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Nachdem das Jugendamt Kinder und Jugendliche aus aktuellen Notsituationen aus den Familien genommen hat, kommen sie in Einrichtungen zur Inobhutnahme.

Inobhutnahmen

Jugendhilfe in der Corona-Krise: „Nähe ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit“

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Svenja Meyer* arbeitet in einer Einrichtung zur Inobhutnahme. Wie sich ihre Arbeit durch die Corona-Pandemie verändert hat, und warum Schließung keine Option ist, erzählt sie hier.

Svenja Meyer (Name geändert) arbeitet als Sozialpädagogin in einer Einrichtung zur Inobhutnahme. Wie sich ihre Arbeit durch die Corona-Pandemie verändert hat, erzählt sie hier:

„Als Inobhutnahme-Stelle sind wir eine Durchgangsstation. Zu uns kommen Kinder und Jugendliche in akuten Notsituationen, direkt nachdem sie vom Jugendamt aus den Familien genommen wurden, oder weil sie selbst nicht mehr bei ihren Eltern leben wollen und können. Sie bleiben so lange, bis es eine neue Perspektive gibt.

Die Zeit bei uns ist immer eine Ausnahmesituation und braucht intensive Begleitung. Einige haben Gewalt und Verwahrlosung erlebt. Bei manchen ist es einfach aktuell besser, wenn sie eine Weile woanders wohnen – gerade in der turbulenten Zeit der Pubertät. Wir versuchen ihnen einen Stück Alltag zurückgeben, ein Gefühl von Akzeptiert– und Geborgensein. Diese ohnehin schon anspruchsvolle pädagogische Arbeit hat sich durch Corona noch verkompliziert.

Masken tragen oder Abstand halten ist für uns nicht möglich. Dafür ist die psychische Belastung der Kinder und Jugendlichen zu groß. Nähe und Zuneigung zu zeigen, ist ein wichtiger Teil der Arbeit – gerade bei den Kleinsten. Mehr als Händewaschen und uns an die Empfehlungen der Landesregierung zu halten, bleibt uns nicht.

Um den Kindern und Jugendlichen Halt zu geben, ist es wichtig ist, dass auch während der Inobhutnahme der Kontakt zu Bezugspersonen wie Eltern oder Großeltern weiterbesteht. Allerdings können die Angehörigen nicht wie sonst einfach so vorbeikommen und Zeit mit den Kindern verbringen. Lediglich Spaziergänge zu zweit sind derzeit möglich. Freunde treffen ist tabu.

Ob das alles als Corona-Schutz ausreicht, kann niemand sagen. Für den Fall der Fälle haben wir einen Notfallplan erarbeitet. Es gibt drei Pädagogen, die sich bereiterklärt haben, im Fall einer Quarantäne freiwillig 14 Tage durchzuarbeiten.

Schließen ist keine Option

Außerdem wurde ein neues Schichtsystem eingeführt, das zwar eine immense Belastung für die Mitarbeiter ist, aber die Betreuung bei möglichen Corona-Fällen im Team sicherstellt. Anders geht es nicht, denn wir können nicht einfach schließen. Unsere Arbeit ist zu wichtig für die Kinder und Jugendlichen. Wir sind im Moment ihr Zuhause. Eine 24-Stunden-Betreuung muss gewährleistet sein.

Wir versuchen, das Beste aus der Zeit ohne Kita, Schule und Freunde zu machen: lange Spaziergänge, Spiele, gemeinsames Kochen. Das genießen die Kinder und Jugendlichen. Für manche ist dieses familiäre Gefühl ganz neu. Vielleicht sind wir durch die Krise alle sogar noch ein Stückchen enger zusammengerückt. Gleichzeitig ist auch bei uns der Alltag durch die Schließung der Kindergärten und Schulen deutlich angespannter.

Wir mussten die Vormittagsschichten aufstocken. Jetzt kümmern wir uns immer zu zweit um eine feste Tagesstruktur. Frühes Aufstehen, gemeinsames Frühstück, Spielzeit für die Kleinen, Schulaufgaben für die Großen. Das gibt ihnen Sicherheit in dieser für alle unsicheren Zeit.

Wir haben einige Bewohner, die ohnehin psychisch eher labil sind. Sie leiden durch die angespannte, ungewisse Situation noch stärker. Manche stehen auch vor den Abschlussprüfungen. Ob sie die auch im nächsten Jahr noch bestehen, weiß niemand. Andere leiden unter der Trennung von den Freunden oder machen sich Sorgen um ihre Großeltern.

Gleiches gilt für uns Pädagogen. Nicht selten arbeiten wir zehn Tage am Stück. Irgendwann ist auch unser Geduldsfaden nicht mehr so stark, irgendwann sind unsere Grenzen als Menschen erreicht. Doch zusätzlich nagt noch eine andere Ungewissheit an uns: Ich mache mir zunehmend Sorgen um einige unserer ehemaligen Bewohner, die inzwischen wieder bei ihren Familien leben. Eigentlich wissen wir alle, dass sie im Moment bei uns besser aufgehoben wären und können nur beten, dass nichts Schlimmes passiert.

Sorge um frühere Bewohner

Wir versuchen per Telefon Kontakt zu halten und haben auch mit dem Jugendamt über unsere Sorgen gesprochen. Mehr können wir leider nicht machen.

Die Erfahrungen aus China oder Italien zeigen, dass die Gewalt gegenüber Frauen und Kindern steigt, und zwar nicht nur in belasteten Familien.

Und das Schlimmste: Schutzinstanzen wie Kita, Schule oder Sportvereine können im Moment nicht mehr hinschauen. Die meisten Jugendämter arbeiten in Notbesetzung. Die meisten Sozialarbeiter aus der ambulanten Jugendhilfe besuchen nur noch selten die Familien. Bei den Jugendämtern geht man wohl von einer deutlichen Zunahme von Inobhutnahmen aus. Deshalb wäre es aus meiner Sicht immens wichtig, die Schulen und Kindergärten schnell(er) wieder zu öffnen, wenigstens für die Familien, die diese Unterstützung am dringendsten brauchen.“

Aufgezeichnet von Birk Grüling

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.

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