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Die Fotos von Protestaktionen der Fridays-for-Future-Bewegung - hier Aktivistin Luisa Neubauer in Berlin - gehen weltweit durchs Netz und gleichen sich von Sidney bis Frankfurt.

Shell-Jugendstudie

Jugend zwischen Fridays und Halle: Automatisch global und digital

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Der Attentäter von Halle war innerlich isoliert, digital integriert ein Teil der rechten weltweiten Emanation des Hasses. Digitalisierung und Jugendkultur - eine Analyse

Zwischen dem ersten Motorflug des „Flyer“ der Gebrüder Wright – immerhin zwölf Sekunden lang und 37 Meter weit – und der Landung auf dem Mond liegen 66 Jahre. Es lebten zu dieser Zeit Menschen, die mit ihrer Seele vollkommen auf der Erde gebunden waren und gleichzeitig die Ersten, die zu den Sternen griffen. Die Gedanken waren gelöst und auf einmal war es denkbar, machbar und real, das Weltall nicht mehr als quasi magischen Raum zu verstehen, sondern ihn zu erobern.

Was ist seit der Mondlandung passiert? Am 12. Mai 1941 stellten Konrad Zuse und Helmut Schreyer in Berlin ihre „Z3“ der Öffentlichkeit vor. Eine erste Rechenmaschine, die massenhaft Daten verarbeiten konnte. Wieder 66 Jahre später, am 9. Januar 2007, präsentierte Apple-Chef Steve Jobs auf der MacWorld-Konferenz in San Franzisco das erste iPhone.

Digital Natives: Die Jugend ist immer online und jederzeit verbunden

Heute leben Menschen, die sich der Digitaltechnik ähnlich ausgeliefert fühlen wie einem magischen Gott hinter der Palisade um das eigene Dorf. Und gleichzeitig wächst eine Jugend heran, die nichts anderes kennt, als immer online zu sein, jederzeit verbunden mit allen digitalisierten Informationen und Kontakten, die einen Fingerdruck auf dem Display entfernt erreichbar sind.

Das Entscheidende ist: Diese Jugendlichen sind zwar Digital Natives, also Menschen, die in das Digitale hineingeboren sind. Aber sie sind schon die nächste Generation, die Kinder der ersten Digital Natives. Für ihre Eltern war das Digitale aufregend, neu, berauschend. Für die nächste Generation ist es nichts, worüber man reden muss. Es ist einfach da.

Das Smartphone verändert das Denken der Jugend

Das Einfachdasein des Digitalen verändert das Denken, die Gewohnheiten, aber auch das Selbst. „Ubiquitous Computing“ nennen das die Fachleute – von lateinisch „ubique“ überall. Es wird die nächsten zehn Jahre bestimmen und es prägt schon jetzt die Jugend. Es sind nicht nur Glühbirnen und Fensterläden, die per Smartphone gesteuert werden können. Es sind nicht nur Autos, die jederzeit melden, wo sie geparkt sind. Es ist ein Denkwechsel, der tief in die Seele des Menschen gebrannt ist, der im 21. Jahrhundert geboren ist.

Schaut man sich die Jugendbewegungen an, dann sieht man zwei große Tendenzen: Die heutigen Kinder und Jugendlichen sind vernetzt und global. Die vernetzte Lebensweise wirkt auf die Erwachsenen erst einmal fremd: Ich poste ein Bild auf Instagram, schaue, ob es vielen gefällt, und wenn nicht, lösche ich es wieder. Wenn das Bild zahlreiche Reaktionen erzielt, wiederhole ich es und baue es aus. Dahinter steht auch ein riesiges System des Versuchs und Irrtums, des massenhaften schnellen Erprobens, Verbesserns und Verbreitens von Ideen. So ist der Einzelne immer Teil des Ganzen, prägt es und wird geprägt.

„Fridays for Future“-Bewegung: Offen, aber nicht einfach nur populistisch

Die globale Macht der Bilder kann dabei nicht überschätzt werden. Die gleichen Posen auf Instagram lassen sich weltweit über alle Kontinente nachweisen. Und völlig automatisch haben die Jugendlichen eine internationale Sprache entwickelt. Für die Demonstranten der „Fridays for Future“-Bewegung ist es völlig normal, ihre Plakate auf Englisch zu schreiben. Die Fotos der Protestaktionen gehen weltweit durchs Netz und gleichen sich von Sidney bis Frankfurt. In diesem Sinn sind die Jugendlichen sehr offen für alle Einflüsse, die bildmächtig und verkürzt kopierbar sind. Es ist aber nicht nur einfach Populismus.

Wie sehr unsere Analysen zu national, zu analog und zu kurz greifen, belegen die Auswüchse von rechts. Denn natürlich manifestieren sich in einem globalen, vernetzten Selbst auch die negativen Auswüchse der Weltgemeinschaft. Der Attentäter von Halle war nicht nur in rechten Netzwerken unterwegs. Er war innerlich isoliert, digital integriert ein Teil der rechten weltweiten Emanation des Hasses.

Die Digitalisierung der Jugend: Chance und Aufgabe zugleich

Die Digitalisierung mag einem nicht gefallen. Diese Lebensweise lässt sich aber nicht zurückdrängen, verhindern oder gar zurück zum Analogen ändern. Sie ist ebenso Gefahr wie Chance. Mit dem Motorflug kann man genauso Kampfjets bauen wie Löschflugzeuge für Amazonasbrände.

Es ist Aufgabe der Gemeinschaft, Jugendliche zu bilden, dieses neue global vernetze Selbst zu einer positiven Entfaltung zu bringen. Damit ist nicht gemeint, iPad-Kurse in die Lehrpläne der Grundschule einzubauen. Wir brauchen eine Bildung der Kritikfähigkeit, der demokratischen Kultur und den richtigen Umgang mit Technik. Die Voraussetzung ist, die Jugend zu verstehen und deren Entwicklung anzunehmen und nicht abzulehnen. Dann entsteht eine neue Generation, die vielleicht unseren Planeten rettet.

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