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Joachim Trebbe ist Professor für Medienanalyse an der Freien Universität Berlin.

Boateng-Beleidigung

Das „kalkulierte Missverständnis“ der AfD

Hat AfD-Vize Gauland mit seinen Äußerungen über Boateng einen Fehler begangen? Medienexperte Joachim Trebbe spricht im Interview über die Kommunikationsstrategie der Alternative für Deutschland.

Herr Trebbe, war die Äußerung von AfD-Vizechef Alexander Gauland über Jérôme Boateng ein gezielter Tabubruch?
Ich würde das als kalkuliertes Missverständnis bezeichnen. Klar ist, dass selbst fremdenfeindlich gesinnte Menschen in aller Regel bereit sind, ethnische Minderheiten zu akzeptieren, wenn diese einen besonderen gesellschaftlichen Stellenwert haben. Diese Leute wären doch stolz, einen Schauspieler, Popsänger oder Fußballstar als Nachbarn zu haben. Über den „Makel“ beispielsweise der Hautfarbe sehen sie dann großzügig hinweg. Wäre der Name Boateng nicht gefallen, wäre Gaulands Äußerung gar nicht negativ, sondern als Beschreibung eines Phänomens aufgefasst worden.

Hat Gauland damit einen taktischen Fehler begangen? Geht der Schuss für ihn und seine Partei nun nach hinten los?
Nein, das glaube ich nicht. Solche Grenzüberschreitungen gehören zum strategischen Repertoire von Rechtspopulisten. Sie bedienen damit vor allem ihre Stammklientel, um sie bei der Stange zu halten. Ich glaube nicht, dass die AfD im konkreten Fall in den Umfragen an Zustimmung verliert. Wer solche Aussagen nicht gutheißt, wählt die AfD sowieso nicht.

Warum hat sich dann AfD-Chefin Frauke Petry von Gaulands Äußerungen distanziert?
Ein solches Vorgehen ist Teil der Strategie. Erst wird etwas behauptet und dann wird es scheinbar wieder zurückgenommen. Aber dann ist es längst in der Welt. Das ist ein bewährtes Doppelspiel. Entscheidend für die AfD ist, dass sie in den Medien ist und auf diese Weise auf der politischen Agenda bleibt. Ähnlich gehen im Übrigen bei anderen Themen alle Parteien vor: So plädiert zum Beispiel der CDU-Hardliner Wolfgang Bosbach gern für ein schärferes Vorgehen in der Flüchtlingspolitik. Die Kanzlerin wiegelt dann regelmäßig ab. Das ist im Grunde das selbe Spiel.

Und wir Medien sind Teil dieses Spiels, weil wir das Ganze verbreiten. Sollten wir anders mit solchen Ereignissen umgehen?
Es wäre schön, wenn die Medien so etwas einfach ignorieren könnten. Doch das ist unrealistisch. Journalisten sind bei solchen Themen gewissermaßen triebgesteuert. Sie müssen da einfach drauf aufspringen. Das geht gar nicht anders. Das Internet verschärft diese Tendenzen noch. Denn die hohen Klickzahlen für diese Themen zeigen regelmäßig, dass sie funktionieren. Das Thema Fremdenfeindlichkeit, personalisiert an einem bekannten deutschen Fußballnationalspieler, war geradezu eine perfekte Konstellation. Ein besseres Thema für die Medien ist doch kaum vorstellbar. Es hat sogar den Tortenwurf auf Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht in den Schatten gestellt, der sonst sicherlich am Wochenende die Schlagzeilen beherrscht hätte.

Interview: Sebastian Wolff

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