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Lernen allein sichert nicht die Zukunft: Babacho in der Schule.

Südsudan

Der Kampf nach dem Kampf

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Als Zwölfjähriger schloss er sich den Milizen im Südsudan an. Vor drei Jahren hat Babacho Mama seine Waffen der UN übergeben ? und versucht seitdem, sich eine normale Existenz aufzubauen.

Seit Wochen steigen im Boma State die Flüsse. Babacho Mama steht mit seinen schwarzen Gummistiefeln, made in China, auch in seiner Blechhütte wadentief im Wasser. Babacho Mama ist ein ehemaliger Kindersoldat der Cobra-Miliz. Sein neues Leben ohne Waffen und Gewalt will er noch nicht aufgeben. Ein letztes Mal, eine letzte Regenzeit will er versuchen, das mühsam aufgebaute Wäschereigeschäft, das ihm manchmal eine Mahlzeit am Tag ermöglicht hat, auch unter diesen schwierigen Bedingungen am Laufen zu halten. 

Bis vor kurzem brachten ihm die Leute aus der Umgebung täglich ihre Wäsche, die er im Fluss waschen konnte. Die 400 bis 600 South Sudanese Pounds, das entspricht etwa zwei bis drei Euro, die er damit verdiente, reichten für eine Mahlzeit am Tag. „Und ich hatte noch Zeit, auf der anderen Flussseite zur Schule zu gehen“, sagt Babacho, „aber jetzt, mit dieser Flut, muss ich aufgeben, die Wäsche wird nicht mehr trocken, das Geschäft läuft nicht mehr. Wie auch, wenn meine Hütte unter Wasser steht.“ Er fährt schweißüberströmt mit seinem alten Kohlebügeleisen über die letzten Hemden.

Vor drei Jahren hat Babacho während einer Feuerpause im Südsudan zusammen mit anderen jungen Kameraden die ausgedienten Uniformen und Waffen den Soldaten der Vereinten Nationen übergeben. Es war ein großes Fest. Ein Fest für eine der größten Freilassungen von Kindersoldaten aus den Händen der afrikanischen Kriegsmaschinerie.

Seine Eltern hat Babacho bei einer der sogenannten ethnischen Säuberungen verloren. Eine Kugel schlug seinen Vater nieder, die Mutter wurde förmlich geschlachtet. Babacho, damals ein Kind, hatte alles verloren, und blieb schutzlos zurück. „Mit zwölf“, er denkt kurz nach, denn sein Alter kennt er nicht, so wie die meisten Kindersoldaten, „habe ich mich dann der Miliz angeschlossen und wollte Rache. Ich war bereit zu kämpfen.“ Er wurde sofort aufgenommen, an der Waffe ausgebildet, hat alle Kriegslieder auswendig gelernt. „Dann war ich einer von ihnen, ein Soldat.“ Anders als viele seiner Leidensgenossen wurde er nicht entführt oder zwangsrekrutiert. Ihn trieb die Verzweiflung.

Anfänglich trug er nur die Waffen für die hochrangigen Milizangehörigen, nach eigenen Aussagen hauptsächlich als Leibwächter für den Milizanführer, David Yau Yau vom Stamm der Murle. Von ihm bekam Babacho auch seine Auszeichnung zum Leutnant, die grünen Dienstgradabzeichen mit dem goldenen Stern und der Aufschrift „SPLA“, die Abkürzung für Sudan People’s Liberation Army. Vermutlich eine Beute aus einer der unzähligen Schlachten. Später musste er mit den anderen an die Front, bewaffnet mit rostigen, tausendfach abgefeuerten Kalaschnikows AK-47. Mit ihren 600 Schüssen pro Minute und einem Gewicht von gerade mal drei Kilogramm wird die AK-47 selbst in den Händen von nicht ausgebildeten Kindern zur tödlichen Waffe. Babacho war zwölf, vielleicht auch schon 14 Jahre, als er zum ersten Mal auf einen Menschen zielte – und abdrückte.

Vier lange Jahre kämpfte Babacho für die Cobra-Miliz. Nun war er des Kämpfens müde geworden. Zu viel gesehen, zu viel erlebt, zu viel ertragen. Traumatisiert, körperlich und seelisch schwer verletzt von dem was ihm angetan wurde, was er mit ansehen musste und was er anderen angetan hat. „Am Anfang konnte ich kaum schlafen, ich wachte immer wieder zitternd auf, konnte den Tod riechen, sah wie viele meiner Kumpels starben.“ Auch die Frage ob es schwer war zu schießen oder andere zu töten, beantwortet er bedacht und leise, sein Blick senkt sich zum Boden; „Wenn du nicht schießt, stirbst du zuerst. Ich musste es tun, es waren unsere Feinde.“

Nach Jahrzehnten des Nord-Süd-Bürgerkriegs schaffte es der Südsudan im Jahr 2011, sich vom Norden zu trennen. Die Menschen jubelten, mehr als 90 Prozent stimmten für die Unabhängigkeit. Doch der Traum währte nur kurz. Im Dezember 2013 brach ein Streit zwischen dem neuen Präsidenten Salva Kiir und seinem ehemaligen Vize Riek Machar aus, obwohl sie einst Schulter an Schulter für diese Unabhängigkeit gekämpft hatten. Der große Traum zerbröselte gemeinsam mit der sich auflösenden und marodierenden Armee, deren Soldaten seit Monaten keinen Sold erhielten. In vielen Teilen des Landes begann eine Hetzjagd zwischen den Ethnien mit unbeschreiblicher Brutalität.

Das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, schlägt angesichts der dramatischen Entwicklung der Flüchtlingszahlen Alarm. 2,3 Millionen Flüchtlinge wurden bis Ende 2017 erwartet, damit reiht sich der Südsudan hinter Syrien und Afghanistan ein – allerdings mit weit weniger öffentlicher Aufmerksamkeit und chronischer Unterfinanzierung der humanitären Hilfe.

Weltweit werden schätzungsweise 250 000 Jungen und Mädchen unter 18 Jahren für den Krieg eingesetzt. Sie sind billig, gefügig und manipulierbar; leichte und kleine Waffen, förmlich auf sie abgestimmt, gehören zu den Exportschlagern der Rüstungsindustrie. Obwohl die Vereinten Nationen seit mehr als 20 Jahren darauf hinweisen, dass insbesondere das Vorhandensein von Kleinwaffen die Rekrutierung und den Einsatz von Kindersoldaten begünstigt, hat die Bundesregierung die Exportgenehmigungen in Drittländer drastisch erhöht. Laut UN-Berichten sind im Südsudan seit 2013 etwa 17 000 Minderjährige als Kindersoldaten rekrutiert worden.

Angesichts dieses massiven Missbrauchs Tausender Kinder startete 2015 die Unicef gemeinsam mit Partnerorganisationen wie Terre des Hommes Hilfsprogramme zur Demobilisierung. Als in Pibor insgesamt 1775 Kindersoldaten freigelassen wurden, gab es ein großes Fest. Doch der anfängliche Optimismus war ein Strohfeuer. 2016, also nicht einmal ein Jahr später, wurde bereits ein Wiederanstieg der Rekrutierung beobachtet.

Babacho Mama gehört aufgrund seiner Geschichte zur Generation der „lost boys“, der verlorenen Jungs. Nachdem er Waffe und Uniform abgegeben hatte, sagten sie ihm im Aufnahmecamp, dass sie seine Eltern suchen und einen Platz an einer Schule besorgen würden. Und im Gespräch mit einem Sozialarbeiter sollte er die Möglichkeit bekommen, seine Erlebnisse bei der Miliz aufzuarbeiten. Viel ist seither nicht passiert. 

Unicef und einige Nichtregierungsorganisationen unterstützten den Aufbau von kleinen Unternehmungen, wie einer Bäckerei und einer kleinen Ziegelbrennerei, um Kindern und Jugendlichen wie Babacho eine Einkommensmöglichkeit zu schaffen. Zusätzlich gab es als Starthilfe zwei Ziegen. Doch die ständigen Übergriffe und Plünderungen führten zum Scheitern der meisten Projekte. Der Südsudan bleibt ein Alptraum.

Die erste Phase der „DDR“-Programme (Disarmament, Demobilisation and Reintegration), die Befreiung der Kinder aus den Fängen der Miliz, war zunächst erfolgreich. Die Jungen legten die Waffen nieder, doch viele griffen bei aufflammenden Bedrohungssituationen erneut zu den Waffen, um sich zu verteidigen. Ständige Zusammenstöße, wie die im November 2017, zwischen den Murle und den Nachbarstämmen, bei denen Kinder, Frauen und Vieh entführt wurden, sind keine Seltenheit und fordern immer wieder Todesopfer. „Eigentlich will ich nicht wieder kämpfen“, sagt Babacho. „Ich möchte weiter zur Schule, lernen, arbeiten und ein normales Leben aufbauen, aber was soll ich machen? Ich habe schon wieder alles verloren. Einen Tod muss man sterben. Hunger oder Krieg.“ Dann macht er sich auf den Weg zur Schule, in seinem gerade frisch gebügelten Hemd und den geputzten Sandalen. Unter dem Arm die abgegriffene Unicef-Plastiktüte mit seinen Schulsachen. Ohne Zweifel, er will lernen. Und ist vielleicht sogar der Fleißigste.

Im Ortskern kommen Babacho Hunderte, mit Holzstöcken und Schildern bewaffnete Jugendliche und junge Männer entgegen, die mit Gebrüll und Kriegstänzen zum Baum der Weisen aufmarschieren. So haben es bereits viele Generationen vor ihnen getan. Die nackten Oberkörper mit Narben übersät und geschmückt mit Perlenketten. Sie gehören einer Miliz der Murle an, einer Art Verteidigungswehrmacht, und sie wollen heute über weitere Vorgehen und Repressalien mit den örtlichen Behörden verhandeln. Kommt es zu keiner Einigung, gibt es Krieg – und die Stöcke werden gegen Waffen getauscht. Babacho erkennt ehemalige Kameraden, aber heute hält er sich zurück und geht weiter. Als ehemaliger Soldat weiß er zu gut, wie schnell alles geht und wie man wieder an Waffen gelangt, denn sie sind allgegenwärtig, auf den Straßen, an jeder Ecke, in jedem Haus, an jedem Domino-Spieltisch. 

In der „Pibor Boys Primary School“ angekommen, sitzt er mit den wenigen anderen Jungen in der vierten Klasse auf den alten bekritzelten Schulbänken. Ein Essensprogramm, das mehr Kinder zur Teilnahme am Unterricht motivieren würde, gibt es nicht an dieser Schule. Wer doch kommt, schläft oft hungrig ein. Es erstaunt also nicht, wenn Unicef vermeldet, über 70 Prozent der Kinder im Südsudan beendeten die Grundschule nicht. In Pibor sollen es sogar noch mehr sein.
Babacho und seine Mitschüler warten, wie so häufig, auf den Lehrer. Zwischenzeitlich beschäftigen die Jungen sich mit dem Tafelbild, einer Botschaft säuberlich mit weißer Kreide geschrieben: „Jesus sagte zu ihm, habe keine Angst, von nun an wirst Du keine Fische fangen, sondern Menschen ...!“ Babacho packt seine Kladde aus, liest in seinen Notizen. Mühsam versucht er, der gerade erst das Alphabet gelernt hat, sich in der englischen Sprache zurechtzufinden. Schließlich kommt Adam, der Englisch-Lehrer. Eine Stunde zu spät, wie so oft, denn seit Monaten hat er – wie alle anderen Lehrer auch – keinen Lohn erhalten und muss sich anderweitig seinen Lebensunterhalt verdienen. Nach 45 Minuten ist der Unterricht rum.
Auf dem Heimweg kommt Babacho in der brütenden Mittagshitze an den immer noch tobenden Jugendmilizen am Baum der Weisen vorbei. Am Fluss wartet er mit vielen anderen auf eines der überfüllten Ruderboote, denn die erst kürzlich gebaute Brücke ist überflutet und nicht passierbar. Für ein paar Cent rudern geschäftstüchtige Kinder die Menschen auf die andere Flussseite. Statt Ruder, die es nicht gibt, nutzen sie die von den Brückenbauern zurückgelassenen Schaufeln.

Während die Flut das Wasser weiterhin in seine Blechhütte treibt, faltet Babacho auf dem knarrenden Brett noch die gerade frisch gebügelten Hemden. Zu Essen gibt es heute nichts. Schlafen kann er hier auch schon lange nicht mehr. Neben dem Wäschestapel liegen die alten Dienstgradabzeichen. Obwohl an ihnen viele schlechte Erinnerungen hängen, wohnt ihnen doch auch eine gefährlich bestechende Logik inne: Denn mit jedem Tag, an dem Babacho Mama mit seiner Arbeit kein Geld verdient, die Schule keine Perspektiven bietet und der Hunger unerträglicher wird, erscheint der Griff zur Waffe als einfacher Weg, die Probleme des Alltags zu lösen.

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