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Bild-Chefredakteur Julian Reichelt musste seinen Posten räumen.
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Bild-Chefredakteur Julian Reichelt musste seinen Posten räumen.

Interview

Julian Reichelt und der Machtmissbrauch bei Bild: „Die Angst ist der größte Faktor“

  • Valerie Eiseler
    VonValerie Eiseler
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  • Viktor Funk
    Viktor Funk
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Nach monatelanger Recherche über Vorwürfe des Machtmissbrauchs bei der Bild-Zeitung wurde die Veröffentlichung gestoppt. Ein Gespräch mit dem Team von Ippen Investigativ.

Frankfurt – Das Team von Ippen Investigativ hat monatelang Vorwürfe des Machtmissbrauchs bei Bild recherchiert. Der Verleger stoppte eine Veröffentlichung ihrer Arbeit. Ein Gespräch über den Verlauf der Recherche und Vertrauensverlust der Zeuginnen.

Können Sie nochmal kurz zusammenfassen, wie es zu der Recherche über möglichen Machtmissbrauch bei der Bild-Zeitung kam?

Juliane Löffler: Wir haben erste Hinweise schon im Dezember 2020 bekommen. Ein bisschen konkreter wurde es nach Abschluss des Bild-Compliance-Verfahrens. Der Grund war, dass verschiedene Quellen sehr erstaunt darüber waren, dass Julian Reichelt in seiner Position blieb. Sie hatten das Gefühl, dass es nicht den Vorwürfen angemessen war, da gab es einen großen Frust. Seit April 2021 haben wir verstärkt recherchiert. Intensiv wurde es in den letzten drei Monaten.

Welche Art von Hinweisen gab es da?

Juliane Löffler: Dazu können wir aus Quellenschutzgründen nichts sagen.

Gab es damals schon eine Form von Druck oder Einschüchterungsversuche?

Marcus Engert: Es gab im Hintergrund immer Gerüchte, dass andere Redaktionen daran auch recherchieren. Das war kein großes Geheimnis. Aber Druck haben wir nicht bekommen, wenn man die Anwaltsschreiben ausklammert. Das ist allerdings relativ üblich, dass man die als Antwort bekommt, wenn man den Konfrontationsfragenkatalog rausgeschickt hat.

Recherche von Ippen Investigativ: Quellen fühlen sich im Stich gelassen

Die FR hat erklärt, dass sie die Recherche trotz des Verbots durch den Ippen-Verlag drucken würde. Warum geht das nicht mehr?

Juliane Löffler: Ich musste am Freitag Quellen anrufen und ihnen sagen, dass die Veröffentlichung abgesagt ist. Das hat natürlich bei den Quellen massiv zu Verunsicherung und Bestürzung geführt. Manche waren extrem emotional. Die haben sich – nicht von mir persönlich, aber von dem Verlag – im Stich gelassen gefühlt und natürlich hat es dazu geführt, dass ich aktuell nicht mehr von allen Quellen den Rückhalt habe, in diesem Verlag zu veröffentlichen.

Gibt es also noch Teile dieser Recherche, die nun gar nicht mehr veröffentlicht werden können?

Juliane Löffler: Es liegt in der Natur dieser Recherchen, gerade bei #MeToo und was Verdachtsberichterstattung betrifft, dass man mehr Informationen hat, als am Ende veröffentlicht werden. Das ist natürlich auch jetzt der Fall. Ich recherchiere auch weiter dazu und nehme weiter Hinweise entgegen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist aber nicht klar, was wann wo erscheint.

Juliane Löffler ist Reporterin bei Ippen Investigativ. Sie recherchiert vor allem zu den Schwerpunkten LGBT* und Feminismusthemen. Im Zuge dessen hat sie schon mehrfach über sexuellen Missbrauch und problematische Machtstrukturen berichtet.

Werden sich die Zeuginnen im aktuellen Fall noch weiter äußern?

Juliane Löffler: Auch hierzu möchte ich aktuell nichts sagen.

Katrin Langhans: Was man vielleicht allgemein sagen kann, die Arbeit mit Quellen ist das Kerngeschäft der Investigation. Sprich: Vertrauen aufbauen. Juliane hat sich wirklich monatelang reingehangen, um dieses Vertrauen aufzubauen. In solchen Geschichten gibt es oft einen schmalen Grat zwischen dem, was die Quellen sich vorstellen können und was ihnen zu heikel ist. Wenn es dann heißt „Ihr dürft den Text im Verlag nicht veröffentlichen“, kann das die Frauen verunsichern. Das ist ein riesengroßes Problem.

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Die Redaktion der Frankfurter Rundschau hat zu dem Verbot der Veröffentlichung Stellung bezogen.

Recherchen über Machtmissbrauch bei Bild: Die Quellen haben viel zu riskieren

Was riskieren Frauen grundsätzlich, wenn sie öffentlich Missbrauchsvorwürfe schildern?

Juliane Löffler: Es gibt drei konkrete Felder: juristische, berufliche und persönliche Konsequenzen. Die persönlichen Konsequenzen sind, dass die Personen, gegen die die Vorwürfe gehen, im direkten Kontakt mit den Betroffenen stehen und es eigentlich immer um eine Form von Machtmissbrauch geht. Das heißt, wenn es um Vorwürfe gegen den Chef geht, kann der Job in Gefahr sein, Betroffene haben Angst, ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Oft gibt es auch persönliche Verbindungen zu der Person: Hat sie die Handynummer? Kann sie die Betroffenen unter Druck setzen, auch psychisch?

Die juristische Gefahr ist natürlich immer, dass sobald Personen öffentlich Vorwürfe erheben, sie sich natürlich damit in die Gefahr begeben, juristisch dafür belangt zu werden. Etwa weil es als diffamierend, vorverurteilend oder Rufmord gelten könnte. Das sind oft die ersten Fragen, die ich mit Quellen bespreche. Und dann fallen Sätze wie „Ich würde gerne etwas sagen, aber ich habe keine Rechtsschutzversicherung“ oder „Ich kann mir keinen Anwalt leisten.“ Da kommt dann die Presse ins Spiel. Da wir den Betroffenen Anonymität gewähren können, stellen wir uns wie ein Schutzschild vor diese Personen und übernehmen ein Stück weit die rechtliche Verantwortung, indem wir diese Informationen schildern.

Einer der mächtigsten Medienkonzerne der Welt: die Axel Springer SE mit dem Hauptsitz in Berlin.

Katrin Langhans: Es ist auch oft eine Angst der Frauen, dass man ihnen am Ende nicht glaubt. Manches bewegt sich in einer Grauzone. Wo genau verläuft die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem? Wo gab es ein Einverständnis, wo nicht? Das sehen Parteien oft sehr unterschiedlich, und die Frauen haben oft die Angst, dass man ihre Version am Ende nicht als wahr anerkennt, und sie massiven Schaden davon tragen. Das kann auch zu einer Retraumatisierung führen. Es ist sehr schwierig, über solche Themen zu sprechen. Und dann auch noch zu bemerken, dass die Öffentlichkeit oder auch die Justiz ihnen nicht glaubt, das ist für die Frauen wahnsinnig schlimm.

Katrin Langhans ist Reporterin für Medizin, Umwelt und Sozialpolitik. Sie war mitunter an der Panama-Papers-Recherche beteiligt und wurde für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet.

Schwierigkeit bei Investigativ-Recherchen: Die Angst ist der größte Faktor, dass Menschen nicht reden

Marcus Engert: Es gibt auch nicht diesen einen Schritt in die Öffentlichkeit, es passiert in Stufen. Man redet mit der besten Freundin oder der Mutter, aber es ist dann doch was anderes, mit einer Reporterin darüber zu reden. Und man redet ja nicht nur einmal, es entsteht ein Vertrauensverhältnis. Und dann ist es noch einmal etwas ganz anderes, eines Morgens im Internet oder in der Zeitung seine eigene Geschichte zu lesen.

Juliane Löffler: Wenn Frauen und auch Männer sich trauen, gegen mutmaßliche Täter vor Gericht vorzugehen, können sie mit einer Täter-Opfer-Umkehr konfrontiert werden. Man sagt ihnen: „Sie lügen. Sie sind nur eine eifersüchtige Ex. Sie zeigen Verfolgungseifer, haben versucht, noch andere Betroffene zu finden.“ Es wird versucht, Dreck über diese Personen in Umlauf zu bringen. Und das alles ist gepaart mit einer Kultur in Deutschland, in der es prinzipiell angezweifelt wird, ob Personen, die sich öffentlich äußern, die Wahrheit sagen. Das ist einerseits richtig, weil man nicht alles einfach so behaupten kann. Aber es gibt grundsätzlich eine Kultur, die es Betroffenen schwer macht, sich zu äußern. Denn sie können nicht davon ausgehen, dass sie erst mal grundsätzlich Rückhalt bekommen. Für viele Betroffene ist das ein Signal, dass es für sie extrem gefährlich ist, sich zu äußern. Die Angst ist der größte Faktor, dass betroffene Menschen nicht reden.

Marcus Engert ist stellvertretender Chefredakteur des Teams und betreut die internationalen Recherchen und die Kooperationen mit anderen Medien. Er schreibt zu Korruption, Geldwäsche, Menschenrechtsverletzungen und Extremismus.

Recherche über Machtmissbrauch bei Bild: Sind die Probleme größer als Julian Reichelt?

Wenn man die Geschichte im „Spiegel“ liest, denkt man, da ist vieles, was noch nicht erzählt wurde. Und außerdem drängt sich die Frage auf, ob Julian Reichelt bisher keine Konsequenzen tragen musste, weil da wohlwollende Männer ihn schützten. Ist das Problem größer als „nur“ Herr Reichelt?

Juliane Löffler: Missbrauch geht nicht von einer einzelnen Person aus. Es gibt immer drumherum ein System, das den Missbrauch verdeckt oder stützt. Springer macht ja gerade einen Kulturwandel im eigenen Haus durch. Insofern wird sich zeigen, ob und wie sie überprüfen, was um Julian Reichelt herum geschah.

Daniel Drepper: Es erstaunt schon, zu sehen, welche Reaktionen es von Journalisten aus dem Springerkonzern nach der Entlassung von Reichelt gab. Es gibt starke Unterstützung für ihn, obwohl bekannt ist, was passiert ist. Das zeigt schon, wie die Kultur dort über Jahre war.

Daniel Drepper ist Chefredakteur von Ippen Investigativ und damit verantwortlich für die Recherchen des Teams. Seine Schwerpunkte liegen bei Arbeitsbedingungen und Machtmissbrauch in der Justiz.

Sie haben die Recherche jetzt im „Spiegel“ veröffentlicht, zumindest das, was Sie konnten. Wird das Konsequenzen für Sie als Team haben?

Daniel Drepper: Für unser Team war es extrem wichtig, dass die Geschichten der Frauen gehört werden. Welche Konsequenzen uns drohen, das können wir nicht abschätzen. Von Ippen gab es keine offizielle Freigabe für die Veröffentlichung bei einem anderen Verlag.

Juliane Löffler: Für uns alle war aber in dem Moment klar, dass da eine rote Linie überschritten wurde, die niemals hätte überschritten werden dürfen. In dieser Sache waren wir uns als Team sofort einig.

Lehre aus den Recherchen über Bild: Deutschland muss mehr #MeToo-Debatten führen

Erreicht die #MeToo-Debatte nun auch die Medien-Branche?

Juliane Löffler: Es gab durchaus schon #MeToo-Geschichten in der Branche, nur sind die teilweise unter dem Radar geflogen. Ich glaube eher, in Deutschland müssen wir noch viel mehr #MeToo-Debatten führen. Ich hoffe, dass dieser Fall dazu beiträgt, dass wir uns mehr Gedanken darüber machen, wie Frauen in der Gesellschaft benachteiligt werden, Missbrauch erleben und wie man das aufklären und aufarbeiten kann. Aber es geht nicht nur um Frauen, sondern um alle Menschen.

Welche Folgen hat die zuerst verhinderte Veröffentlichung Ihrer Recherchen, worauf es massive kritische Reaktionen gab, nun für Ihre Arbeit?

Katrin Langhans: Wir haben redaktionelle Standards. Wenn wir einen Missstand recherchiert haben, werden wir alles dafür tun, ihn zu veröffentlichen. Das haben wir in der Vergangenheit getan, das werden wir auch in Zukunft tun.

Juliane Löffler: Es gab eine Kombinationen von Ereignissen, dass das Thema jetzt auf so einer hohen Ebene diskutiert wird. Erst die verhinderte Berichterstattung, dann die Story im „Spiegel“, dann Reichelts Freistellung – das führt zu einem Ausmaß, das uns überrascht hat.

Daniel Drepper: Letztlich wird so auch unsere Arbeit sichtbarer. Diese Recherche ist vom Handwerk her nicht anders gelaufen als Dutzende unserer Recherchen zuvor. Jetzt sieht nur ein größerer Teil der Öffentlichkeit, wie wir arbeiten. Das freut uns natürlich und so werden wir auch weiterhin arbeiten. (Interview: Valerie Eiseler, Viktor Funk)

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