+
Das Gesicht einer neuen Protestbewegung: Emma Gonzalez.

USA

Kämpferin gegen Trump und die Waffen

  • schließen

Emma Gonzalez hat den Amoklauf an ihrer Schule in Florida überlebt. Jetzt kämpft sie gegen laxe Waffengesetze, faule Ausreden und Donald Trump - ein Porträt.

Als am vergangenen Mittwoch die Sirenen der Marjory Stoneman Douglas High School losgingen, saß Emma Gonzalez im abgedunkelten Auditorium ihrer Schule. Die 18-Jährige hielt den Alarm für eine Übung, bis sie Schüsse und Schreie hörte. Während das Mädchen auf dem Boden kauerte, erschoss in den Fluren des Gebäudes ein 19-Jähriger mit einem Schnellfeuergewehr wehrlose Menschen. Sechs Minuten später waren drei Lehrer und 14 Schüler – darunter ein Bekannter von Gonzalez – tot.

Den Schock und die Trauer merkte man Gonzalez noch an, als sie am nächsten Tag von CNN-Starmoderator Anderson Cooper interviewt wurde. Doch die Schülerin ist fest entschlossen, sich nicht länger wegzuducken. „Ich werde das nicht vergessen“, erklärte sie mit fester Stimme in die Kameras: „Die Frage, wie man so etwas verhindern kann, wird ein großer Teil meines Lebens sein.“

Emma Gonzalez will nicht schweigen

Eine Woche später ist die junge Frau mit den raspelkurzen Haaren, die Politik als Hauptfach für ihre College-Qualifikation im Sommer gewählt hat, in den ganzen USA bekannt. Am Samstag hielt sie bei der Gedenkfeier in Parkland, einem wohlhabenden Ort zwischen Palm Beach und Fort Lauderdale in Florida, eine ebenso kämpferische wie ergreifende Rede. Tags darauf sah man sie beim Sender MSNBC. Am Montag war sie zu Gast im amerikanischen Frühstücksfernsehen. Leidenschaftlich kämpft sie für schärfere Waffengesetze und geht Präsident Donald Trump an. Im Netz wird sie gefeiert. Gonzalez ist zum Gesicht einer neuen Protestbewegung in den USA geworden. „Das ist jetzt meine ganze Welt“, sagte sie der „New York Times“: „Ich kann es mir nicht länger erlauben zu schweigen.“

Also redet sie – schnörkellos und scharf. Den Waffennarren, die nun alle möglichen Ausflüchte erfinden, weshalb die laxen Auflagen für den Verkauf halbautomatischer Gewehre nichts mit dem Blutbad zu tun haben, ruft sie ein „Bullshit“ entgegen. Und gegen Politiker, die Spenden von der mächtigen Waffenlobby NRA akzeptieren, lässt sie ihre Zuhörer die Verwünschung „Schande über Dich!“ skandieren. Für die Reaktion von Trump auf das Massaker hat sie nur ein Wort übrig: „Erbärmlich!“

Gonzalez ist nicht alleine. Auch viele andere Schüler der Stoneman-Douglas-Schule melden sich lautstark zu Wort. Am Dienstag wollten sie mit dem Bus in die Landeshauptstadt Tallahassee fahren, um dort für strengere Waffengesetze zu demonstrieren. Am 24. März soll es in Washington einen „Marsch für unsere Leben“ geben.

Anders als nach dem Massaker an der Grundschule in Sandy Hook 2012, als anschließend die Eltern den Verlust ihrer Kinder beklagten, nehmen dieses Mal die jugendlichen Mitschüler die Sache in die Hand. Alle Aktivisten sind nach dem Amoklauf an der Columbine High School im Jahr 1999 geboren, der die Gefährdung der Bildungsanstalten erstmals ins öffentliche Bewusstsein brachte.

Seither gehören Amoklauf-Übungen in den USA zum Schulalltag wie in Deutschland der Probe-Feueralarm. Vielerorts gibt es Metalldetektoren und Sicherheitskräfte an den Türen. Im Internet kann man kugelsichere Schüler-Rucksäcke kaufen. Doch trotz des lautstarken Bekenntnisses, dass sich eine Tragödie wie in Columbine nie wiederholen dürfe, gab es seither nach einer Statistik der „Washington Post“ 170 weitere Schul-Amokläufe, und mehr als 150 000 Schüler wurden Augenzeugen des Horrors.

Reformvorstöße könnten diesmal fruchten

Die öffentliche Reaktion nach diesen Massakern lief bislang immer nach demselben Muster ab: Die Demokraten forderten schärfere Waffengesetze, die Republikaner empörten sich über die „politische Instrumentalisierung“ einer Tragödie und boten „Gedanken und Gebete“ an. Möglicherweise gab es einen kleinen Reformvorstoß. Aber entweder versandete der bald oder blieb wirkungslos.

Doch dieses Mal ist etwas anders. Die Waffenlobby NRA ist seit einer Woche auf Tauchstation. Trump erwägt nun zumindest kleinere Gesetzesänderungen. Das dürfte noch taktisch motiviert sein. Aber die Entschiedenheit des Schülerprotestes ist für die Politik schwer zu kalkulieren. Junge Wähler wie Emma Gonzalez sollte man nicht unterschätzen. „Wenn der Präsident mir etwas von einer furchtbaren Tragödie erzählen sollte, die niemals hätte passieren dürfen, würde ich ihn sehr gerne fragen, wie viel Geld er von der Waffenlobby NRA erhalten hat“, kündigte sie an.

Widerstand spornt Gonzalez nur noch weiter an. Vor ein paar Wochen erst hatte die Aktivistin beschlossen, ihre Haare abzurasieren. Ihre Eltern waren entschieden dagegen. „Je lauter sie Nein sagten, desto mehr wollte ich es“, berichtet sie.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion