+
In Afrika wird immer noch zu viel marschiert, paradiert – und getötet. Im Bild: eine südsudanesische Ehrenformation.

Afrika

Kampagne für das Schweigen der Waffen

Die Afrikanische Union will die virulenten Konfliktherde eindämmen – aber niemand weiß so genau, wie.

Ein neuer Präsident, eine neue Kampagne, ein altes Ziel. Südfafrikas Präsident Cyril Ramaphosa übernimmt für zwei Jahre den Vorsitz in der Afrikanischen Union. Die just für 2020 die Parole „Silencing the Guns“ („Die Waffen zum Schweigen bringen“) ausgegeben hat.

Zwei Millionen – so viele Leben wurden mittels Schusswaffen in afrikanischen Ländern allein im vergangenen Jahrzehnt gewaltsam beendet. Das ambitionierte Ziel des AU-Staatenbundes für 2020 ist, „alle Kriege, Bürgerkriege, geschlechterspezifische Gewalt und Konflikte auf dem Kontinent zu beenden und Genozid zu vorbeugen“. Würde das gelingen, Ramaphosa hätte einen Ehrenplatz in allen Geschichtsbüchern sicher. Das postkoloniale Afrika hat noch nie auch nur einen Tag Frieden erlebt – das kolonial und präkoloniale allerdings auch praktisch nicht. Analysten, Hilfsorganisationen und Friedensinitiativen mögen hoffen, aber sie bleiben pessimistisch. Sie sehen zu wenig Fortschritte und zu viele Rückschritte. Auch dank institutioneller Blindheit der AU.

Ressourcenkrieg im Südsudan, der ewige Krisenherd Kongo, Revierkämpfe in der Zentralafrikanischen Republik und in Libyen. Terror in Mali, Somalia, Mosambik und rund um den Tschadsee. Ethnische und religiöse Konflikte in Äthiopien ... Kann die AU 2020 tatsächlich ein Ende des Blutvergießens einläuten? Vom „Institute for Security Studies“ (ISS), einer Denkfabrik in Pretoria, heißt es dazu, die Regierungen müssten „Wunder wirken“, um das zu erreichen.

Der neue AU-Chef Ramaphosa.

Dabei gab es in der jüngeren Vergangenheit durchaus Erfolge: der Friedensschluss zwischen Äthiopien und Eritrea, ein wiederbelebtes Friedensabkommen im Südsudan und ein Ende der innenpolitischen Krise auf Madagaskar. Die politischen Konflikte wurden weniger. Aber die Zahl der Kampfhandlungen stiegen 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent. Konfliktforscherin Gugu Dube vom ISS schätzt: „Die Herausforderungen sind enorm und es ist unwahrscheinlich, dass aus diesem Jahr ein konfliktfreier Kontinent hervorgeht.“

Afrikas Übel sind allgegenwärtig: die koloniale oder postkoloniale willkürliche Grenzziehung, Ungleichheit, Armut, Missachtung der Menschenrechte, Korruption, Raubbau und Klimawandel. Und die AU-Diplomaten – so sieht es Dube – stehen sich selbst im Weg. „Der politische Wille könnte größer sein. Denn die Mitgliedsstaaten haben gegensätzliche Interessen, was ihren Einsatz für die ,Silence’-Kampagne bremst.“ Eine Herausforderung sei die Überwachung der Kampagnenziele: Niemand wisse recht, wann und wie man sich dafür austauschen soll.

Darüber hinaus ignoriere der Friedens- und Sicherheitsrat der AU laufend und zu lange neue Konfliktherde, etwa den Sprachkonflikt in Kamerun und die ethnischen Kämpfe in Äthiopien. Auch vor dem Putsch im Sudan habe der Rat die Situation erst „eskalieren lassen“, ehe er einschritt, moniert das ISS. „Natürlich ist die AU nur so stark wie ihre Mitglieder und da einige von ihnen zutiefst undemokratisch sind, ist es unwahrscheinlich, dass sie andere Staaten für dasselbe Versagen bestrafen werden.“ Neben der AU sieht Dube auch den Westen in der Verantwortung. So seien Afrikas Friedensmissionen von dessen finanzieller Hilfe abhängig. Auch mit Waffen exportierenden Ländern brauche es mehr Koordination, um den Fluss illegaler Schusswaffen einzudämmen.

Die Zeit drängt. Rund 60 Prozent der Afrikaner sind 25 oder jünger. Und ohne Perspektiven. Die Gefahr sei groß, dass sie sich einer bewaffneten Gruppe anschließen, schätzt die Leiterin der „Silence“-Kampagne, Aissatou Hayatou. Ein bedeutender Teil von Afrikas 600 Millionen Jugendlichen sei arbeitslos, ohne Bildung oder geregeltes Einkommen. Die AU-Diplomaten haben verstanden: „Wir müssen in wirtschaftliche Entwicklung investieren.“

Vom Ziel eines friedlichen Kontinents bis Jahresende ist Afrika weit entfernt. Dennoch sieht das ISS Hoffnung: Durch die jüngste Schaffung einer kontinentalen Freihandelszone hätten Afrikas Staats- und Regierungschefs bewiesen, dass sie gemeinsam ein länderübergreifendes Problem anpacken könnten. „Wenn sie diesen Zusammenhalt wiederholen und aufrechterhalten, könnten die Prognosen 2021 besser stehen als in diesem Jahr.“ (FR/kna)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion