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Die Universität Haifa setzt auf das Modell Vereinte Nationen und fördert das gegenseitige Verständnis.

Israel

Jung, unterschiedlich, friedlich

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Studierende der Universität Haifa erproben einen konfliktfreien Austausch – unabhängig von Religion und Herkunft.

Wie sie da so sitzen und flaxen, sich mal lachend auf die Schulter klopfen, mal freundlich helfen, wenn einem das passende englische Wort fehlt – man käme nicht auf die Idee, dass man hier Vertreter einer tief zerrissenen Gesellschaft vor sich hat: Fünf Israelis, arabisch, jüdisch, drusisch, Studierende auf Deutschlandbesuch. Fünf, die für ein anderes Modell stehen als das der Spaltung, das die Regierung des Premiers Netanjahu in ihrer Heimat vorantreibt.

Da ist erst mal Taimur Mansour, der Druse, 31. „In Israel ist alles kompliziert“, sagt der Student der Ostasienwissenschaften an der Uni Haifa, „aber eben auch extrem divers.“ Das sieht man schon an seinem Leben: Er kommt aus Isfya auf dem Berg Carmel, wo fast nur Drusen leben und die Straßenschilder neben hebräischen auch arabische Schriftzeichen tragen. Eigentlich ähnelt die drusische Lehre der Schiiten, aber Israels Drusen betrachten sich nicht als Muslime. So hat Taimur als Kind eine jüdische Privatschule besucht – „eine säkulare“, wie er betont. Er hat in der Armee gedient, auch schon in Tel Aviv studiert. „Wir Drusen“, sagt er, „sind die am besten integrierte Minderheit, wir sind in Israel akzeptiert.“

Damit könnte es irgendwann vorbei sein, fürchtet er. Das heftig umkämpfte Nationalstaatsgesetz, das eine Knessetmehrheit 2018 vor allem gegen die arabische Minderheit durchgesetzt hat, treibt die fünf Studierenden um.

Israel gehört den Juden, schreibt es fest. Die Folgen sind noch nicht abzusehen, aber das Gesetz drohe die Struktur der Gesellschaft auf Dauer zu verändern, fürchtet Taimur: „Die Frage ist doch, was Israel ausmacht. Die Religion? Oder die nationale Idee, die Identifikation mit einem gemeinsamen, diversen Staat? Die haben sich für das Jüdische entschieden.“

Die Studierendengruppe, mit der er nach Frankfurt gekommen ist, steht für eine andere Vision – die der Universität Haifa: An der Uni ist der Anteil arabischer Studierender deutlich höher als in der israelischen Bevölkerung. Sie gilt als die liberalste Hochschule des Landes und fördert das Miteinander von Juden, Christen und Muslimen gezielt. Toleranz, Austausch, Verständnis, darum geht es hier. Es gibt einen deutschen Fördererkreis der Universität Haifa, der dort seit Jahren arabisch-jüdische Stipendienprogramme unterstützt. Er hat die fünf jungen Leute eingeladen.

Zu Gast in Frankfurt: die Studierenden aus Haifa.

Ein Modell macht noch keinen Staat, aber es öffnet Einzelnen neue Welten. Basel Farah etwa, 21 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Nazareth im israelischen Kernland, arabischer Christ: 17 Jahre lang hatte er kaum Kontakte zu israelischen Juden, obwohl die nur wenige Kilometer entfernt leben. Seine Freunde: Christen und Muslime. Die Sprache seiner Kindheit und Jugend war arabisch, auch in der Schule. So kam er an die Uni in Haifa, um Jura zu studieren, sprach aber kaum Hebräisch. „Ich bin in Nazareth wie in einer Blase aufgewachsen. Deshalb war der Anfang an der Uni sehr schwer“, sagt er. „Deshalb scheitern viele arabische Studenten.“

Denn viele arabische Gemeinden sind sehr isoliert, und der Staat investiert schon jetzt deutlich weniger in die arabischen Schulen als in die jüdischen. Das Nationalstaatsgesetz könnte das Gefälle noch vertiefen, weil es auch Struktur- und Förderprogramme beeinflussen wird.

Basel jedenfalls hat nicht nur die Sprachhürde genommen, er unterstützt heute andere arabische Studienanfänger beim Hebräischlernen. Und er nimmt teil am MUN-Programm der Uni Haifa, was für „Model United Nations“ steht: Die Studierenden trainieren gewaltfreie Kommunikation, diplomatisches Aushandeln von Streitthemen, die Suche nach Kompromissen. In Karlsruhe haben die fünf Israelis gerade an der Internationalen MUN-Versammlung teilgenommen, drei Tage politische Themen wie die „Flüchtlingskrise“ diskutiert und Resolutionen beschlossen.

Helfen diese Kompetenzen ihnen auch im israelischen Alltag? Wohl eher nicht. Taimur Mansour weicht aus: „Der Schlüssel zur Koexistenz in Israel ist es, Konfliktthemen zu meiden.“

Die Politologie- und Englischstudentin Yara Khayat wird deutlicher. „Es gibt Rassismus bei uns, natürlich, wie anderswo auch. Aber offen darüber zu diskutieren, kann bei uns sehr finster und schmutzig werden.“ Yara hat arabisch-christliche Wurzeln, sie ist nicht religiös, und sie tat sich als Kind schwer, ihren Platz finden: Der Vater stammt aus dem Libanon und ist griechisch-katholischer Christ, er hat „die Liebe zum Libanon in mich gelegt“.

Ihre Mutter ist christlich-orthodoxe Palästinenserin. Erst besuchte Yara eine jüdische Grundschule, dann eine arabische Highschool. Der Wechsel sei sehr schwer gewesen, erinnert sie sich und will nicht konkreter werden. Immerhin hat ihr das Aufwachsen in einer jüdisch-arabischen Umgebung später den Start an der Universität erleichtert.

Mit dem Nationalstaatsgesetz geht ausgerechnet die Jüdin in der Runde am härtesten ins Gericht. Linoy Kudinsky, „Israelin in der zweiten Generation“, wie sie sagt, russische Wurzeln. Ihre Eltern sind in den 90ern aus der damals zerbrechenden Sowjetunion gekommen, aus einem engen Umfeld ohne Toleranz, wo sie ihre Religion nie praktizieren durften. Auch deshalb lebt die Familie säkular, „wir feiern das russische Neujahrsfest und essen auch mal Wurst aus Schweinefleisch“. Sie selbst hat, bis sie drei war, nur Russisch gesprochen, wegen ihres russischen Akzents wurde sie später vor allem von jüdischen Kindern gehänselt, deren Familien schon lange in Israel lebten: „Die Einwanderer und Araber waren für mich nie das Problem.“

Werben für mehr Austausch

Linoy erinnert sich an ihre ersten Freundinnen als kleines Mädchen: eine arabische Christin mit libanesischen Eltern und das Kind einer jüdischen Familie aus Nordafrika, sogenannten Mizrachim. „Die Mizrachim waren sehr religiös. Meine Freundin hat erst gar nicht geglaubt, dass ich eine echte Jüdin bin. Aber dann hat sie immer das russische Neujahr mitgefeiert.“ Linoy kann deshalb überhaupt nichts anfangen mit dem neuen Gesetz, das Israel „zur nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes“ erklärt und nur dem jüdischen Volk das „Recht auf nationale Selbstbestimmung in Israel“ einräumt.

Ein homogenes „jüdisches Volk“ gibt es gar nicht, sagt die Studentin der Asienwissenschaften: „Wir haben Orthodoxe, Reformjuden, Säkulare, russische Juden, Mizrachim und noch viele Gruppen, die sich kulturell und politisch alle extrem unterscheiden.“ Nicht nur die 20 Prozent Araber in Israel, auch die 20 Prozent russischen Juden schließe das Gesetz aus. Linoy Kudinsky wünscht sich statt mehr Privilegien für die Juden ganz anderes: mehr Austausch zwischen den Communities, zwischen Arabern und Juden, Christen und Moslems, mehr Alltagsbegegnung schon im frühen Alter, in den Grundschulen und Highschools.

Dass Vorurteile nur durch Kontakte schwinden können, hat sie selbst bei internationalen MUN-Konferenzen erlebt. Heute hat sie Freunde unter Muslimen in Dubai und dem Libanon – „dabei hatten die erst Angst, mich überhaupt anzusprechen, weil sie dachten, die Juden hassen alle Araber“.

Yara Khayat, die arabische Christin, hat ihre frühe Liebe zum Libanon unterdessen gut im Griff. Auch wenn das Nationalstaatsgesetz jetzt sogar dem Arabischen den Status der Amtssprache entzogen hat: „Ich bin Israelin“, sagt sie. Ihre Studienfächer Politologie und Englisch hat sie ganz bewusst gewählt. Denn später will sie für die Vereinten Nationen arbeiten, „als arabische Israelin zusammen mit jüdischen Israelis. Damit zeigen ich allen, was Israel ausmacht: die Diversität.“

Umstrittenes Gesetz

Das Nationalstaatsgesetz in Israel vom Juli 2018 hat international viel Beachtung gefunden und die Sorg ausgelöst, dass es zu Spannungen zwischen israelischen Arabern und Juden führen wird. „Die schärfste Diskussion hat sich an Paragraph 1 des Gesetzes entzündet, der Israel als historisches Heimatland des jüdischen Volkes definiert und das Recht auf nationale Selbstbestimmung im Land exklusiv dem jüdischen Volk zuspricht“, fasst die Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) die Debatte zusammen. Auf die Verabschiedung des Gesetzes folgten große Demonstrationen.

Was israelischen wie auch arabischen Kritikern in dem Gesetz fehlt, ist das Prinzip der Gleichheit. Es ist darin nicht verankert. Dazu stellt die SWP fest: „Im Kern geht es darum, ob der Staat eher von einem zivilen Nationalismus geprägt sein soll, der universale Prinzipien wie Gleichheit beziehungsweise individuelle Werte und Freiheiten stärker betont, oder von einem Nationalismus, der auf partikulare Kollektivrechte abhebt, die ethnisch, nationalistisch oder religiös begründet sind. Die Verfechter des Gesetzes hängen der letzteren Variante an.“

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