gehalten wird. Der Gouverneur der Oblast Luhansk, in der der umkämpfte Trümmerhaufen liegt, Serhij Haidai, sagte am Donnerstag, wer sich dort noch vor die Tür traue, habe „eine 99-prozentige Chance umzukommen“. Haidai ist kein Militär, also mag die Zahl 99 übertrieben sein, aber dass es weiterhin Tote und Versehrte unter der dort noch ausharrenden Zivilbevölkerung geben wird, steht außer Frage.

Während die Ukrainer vor allem das Industriegebiet von Sjewjerodonezk noch halten, suchen sie gleichzeitig nach Fluchtwegen für die Zivilpersonen. Ein von Moskau avisierter „humanitärer Korridor“ wurde abgelehnt – die ukrainischen Truppen haben in den bislang 113 Tagen der russischen Invasion zu oft die Erfahrung gemacht, dass vereinbarte Korridore dann von russischer Artillerie, Raketen oder Kampfjets beschossen werden. Haidai hält es nun für unmöglich, noch die in dem unter fast ständigem Beschuss liegenden Azot-Chemiekombinat Zuflucht Suchenden dort herauszuholen. Ein zweites Asowstal scheint also Realität zu werden.

Das Kampfgeschehen konzentrierte sich an Fronleichnam auf die Frontabschnitte nördlich und südlich von Sjewjerodonezk. Im Umland von Charkiw wurden Gefechte gemeldet. Von dort im Norden bis in den Süden in Richtung Saporischschja gab es Bombardements. Russische Truppen, die nicht nach Sjewjerodonezk hinein verlegt werden, versuchen nun offenbar Lissytschansk zu isolieren, um dann wohl einen weiteren Versuch zu starten, über den Siwerskyj Donez zu kommen, dessen Übergang die Ukrainer bislang mehrfach verhindern konnten. Hätten die Russen den Fluss, könnten sie entweder ihre Geländegewinne in Luhansk und Donezk konsollidieren oder gar weiter nach Westen vorstoßen.

Letzteres scheint zurzeit eher unwahrscheinlich. Der US-amerikanische Thinktank Institute for the Study of War, beobachtet die Verschickung veralteten russischen Geräts an die Front. Um die Kampfkraft der teil ausgebluteten Fronttruppen scheint es nicht besser bestellt. Ungeübte Reservisten und Freiwillige scheinen nach dem Jahrunderte alten Prinzip eingesetzt zu werden, dass die schiere Masse den Gegner erdrücken soll – egal, wie viele dabei ums Leben kommen.

Angesichts dessen sagte die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Hanna Malyar am Donnerstag, Moskau wolle auch weiterhin die Ukraine vollständig auslöschen.

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