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Wollen die Union einen: Annegret Kram-Karrenbauer und Paul Ziemiak.

Paul Ziemiak

Die junge Union

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    Daniela Vates
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Klar, kantig, konservativ: So will der erst 33-jährige neue CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak die Nach-Merkel-Partei aufstellen. Kann das gelingen, wenn der Auftrag "Versöhnung" erfüllt werden muss?

Sie hat sich nicht lange geziert. Und sie ist höflich auf Distanz gegangen zu ihrer Förderin und Vorgängerin. Ohne große Geste.

Die braucht Annegret Kramp-Karrenbauer gar nicht für den großen Effekt. Es genügt die ihr eigene, leicht zurückgenommene Art, mit der sie am Wochenende in die Fernsehkameras spricht. Dass sie gewiss konstruktiv mit der Kanzlerin zusammenarbeiten werde, sagt die frisch gekürte CDU-Parteivorsitzende, aber: „Die Regierungspartei spielt eine eigene Rolle.“ Und sie sehe ihre Aufgabe darin, „als Sachwalterin der Partei aufzutreten“. Dazu gehöre auch, „wo es im Interesse der Partei notwendig ist“, der Kanzlerin Paroli zu bieten.

Genau dafür, für das Paroli, hat sie sich beim Parteitag in Hamburg einen Mann an die Seite geholt, der in jeder Hinsicht so etwas wie ein Gegenentwurf zur protestantisch nüchternen Kanzlerin aus der Uckermark ist: Paul Ziemiak, 33 Jahre jung, sehr konservativ, sehr katholisch und durchaus bereit, bei passender Gelegenheit Einblick in sein Innenleben zu geben.

Der bekennende Fan ihrer parteiinternen Widersacher Friedrich Merz und Jens Spahn soll für die neue Parteichefin aber auch als Verbindungsmann wirken. Als Generalsekretär soll Paul Ziemiak, gerade noch Vorsitzender der Jungen Union, das konservative Lager rund um den großen Verlierer Merz und den liberalen Flügel wieder ins Gespräch miteinander bringen.

Und: Er soll die Partei verjüngen. „Die Jüngeren müssen Hand anlegen können in dieser Partei“, nennt Kramp-Karrenbauer das.

An der Tanzfläche hat die Saarländerin den Sauerländer beim Delegiertenabend in Hamburg dazu aufgefordert. Da habe Ziemiak endlich Ja gesagt, erzählt sie. Vor ein paar Wochen noch habe er abgelehnt mit dem Hinweis, „sein Herz und seine Loyalität gelte den NRW-Kandidaten“, also Merz und Spahn.

Ziemiaks Berufung soll ein Signal an das Verliererlager sein

Die haben den Kampf um den Parteivorsitz verloren. Und Ziemiak kommt nun doch zu Kramp-Karrenbauer. Warum? „Es geht um diese Partei. Heute beginnt etwas Neues“, sagt Paul Ziemiak.

Seine Berufung soll ein Signal sein an das Verliererlager: Die Junge Union steht traditionell dem konservativen Flügel nahe. Nordrhein-Westfalen als größter Landesverband soll zufrieden sein. Für die strategisch planende Parteichefin zählt eigenem Bekunden nach auch: Ziemiak vertritt die junge Generation und hat zugleich Erfahrung in der Führung einer großen Organisation. Die Junge Union hat mehr als 100.000 Mitglieder. Ganz offen erhofft sich die Parteichefin, dass die CDU mit ihm mehr jüngere Mitglieder wird werben können.

Das ist eine ganz eigene Herausforderung für einen Mann, der, wo es nur geht, das Konservative betont. Der sich nicht scheut, in einer politischen Rede über die Bedeutung der Osterwoche oder der Weihnachtsgeschichte für sein persönliches Leben zu sprechen. Seit einem Jahr ist er Vater, „und ich versuche das, was ich selbst von meinen Eltern mitbekommen habe, unserem Sohn weiterzugeben. Unsere Tradition, unsere Werte, vor allem auch unsere christlichen Werte. Und ich werde mit meinem Sohn auf Martinsumzüge gehen, so wie mein Vater es mit mir gemacht hat.“

In Hamburg nun sagt Paul Ziemiak, der schon mit 14 in die Junge Union eintrat, Sätze wie „Wir müssen die Partei des Rechtsstaats sein“, oder „Wir brauchen eine klare Haltung, damit die Menschen wissen, wofür wir stehen, und dann werden wir Menschen zurückgewinnen“.

Da spricht der Neue in der konservativen Führungsriege ganz nach dem Sinn des Altvorderen der SPD, der sich am Wochenende im „Handelsblatt“ zu Wort gemeldet hat. Sein Favorit für den CDU-Vorsitz, sagt Altkanzler Gerhard Schröder, sei der Wirtschaftsfachmann Merz gewesen: „Merz war eine Chance zu mehr Mut und Herausforderung. Und vor allem wäre Merz die Chance gewesen, dass sich die beiden Volksparteien wieder stärker voneinander abheben und so die Ränder links und rechts wieder schwächer werden.“

Genau das ist das erklärte Ziel von Ziemiak: weniger Ränder, mehr Definition in der Mitte. Seit 2014 stand er an der Spitze der JU, hat sie modernisiert und zu einer deutlich vernehmbaren Kraft in der Union gemacht. 2017 zog er in den Bundestag ein. Als „verbindlich“ wird er beschrieben. Im Bundestag fiel er jüngst in der Debatte um den UN-Migrationspakt auf. In flammenden Reden plädierte er für die Annahme des von der AfD bekämpften und auch in der Union umstrittenen Paktes, der die Wanderungsbewegungen von Menschen auf der Suche nach Arbeit global regeln will.

Denn auch bei der Zuwanderung fehlt ihm das, was ihm so etwas wie politisches Leitmotiv ist: klare Regeln. Die werden dann auch gern einmal eher kernig eingefordert: „Warum wird in Deutschland immer noch Kindergeld an Kinder ausgezahlt in gleicher Höhe, die noch nie in Deutschland gelebt haben und nicht in Deutschland leben? Das kann doch keiner verstehen. Und damit muss Schluss sein, und zwar noch in dieser Legislaturperiode.“ Das Thema Einwanderung ist ein persönliches: Ziemiak ist in Polen, in Stettin, geboren, kam als Dreijähriger mit den Eltern nach Deutschland, lebte die ersten Monate in einem Auffanglager für Aussiedler. Von dort ging es nach Nordrhein-Westfalen. „Das Sauerland“, sagt er, „ist meine Heimat.“

Sein Ergebnis bei der Wahl zum Generalsekretär ist eher schwächlich; 62,8 Prozent der Stimmen. Er selbst spricht nüchtern von einem „ehrlichen“ Ergebnis. Er weiß, dass er in Teilen der CDU auf wenig Gegenliebe stößt. Manche kreiden ihm an, dass er sein Jurastudium nach einem gescheiterten Examensversuch abgebrochen hat, dass er „allein von der Politik lebt und zu wenig Erfahrung in der Wirtschaft hat“, wie es ein Delegierter formuliert. Andere halten ihm vor, dass er erst für Merz gestritten und dann das Lager gewechselt hat.

Aber er ist ja nicht der Einzige in der CDU mit einer eher diffusen Haltung. Das gilt nicht zuletzt für den Unterlegenen selbst. Will er in der CDU noch eine Rolle spielen – oder nicht? Nach der Niederlage hat Merz seine Mithilfe in der CDU angeboten, aber offengelassen, wie diese aussehen könnte. Überlegungen machen die Runde, den Wirtschaftsanwalt ins Kabinett Merkel zu vermitteln. „Für die Stimmung wäre das gut“, sagt ein Bezirksvorsitzender aus Baden-Württemberg, setzt aber gleich hinzu: „Dass das passiert, ist eher unwahrscheinlich.“

„Die Enttäuschten werden eine Zeit brauchen, das ist wie bei Liebeskummer“, sagt ein Merz-Anhänger. „Es grummelt schon“, bestätigt Fraktionsvorstandsmitglied Thomas Bareiß auf Anfrage. „AKK muss jetzt zeigen, dass sie einen anderen Politikstil einbringt – und die Themen, die uns Sorgen machen.“

Tatsächlich soll die Zuwanderungspolitik nun eines ihrer ersten Themen sein, mit einer Parteikonferenz im Frühjahr, auf der der Streit der vergangenen Jahre aufgearbeitet werden soll. In den Landtagswahlen sollen soziale Themen zu Schwerpunkten werden.

Derjenige, der neue Nuancen vermarkten muss, ist Generalsekretär Ziemiak. Ober er genug Rückhalt dafür findet? 2014, bei seiner ersten Wahl zum JU-Vorsitzenden, erhielt er – wie jetzt in Hamburg – 63 Prozent der Stimmen. Im Oktober 2018 wurde er zum zweiten Mal wiedergewählt – mit 91 Prozent.

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