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Henning Scherf (3.v.l.) in Gespräch mit Jugendlichen in einem Bremer Wahlkampf-Zelt

Alt und Jung an einem Strang

Weniger Kinder und mehr Alte - eine mürrische Gesellschaft im dauernden Verteilungsstreit. Das muss nicht sein, denn die Generationen können viel füreinander tun. Von Henning Scherf

Wenn ich mit meinen drei Hamburger Enkelkindern durch Ottensen spaziere - eins auf den Schultern, rechts eins an der Hand, links eins an der Hand -, dann merke ich, dass die Passanten auf so ein Bild mit Sympathie und Wohlwollen reagieren. Und egal, wohin ich blicke: Wo die Generationen aufeinander treffen, geht man in großer Harmonie und mit viel Respekt miteinander um. Etwa in den Sportvereinen, in denen ich Mitglied bin. Oder vor kurzem in einer Aufführung von Mozarts erstem Singspiel - um mich herum lauter Großeltern mit ihren Enkeln. Da war es mit Händen zu greifen, was für ein großer Gewinn es für Junge und Alte ist, miteinander zu leben. Angesichts der sozialen Probleme, die die individualisierte Gesellschaft mit sich gebracht hat, bin ich mir sicher, dass es wieder stilprägend sein kann, mit mehreren Generationen zusammenzuziehen, sich gegenseitig zu stützen und sich die Lasten des Lebens zu teilen. Die rasante Alterung der Bevölkerung wird diese Vergemeinschaftung, diese Re-Sozialisierung, eher beschleunigen. Wer heute jedoch Bücher über die Zukunft unserer Gesellschaft in die Hand nimmt, muss fast das Gefühl bekommen, dass es in fünfzig Jahren in Deutschland zum Bürgerkrieg kommt. Bevölkerungswissenschaftler wie Herwig Birg oder Publizisten wie Frank Schirrmacher sagen Verteilungskämpfe zwischen Jung und Alt vorher, wenn nicht schleunigst politisch umgesteuert würde. Immer weniger Junge müssten für immer mehr Alte die sozialen Sicherungssysteme am Laufen halten. Für Birg ist es schon "dreißig Jahre nach zwölf". Eine gesamte Generation - die "ausgefallene Generation" - sei ihrer Kinderpflicht nicht nachgekommen. ...Der Ökonom Meinhard Miegel sieht ein wirtschaftlich undynamisches Land voraus, eine altersmüde und daher verarmende Gesellschaft. Die Folge sei "demografisch bedingter Verteilungsstress", schreibt Birg. In den Ring zögen die Jungen, die das Geld verdienten, gegen die Alten, die in der Überzahl seien. Die Macht des Geldes gegen die Macht der Mehrheit. Laut Schirrmacher droht der "Clash of Generations", der Krieg der Generationen. Und als ob diese traurige Perspektive nicht genügte, verweist er auch noch auf die vielen Jugendlichen der islamischen Länder. Wem schießen da nicht die Fernsehbilder der Hassdemonstrationen von jungen muslimischen Männern durch den Kopf? Eine wütende Menge, ohne Perspektive in Beruf oder Familie, wild gestikulierend ihren Protest herausbrüllend. In seinem Buch "Das Methusalem-Komplott" montiert Schirrmacher diese beängstigenden Bilder zu einem Horrorszenario: Der Kampf der Kulturen drohe sich mit dem Kampf der Generationen zu verbinden. Das altersschwache Abendland wird vom kinderreichen Morgenland überrannt. Was für ein Pamphlet!

Die Grundannahme dieser düsteren Prognosen ist zwar richtig: Das Deutschland der Zukunft wird älter sein. (...) Aber was bedeutet das für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft?

Die Familienforschung hat herausgefunden, dass das Zusammenleben der Generationen heute harmonischer ist denn je. Das liegt auch am demografischen Wandel. Die Familie hat sich für jeden spürbar verändert. Sie ist mit den Jahren schlanker und ranker geworden. Mit jeder Generation werden weniger Kinder geboren, und der Abstand zwischen den Generationen wird immer größer, teilweise beträgt er schon 35 Jahre. Im Extremfall vertritt jeweils ein Familienmitglied eine Generation. Und in dieser "Bohnenstangenfamilie", wie amerikanische Soziologen sagen, geht man anders miteinander um, als es in der geschwister- und cousinenreichen Großfamilie der Fall war. Es gibt weniger Konflikte, weil Junge und Alte in größeren zeitlichen und auch räumlichen Abständen leben. Wo keine direkte Konkurrenz und Hierarchie herrscht und wo man sich nicht unmittelbar voneinander abgrenzen muss, da lebt es sich gelassener.

(...) Großeltern übernehmen gern Verantwortung für die Familie - aber freiwillig. "Wir helfen gern, aber gefragt werden wollen wir", sei das Motto der heutigen Großeltern, sagt die Soziologin Helga Krüger. Ohne wechselseitigen Respekt geht in der modernen Familie also gar nichts. ...

Schirrmacher und Miegel warnen davor, dass künftig immer weniger Junge für immer mehr Alte sorgen müssten. Was sie dabei jedoch übersehen, ist, dass viele aus der älteren Generation immense Vermögen - sei es durch Erbschaft, sei es durch Erwerbsarbeit - angehäuft haben und von niemandem finanziert werden müssen. Der allgemeine Wohlstand in Deutschland ist heute sehr viel höher als im 19. Jahrhundert, als noch viel mehr Kinder geboren wurden.

Auch heute sind es nicht unbedingt die kinderreichen Gesellschaften, denen es am besten geht. Wohlstand ist eine Folge der Produktivität einer Gesellschaft. Noch nie in unserer Geschichte lebten so viele wohlhabende alte Menschen in diesem Land wie heute. Nach einer Studie der Dresdner Bank werden private Haushalte zwischen 2005 und 2010 rund eine Billion Euro an ihre Nachkommen vererben. Ein gigantischer Finanzfluss. Es wird auch künftig Altersarmut geben, aber dass uns die Alten pauschal auf der Tasche liegen, müssen wir nicht befürchten. Wie gut es uns allen - Jungen und Alten - künftig gehen wird, wird vielmehr davon abhängen, wie produktiv unsere Wirtschaft sein wird - und warum soll dies nicht auch mit einer älteren Belegschaft zu leisten sein?

Die Pessimisten skandalisieren, dass wir weniger Kinder gebären und dass die deutsche Gesellschaft schrumpft. Was soll die Antwort auf ein solches Endzeitszenario sein? Sehnt sich ernsthaft jemand nach einer aktiven Bevölkerungspolitik, nach dem starken Mann, der mehr Kinder anordnet? Im 19. Jahrhundert gab es weniger als fünfzig Millionen Deutsche - wieso muss man angesichts einer schrumpfenden Gesellschaft kopflos werden? Diese demografischen Horrorszenarien kranken daran, dass sie auf eine rein nationale Perspektive beschränkt sind. ... sie blenden aus, dass es noch eine globale Dimension der Bevölkerungsdebatte gibt. Bereits in der Nachkriegszeit haben der Sozialwissenschaftler Gerhard Mackenroth und mit ihm viele andere vor der Bevölkerungsexplosion gewarnt. Die Erde ist schließlich nicht beliebig vergrößerbar, und schon jetzt haben wir ein dramatisches Ressourcenproblem - Wasser und Öl werden knapp, Nahrung wird unbrauchbar durch Umweltverschmutzung.

Darauf kann nur eine Kultur der Geburtenregulierung die Antwort sein. Überall zeigen sich erste Ansätze einer Entwicklung in diese Richtung. Länder wie Thailand oder Malaysia, die in den vergangenen Jahren einen ökonomischen Aufschwung erlebten, haben inzwischen zu sehr kontrollierten Geburtenzahlen gefunden - und zwar nicht deswegen, weil es der Staat angeordnet hätte wie in China. ...Wer eine gesicherte Lebensperspektive hat, wer weiß, dass er in Ruhe und Wohlstand alt werden kann, der muss keine fünfzehn Kinder in die Welt setzen. Letztlich ist dies eine Entwicklung, die auch den Kindern selbst zugute kommt. Wenige können umsorgt und behütet im Wohlstand aufwachsen. ...

Die zentrale Frage ist künftig, ob es einen Ausgleich zwischen den zurückgehenden Kinderzahlen der Industrieländer und den immer noch steigenden Kinderzahlen der Entwicklungsländer geben kann. Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland, ohne dass dies Politik und Öffentlichkeit wahrhaben wollten. ... Jetzt gilt es zu begreifen, dass Deutschland ohne seine Migranten heute demografisch betrachtet noch schlechter dastünde. Wir müssen die Einwanderer als Gewinn betrachten und nicht als Gefahr. Jahrzehntelang haben wir sie ignoriert, und nun bekommen wir die Quittung. Die Bilanz unserer Integrationsarbeit fällt jämmerlich aus - die Pisa-Studien belegen es. Viele jugendliche Migranten brechen die Schule ab, erlangen keine formalen Qualifikationen oder sind arbeitslos. Angesichts einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft können wir es uns gar nicht leisten, unsere Migrantenkinder nicht anständig auszubilden. Diese Integrationsopfer endlich in unsere Gesellschaft aufzunehmen, sollte zu einem Projekt werden, in das wir wirklich unseren Ehrgeiz setzen.

Grau ist bunt - Was im Alter möglich ist.Von Henning Scherf224 Seiten, 19,90 Euro ISBN3-451-28593-2 HERDER Sachbuch 2006

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