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Nur noch Geschichte? Der Mauerfall.

Studie

Jung, gesamtdeutsch, politisch unsicher

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Otto-Brenner-Stiftung legt Studie über Einstellungen der Nachwendegeneration vor.

Für die heute 18- bis 29-jährigen Deutschen ist der Mauerfall ein geschichtliches Ereignis. Sie kennen keine innerdeutschen Grenzen, Transitstrecken oder Westpakete. Sie haben – im besten Fall – davon gelesen oder Erzählungen von Eltern oder Großeltern gehört. Interessant ist deshalb ihr Blick auf die Geschichte und auf ihr Hier und Heute. Eine im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung von der Forschungs- und Beratungsagentur Pollytix vorgelegte Untersuchung zeigt: Die Mauer in den Köpfen existiert auch in der Nachwendegeneration. Aber sie bröckelt.

Die Wiedervereinigung hatte für viele Eltern von jungen Westdeutschen nicht nur weniger persönliche Folgen, so die Befragungsergebnisse. Sie war deshalb auch seltener relevantes Gesprächsthema. Für junge Ostdeutsche war das Thema viel präsenter. Fast die Hälfte der Befragten geben an, dass „eher“ oder „sehr häufig“ über die Wiedervereinigung und ihre Folgen gesprochen worden sei. Rund die Hälfte der westdeutschen Nachwendegeneration findet, dass die Menschen in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung oft unfair behandelt worden seien. Bei den jungen Ostdeutschen sind mehr als zwei Drittel dieser Meinung.

Im Osten, schreiben die Pollytix-Autoren Rainer Faus und Simon Storks, seien negative Erfahrungen der Nachwendezeit auch in der Nachwendegeneration noch deutlich präsent – und zwar nicht nur, wenn die eigene Familie unmittelbar davon betroffen gewesen sei. Vielen Westdeutschen der Nachwendegeneration fehle es hingegen an Bewusstsein für die ostspezifischen Nachwendeerfahrungen.

Macht es einen Unterschied, ob man aus dem Westen oder aus dem Osten kommt? 57 Prozent der Westdeutschen meinen, es mache keinen Unterschied mehr. Knapp zwei Drittel der Ostdeutschen schätzen die Lage völlig gegensätzlich ein.

Dazu passen die Fremd- und Eigenbeschreibungen in Ost und West. Ostdeutsche sind aus Sicht ihrer Altersgenossen im Westen „ärmer“, „offener“, „rassistischer“ und „bescheidener“. Aus Sicht der Ostdeutschen sind Westdeutsche „arroganter“, „reicher“ und „besser bezahlt“. Im Vergleich sehen sich die Ostdeutschen selbst als „bescheidener“, „bodenständiger“ und „ärmer“. Westdeutsche sehen sich als „offener“, „reicher“ und „weltoffener“.

Etwas mehr als drei Viertel der jungen Leute im Westen fühlen sich am ehesten als Deutsche, nur acht Prozent als Westdeutsche. Im Osten ist die Identität als Deutsche mit 65 Prozent geringer, dafür bekennen sich 22 Prozent eher zu einer ostdeutschen Identität. „Unter denjenigen Ostdeutschen, die ihre eigene wirtschaftliche Lage oder die ihrer Region als schlecht empfinden, ist der Anteil noch etwas höher“, schreiben Faus und Storks. „Für sie ist Ostdeutschland identitätsstiftender als Deutschland.“

Für einen starken Führer

Überraschend sind die Befunde zum Demokratieempfinden. Die Zustimmung zur Demokratie ist zwar insgesamt hoch. Andererseits finden 23 Prozent der jungen Westdeutschen und 26 Prozent der jungen Ostdeutschen, dass es einen starken Führer geben sollte, der keiner Machtbeschränkung durch parlamentarische Kontrolle und Wahlen unterliege. Der Wunsch, so die Erkenntnisse aus den Tiefeninterviews, resultiere häufig aus Resignation über politischen Stillstand.

Rainer Faus und Simon Storks schlussfolgern aus den Sichtweisen auf den Vereinigungsprozess, dass politische und geschichtliche Bildung zum Thema Wiedervereinigung gestärkt werden müssten. „Denn der Wissensstand dazu ist in der Nachwendegeneration zum Teil sehr gering.“ Politisch sei die Nachwendegeneration zwar interessiert; ihr politisches Selbstvertrauen sei jedoch zugleich gering – unter Ostdeutschen geringer als unter Westdeutschen. Viele trauten sich nicht zu, an politischen Gesprächen teilzunehmen, um Konflikte zu vermeiden. „In West wie Ost ist das Gefühl, auf politische Entscheidungen keinen Einfluss nehmen zu können, verbreitet.“

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