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Über Jean-Claude Juncker wird derzeit viel geredet - auch über seine Rednerhonorare.

Jean-Claude Juncker

Juncker ist sein Geld wert

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Der mutmaßliche künftige EU-Kommissionspräsident wird von seiner Redneragentur an die Rüstungsindustrie vermittelt. Er spricht über viel sich – und auch über seine Vortragshonorare.

Vor dem Saal sagt Jean-Claude Juncker, er habe sich geschworen, nichts zu sagen zu diesem Thema. Ob er nun EU-Kommissionspräsident wird oder nicht. Es sei Sache der Regierungschefs der EU, die würden darüber am Freitag entscheiden. Diplomatie und Vorsicht mag das sein, lieber nicht auf den letzten Metern noch Ärger verursachen. Oder Koketterie.

Denn drinnen im Saal sagt er doch ein bisschen mehr. Juncker ist als Redner geladen, oder vielmehr: eingekauft. Seine Redneragentur hat ihn an die Rüstungsindustrie vermittelt. Die tagt in einem Berliner Luxushotel, der Saal erinnert an ein Kirchenschiff, hoch, mit steinernen Säulen an der Seite. Im Publikum sitzen Industrievertreter und Leute von der Bundeswehr.

Der Vorstandschef des Panzerbauers Rheinmetall kündigt Juncker an als ehemaligen luxemburgischen Regierungschef, Karlspreisträger und designierten EU-Kommissionspräsidenten. Juncker soll über „Europas neue Verantwortung“ referieren, ein Titel, zum Ausweichen gemacht.

"Politische Transsexualität"

Aber Juncker spricht erst einmal über sich, über das, wozu er eigentlich nichts sagen will. Von Ausweichen keine Spur. Er sei noch nicht designierter Kommissionspräsident, stellt er fest. Er sei höchstens ein halb informierter früherer Ministerpräsident.

Wenn der gesunde Menschenverstand sich durchsetze, werde er Ende der Woche nominiert. „Aber der gesunde Menschenverstand ist unterschiedlich verteilt.“ Derzeit jedenfalls wisse er selbst nicht, was er eigentlich sei. Er befinde sich in einer Phase der „politischen Transsexualität“.

Der Saal lacht, Juncker ist sein Geld wert. Nebenbei hat er damit indirekt auch noch mitgeteilt, wie wenig er hält von diesem langwierigen Nominierungsprozess. Von dem Wahlkampf, in dem er sich wohl auch aus Deutschland mehr Unterstützung gewünscht hätte. Von der Zeit nach der Wahl, als die Europäische Volkspartei, deren Spitzenkandidat er war, gewonnen hatte und er doch weiter warten musste. Von den Geschichten, die die Runde machten – über Juncker, den angeblichen Alkoholiker, den müden Alten, den Mann von gestern. Über Flüstereien, die Junckers Rückzug prophezeiten. In der CDU gibt es Leute, die von einer Kampagne gegen Juncker sprechen, an der auch Berater Angela Merkels beteiligt seien. Auch Berichte über Junckers Rednerhonorare gehörten dazu.

„Haben Sie mal überlegt hinzuwerfen, um Ihre Ruhe zu haben?“, fragt ihn eine Moderatorin bei den Rüstungsleuten. „Ich hätte gerne meine Ruhe gehabt. Das hat man mir nicht gegönnt. Also werde ich sie auch anderen nicht gönnen“, gibt Juncker zurück. Er verpackt seine Aggression in ruhige Freundlichkeit.

Er sagt auch noch etwas zu Europa, dazu ist er ja geladen. Viel Allgemeines ist dabei, zauberhafte Wortungetüme wie „Souveränitätsverinnerlichung“, gesprochen mit weichem luxemburgischen Akzent, eingängige Zuspitzungen. Er sagt, dass er allergisch sei gegen den Begriff der „Vereinigten Staaten von Europa“. Europa werde nie Staats-Charakter haben. Zum Glück sei der Begriff nun ja „in der pubertären Garderobe abgelegt“. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat die Vereinigte-Staaten-Idee gerne verwendet, aber deren Staatssekretär hat sich bereits verabschiedet. Er erzählt von den 771 Mann der luxemburgischen Armee, „inklusive Verteidigungsminister“. Da gibt es wieder etwas zu lachen.

Eine Klippe gibt es noch für Juncker. Die Sozialisten wollen mehr Spielraum beim Schuldenabbau, als Gegenleistung für ihr Ja zu Juncker. Der sagt, der Stabilitätspakt werde so flexibel angewandt, wie es die Vorschriften zuließen. Er kennt seinen Preis, auch hier.

Vor der Tür sagt Juncker beim Hinausgehen, seine Rednertätigkeiten seien alle ordnungsgemäß deklariert. Als Kommissionspräsident werde er solche Reden nicht mehr halten. Er werde keine Zeit mehr haben.

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