Aufräumarbeiten in Beirut.
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Aufräumarbeiten in Beirut.

Nach der Explosion

„Junge ergreifen die Initiative“

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Nothilfe-Koordinator Kayu Orellana über die Aufräumarbeiten und die drängendsten Probleme nach der Explosion im Libanon.

Herr Orellana, Sie sind Donnerstagabend in Beirut gelandet. Was sind Ihre Eindrücke?

Wir sind fast drei Kilometer vom Unglücksort untergebracht, aber auch hier gibt es Strukturschäden. Die meisten Geschäfte hatten am Donnerstag noch zu, am Freitag haben sie nach und nach geöffnet. Mit Sorge beobachten wir die politische Entwicklung. Die Krise im Land hat schon länger vielfältige Ursachen. Das ist jetzt der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Von unserem lokalen Team wurde uns gesagt, dass wir abends nicht vor die Tür gehen sollen, weil es Ausschreitungen und Demonstrationen gegen die Regierung gibt.

Wie geht die Bevölkerung mit der gewaltigen Zerstörung um?

Uns ist aufgefallen, wie stark besonders die junge Bevölkerung hier im Land die Initiative ergreift und sich an der Räumung der Scherben und Trümmerteile proaktiv beteiligt. Viele beklagen, dass es sehr wenig staatliche Beteiligung an den Aufräumarbeiten gibt. Aber diese Proaktivität, die wir wahrnehmen, ist Wind in unseren Segeln, oder andersherum gesagt, wir sind ein kleines Lüftchen, das wir noch in die Segel der Bevölkerung reinpusten können.

Wie läuft Ihre Hilfe ab?

Wir haben unmittelbar nach diesem Gespräch ein Treffen mit Partnerorganisationen. Wir arbeiten mit der lokalen Zivilgesellschaft zusammen, weil wir mit „Help – Hilfe zur Selbsthilfe“, wie es der Name bereits sagt, die Menschen selbst an ihrer humanitären Lage arbeiten lassen. Uns wurden bereits Vorschläge für Kooperationen gemacht. Wir müssen diese nun prüfen und gehen in Detailbesprechungen. Das Ziel ist, möglichst schnell Klarheit zu schaffen, welche Art von Maßnahmen wir unternehmen wollen.

Ihre Gruppe ist also eine Art Vorhut, die nicht direkt mit Zelten und Lebensmittelsäcken kommt?

Genau, es gibt in der humanitären Hilfe verschiedene Phasen. Zum einen die medizinische und technische Hilfe bei der Bergung. Das ist sehr zeitkritische Arbeit, die jetzt passieren muss. Aber humanitäre Hilfe ist keine Therapie, sondern ein Pflaster für eine Wunde. Sie kann keine wirtschaftlichen oder politischen Probleme lösen. Bei uns steht dagegen im Vordergrund, dauerhafte Lösungen zu finden.

Kayu Orellana (M.) hilft in Beirut auch beim Wiederaufbau von Wohnraum.

Zur Person

Kayu Orellana (37) ist Koordinator Nahost bei „Help – Hilfe zur Selbsthilfe“. Der Nothilfe-Verein sammelt Spenden für den Einsatz in Beirut, Infos gibt es unter: www.help-ev.de.

Gleich sprechen wir mit der libanesischen Organisation „arcenciel“, die Entwicklungsarbeit leistet. Dabei soll es um kurzfristige Beschaffung von Wohnraum gehen. Wir wollen zum einen Reparaturmaterial zur Verfügung stellen, um zerstörte Wohnungen wieder bewohnbar zu machen. Das gilt für die Menschen, die selbst in der Lage sind, eigene Reparaturen vorzunehmen. Und zum anderen wollen wir besonders hilfsbedürftige Gruppen wie alte Menschen oder Menschen mit Behinderung ausfindig machen, damit wir dann für sie gemeinsam mit der Organisation die Arbeit machen können.

Was ist neben der Obdachlosigkeit das drängendste Problem?

Die Lebensmittelknappheit ist definitiv akut. Die hat aber nicht nur etwas mit der Explosion zu tun. Das war vorher schon ein Problem, wird jetzt aber noch schlimmer. Die Kaufkraft der Libanesinnen und Libanesen wird immer geringer. Die Wirtschaft und die Lebensmittelindustrie sind vollständig auf Import ausgelegt. Wir müssen Lebensmittelhilfe leisten – gegebenenfalls mit einer „cash intervention“.

Was ist das?

Eine „cash intervention“ ist der humanitäre Goldstandard. Ein Vergleich: Wenn man etwa einem Obdachlosen auf der Straße begegnet, gibt es die, die ihm eine Pizza kaufen. Ich gebe ihm lieber Geld. Das ist der Gedanke hinter der „cash intervention“. Wenn möglich, sollte man immer Geld verteilen, weil das den Betroffenen die größtmögliche Freiheit gibt, zu entscheiden, was mit dem Geld zu machen ist. Wenn es aber keinen verfügbaren Markt gibt, die Geschäfte weg sind, dann startet man eher eine Verteilung von Lebensmitteln.

Wie schätzen Sie dahingehend die Lage im Libanon ein?

Noch scheint der Markt zu einem gewissen Maß intakt zu sein. Deswegen gehen wir davon aus, dass man hier Lebensmittel kaufen kann. Das ist aber immer mit dem Risiko verbunden, dass man als Hilfsorganisation mit sehr viel Geld um die Ecke kommt, große Kontingente an Lebensmitteln kauft, die dann für alle anderen, die die dann nicht beziehen, nicht mehr verfügbar sind.

Interview: Jakob Maurer

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