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Denis Mukwege behandelt Frauen, die sexuelle Gewalt erlitten haben.

Friedensnobelpreis

Kämpfer gegen "genitalen Terror"

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Der kongolesische Frauenarzt Denis Mukwege hilft im Krieg vergewaltigten Frauen.

„Ich komme soeben aus der Hölle zurück“, schrieb Eve Ensler, Autorin der „Vagina-Monologe“ nach ihrem Besuch bei Denis Mukwege: „Ich weiß nicht, wie ich in Worte fassen soll, was ich gesehen habe.“ Die US-Schriftstellerin fürchtete, dass ihre Leser ihren Bericht schon nach den ersten Sätzen verstört zur Seite legen würden: „Wie kann ich Ihnen von jungen, gerade mal neunjährigen Mädchen erzählen, die von Banden von Soldaten vergewaltigt wurden? Von Frauen, deren Inneres von Gewehrkugeln zerfetzt worden ist und deren Körper unkontrollierbare Ströme von Urin und Kot von sich geben?“

Ensler wich deshalb zunächst auf die Beschreibung ihrer Hauptperson aus: Auf Denis Mukweges rotunterlaufen Augen, die von einer „stillen Qual“ gezeichnet seien. „Augen, die von dem Schrecken zu bluten scheinen, die dieser Mann gesehen hat.“ Sie beschreibt den Frauenarzt, wie er durch das von ihm gegründete Hospital in der am Kivu-See gelegenen ostkongolesischen Stadt Bukavu hetzt und keine Zeit zum Reden hat. Das Panzi-Krankenhaus hat 334 Betten, fast alle sind mit Opfern von Vergewaltigungen belegt. Es riecht nach Blut, Kot und Urin. In den schlimmsten Zeiten des kongolesischen Bürgerkriegs, der 1996 begann und noch immer nicht wirklich zu Ende ist, kamen hier täglich bis zu zehn Mädchen oder Frauen auf Bahren, mit Krücken oder auch kriechend an: Geschändet, zerfetzt, viele dem Wahnsinn nahe.

Damals verbrachte Mukwege täglich bis zu 18 Stunden im Operationssaal: Er operierte die vergewaltigten Frauen, schnitt die Fisteln heraus, die sich nach den Vergewaltigungen gebildet hatten. Als einer der ersten Frauenärzte der Welt hatte Mukwege eine Methode zur Wiederherstellung der malträtierten Unterleiber der Vergewaltigungsopfer entwickelt: Zunächst operierte er alle Patientinnen selbst, bis zu zehn Operationen am Tag. Inzwischen hat er vier Kollegen in seine Kunst eingeführt: Gemeinsam haben sie mittlerweile fast 40.000 Opfern wieder zu einem zumindest körperlich erträglichen Leben verholfen.

Ihre Heimat, die Demokratische Republik Kongo, gilt als die „Vergewaltigungskapitale der Welt“: Nirgendwo wird die Waffe der Schändung hilfloser Frauen und Mädchen häufiger und brutaler angewandt als hier. Denis Mukwege spricht von „genitalem Terrorismus“, von der „billigsten Form der Kriegsführung“. „Sie ist die ausgeklügelte Strategie, Frauen von ihren Familien zu trennen und unsere Gemeinschaften zu zerstören.“

Mukwege wurde vor 63 Jahren als drittes von neun Kindern einer asthmakranken Mutter in Bukavu geboren. Sein Vater, Pastor einer Pfingstgemeinde, besuchte regelmäßig kranke Gläubige, um mit ihnen zu beten: „Warum gibst Du ihnen keine Medikamente?“ wollte Denis wissen. „Weil ich kein Arzt bin“, kam die Antwort – sie reichte dem Jungen nicht aus. Nach dem Abitur studierte er Medizin, erst in Burundi, dann in Frankreich. 1989 kehrte er in den Kongo zurück und baute eine gynäkologische Station in Lemera auf, doch das Hospital wurde im Bürgerkrieg restlos zerstört. Mukwege zog nach Bukavu: Auch dort wurde seine Krankenstation gleich wieder verwüstet. Er gab trotzdem nicht auf.

Nachdem der „Arzt ohne Grenzen“, wie ihn seine fünf Kinder nennen, den Kampf auch auf die politische Bühne verlegt und vor sechs Jahren einen emphatischen Appell vor der UN-Vollversammlung in New York vorgetragen hatte, wurde er zu Hause in Bukavu von Bewaffneten überfallen. Sie erschossen seinen Fahrer und hielten seine Kinder fest, er selbst entkam nur knapp dem Tod. Mukwege floh mit seiner Familie nach Belgien, kehrte aber bald nach Bukavu zurück: Seine Patientinnen hatten ihm ein Flugticket gekauft . Ein Dokumentarfilm über das Leben Mukweges wurde von der Regierung in Kinshasa verboten.

In Mukweges Krankenhaus werden vergewaltigte Frauen jetzt auch psychisch behandelt. Über die internationale Beachtung freut sich der mehrfache Preisträger allerdings nur eingeschränkt: „Wir bekommen hier viele Besucher, die Sandwiches essen und ein wenig weinen. Aber dann gehen sie wieder weg und Hilfe kommt keine.“

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