Ein Treppenhaus wie ein unregelmäßig geformtes Schneckenhaus im Neuen Jüdischen Museum.
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Ein Treppenhaus wie ein unregelmäßig geformtes Schneckenhaus im Neuen Jüdischen Museum.

Wiedereröffnung

Jüdisches Museum: Neue Perspektiven

  • vonMicha Brumlik
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Das Jüdische Museum Frankfurt weitet nach seiner Wiedereröffnung den Blick von Vielfalt und Schrecken der Vergangenheit auf die Zukunft.

Am 21. Oktober wird das neue Jüdische Museum in Frankfurt am Main nach jahrelangen Bauarbeiten feierlich eröffnet – ein weiterer Meilenstein in der langen, widersprüchlichen Geschichte der Stadt und der in ihr lebenden Juden. Die Gründung des Museums 1988 war Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte. Bekanntermaßen sah bereits der erste Bundeskanzler, Konrad Adenauer, die Existenz jüdischer Gemeinden als Beweis für den Wiedereintritt Deutschlands in den Kreis der zivilisierten Nationen an; zusammen mit der von ihm betriebenen Annäherung der frühen Bundesrepublik an den jungen Staat Israel sollte somit ein Bild neuer Gemeinsamkeit von Deutschen und Juden entstehen – ungeachtet des Fortlebens vieler nationalsozialistischer Funktionsträger in den Institutionen der Bundesrepublik.

Gleichwohl: Erst der von dem deutsch-jüdischen Remigranten Fritz Bauer, dem hessischen Generalstaatsanwalt, in die Wege geleitete, nicht zufällig in Frankfurt 1963 eröffnete Auschwitzprozess konfrontierte die (west)deutsche Öffentlichkeit mit dem ganzen Ausmaß an Grauen, Schuld und Verantwortung – Ausgang einer nun in vielen deutschen Städten entstehenden Gedenkkultur, die von Mahnmalen an 1938 zerstörte Synagogen bis hin zu den „Stolpersteinen“ an deportierte und ermordete jüdische Bürgerinnen und Bürger erinnert. So gesehen stellten die jüdischen Gemeinden in Deutschland selbst etwas Museales, eine Art lebendiges Denkmal an den Holocaust, die Shoah dar; ihre prominenten Vertreter – Holocaustüberlebende wie Heinz Galinski, Ignatz Bubis und Paul Spiegel galten mit ihrer Lebensgeschichte als Mahner, als das gleichsam verkörperte historische Gewissen des Landes. Dem korrespondierten Gedenktage und – Jahre später – jüdische Museen. So auch in Frankfurt am Main.

Das neue Jüdische Museum in Frankfurt

Das Jüdische Museum in Frankfurt, das bundesweit älteste dieser Art, öffnet am 21. Oktober 2020 wieder für Besucher – nach fünf Jahren Bauzeit. Das Haus will ein Museum für alle sein und ist gerade in heutigen Zeiten besonders wichtig.
Das Jüdische Museum in Frankfurt, das bundesweit älteste dieser Art, öffnet am 21. Oktober 2020 wieder für Besucher. Das Haus will ein Museum für alle sein und ist gerade in heutigen Zeiten besonders wichtig. © peter-juelich.com
1988 als bundesweit erstes kommunales Jüdisches Museum eröffnet, wurde das Haus jetzt rundum erneuert und erweitert.
1988 als bundesweit erstes kommunales Jüdisches Museum eröffnet, wurde das Haus jetzt rundum erneuert und erweitert. © peter-juelich.com
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In einem Saal werden Kunstwerke von Moritz Daniel Oppenheim (1800 - 1882) gezeigt, dem ersten jüdischen Maler, der eine akademische Ausbildung erhielt. © peter-juelich.com
Der letzte Raum ist der Familie Frank gewidmet, die über Generationen in Frankfurt ansässig war.  Die Schrecken der Schoah werden nicht ausgespart, aber da ist zugleich ein starkes Zeichen von jüdischem Selbstbewusstsein und Selbstverständnis.
Der letzte Raum ist der Familie Frank gewidmet, die über Generationen in Frankfurt ansässig war. Die Schrecken der Schoah werden nicht ausgespart, aber da ist zugleich ein starkes Zeichen von jüdischem Selbstbewusstsein und Selbstverständnis. © peter-juelich.com
Der Holocaust sei für ein Jüdisches Museum das zentrale Vorzeichen, sagt Museumsdirektorin Mirjam Wenzel. „Diese Zäsur, dieser Bruch, dieser Verlust bildet das Vorzeichen unserer Arbeit. Aber wir halten dem die Vitalität und Kraft von jüdischer Kultur entgegen.“
Der Holocaust sei für ein Jüdisches Museum das zentrale Vorzeichen, sagt Museumsdirektorin Mirjam Wenzel. „Diese Zäsur, dieser Bruch, dieser Verlust bildet das Vorzeichen unserer Arbeit. Aber wir halten dem die Vitalität und Kraft von jüdischer Kultur entgegen.“ © peter-juelich.com

Indes: Anders als vielfach kolportiert, war die Stadt Frankfurt am Main keineswegs – jedenfalls was die Haltung zu Jüdinnen und Juden betrifft – ein Fall von unbedingter Liberalität – was nicht zuletzt die Wahlergebnisse am Ende der Weimarer Republik beweisen.

Gleichwohl ist die Rede vom engen Verhältnis der Frankfurter Juden zum liberalen Geist der Stadt nicht aus der Luft gegriffen. Jedenfalls waren es immer wieder jüdische Mäzene und Sponsoren, die die Frankfurter Kultur förderten: So auch Charles Hallgarten. Dem Frankfurter Historiker Paul Arnsberg (1899-1978) – er wäre Ende Dezember dieses Jahres 120 Jahre alt geworden – verdanken wir eine große, dreibändige Geschichte der Frankfurter Juden. Arnsberg hat das Leben des dem Judentum geistig zwar entfremdeten, es aber gleichwohl fördernden Mannes kritisch gewürdigt.

Charles Hallgarten, der 1838 in Mainz geboren wurde, 1908 in Frankfurt am Main starb und auf dem Friedhof Rat-Beil-Straße begraben wurde, unterstützte jüdische Wohlfahrtsinstitutionen. „Ein Ruhmesblatt für Charles Hallgarten war“, so Arnsberg in seinem biographischen Lexikon zur Geschichte der Frankfurter Juden, „seine Initiative zur Hilfe für die russischen Juden im Jahre 1905“. Und: „Er war der Gründer der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler und des Museums jüdische Altertümer in Frankfurt a.M.“ Dieses Museum entstand 1922 als erstes seiner Art in Deutschland und ging aus der von Hallgarten 1897 gegründeten „Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler“ hervor. Es stand unter der Hoheit der Jüdischen Gemeinde. In der Fahrgasse gelegen, wurde dieses Museum in der Pogromnacht 1938 geplündert und ein Großteil der Sammlung zerstört, wurden Exponate eingeschmolzen oder verkauft.

Es sollte Jahrzehnte dauern, bis in Frankfurt wieder ein Jüdisches Museum eröffnet wurde: und zwar im Jahre 1988 unter dem Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann und seinem äußerst erfolgreichen, umtriebigen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann. Die belanglose Eröffnungsrede wurde von dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl gehalten, der – wenn schon keine Gründe, so doch – Motive hatte, nach seiner Ehrung von SS-Runen auf dem Soldatenfriedhof Bitburg im Mai des Jahres 1985 das Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft aufzupolieren.

Vielseitige Blicke auf jüdisches Leben gestern und heute.

Überhaupt war Frankfurt 1985 mit Kämpfen um Erinnerung befasst: Besetzten doch Mitglieder der Jüdischen Gemeinde – unter ihnen Ignatz Bubis und Michel Friedman – Ende Oktober 1985 die Bühne des kleinen Hauses des Schauspiels, um die Aufführung des von Fassbinder verfassten, antisemitischen Stückes „Die Stadt, der Müll und der Tod“ erfolgreich zu verhindern. Nur zwei Jahre später wurden bei Ausschachtungsarbeiten am Frankfurter Börneplatz Fundamente von 19 Häusern der alten Frankfurter Judengasse entdeckt, um die bald ein heftiger kommunalpolitischer Streit entbrannte. Wollten doch geschichtsbewusste Bürgerinnen und Bürger diese Fundamente am Ort bewahren, während der damalige CDU-Oberbürgermeister Wolfram Brück dort ein Verwaltungsgebäude für die Stadtwerke errichten wollte.

In der Folge kam es zu Platzbesetzungen und Rangeleien der Polizei mit den Besetzern: unter ihnen die Autorin Eva Demski, der Grünen-Politiker Lutz Sikorski und der Verfasser dieser Zeilen. CDU-Oberbürgermeister Brück, der gegen die Bewahrung vor Ort war, empörte damals mit der Bemerkung, dass Ghettos und Judengassen in den mittelalterlichen Städten etwas ganz Normales gewesen seien. Am Ende stand ein Kompromiss zwischen Stadt und Jüdischer Gemeinde: So wurden fünf Fundamente von Häusern sowie zwei jüdischen Ritualbädern abgetragen, um im Kellergeschoss an der originalen Fundstelle wieder aufgebaut zu werden. Dies bildete den Mittelpunkt des 1992 eröffneten Museums Judengasse.

Zu erwähnen bleibt, dass die Mitgliedschaft der Jüdischen Gemeinde in dieser Frage gespalten war: bestand sie doch damals mehrheitlich aus polnischen Juden, die den Holocaust überlebt hatten und für die Frankfurt am Main mitsamt seiner jüdischen Vorkriegsgeschichte und der 1938 zerstörten, neoorthodoxen Synagoge am Börneplatz keinerlei lebensgeschichtliche Bedeutung hatte.

Ohnehin war der schon 1980 von der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung auf Vorschlag von Hilmar Hoffmann gefasste Beschluss, in den Räumen des ehemaligen Rothschildpalais ein Jüdisches Museum zu eröffnen, in der Gesellschaft der Stadt hoch umstritten. Nicht wenige Stimmen – auch und nicht zuletzt aus den Reihen der Grünen – wandten sich gegen ein eigenständiges „Jüdisches Museum“ mit dem Argument, dass die Frankfurter Juden integraler Teil der Stadt gewesen seien und ihre Geschichte deshalb in ein Museum zur Geschichte Frankfurts zu integrieren sei.

„Frankfurter Rundschau Geschichte“

Das aktuelle Heft der Magazinreihe „Frankfurter Rundschau Geschichte“ widmet sich dem jüdischen Leben in der Stadt und in Rhein-Main. Zum jüdischen Museum finden sich darin Texte und Service. Zudem beschäftigen sich die Beiträge der Autorinnen und Autoren etwa mit den jüdischen Wurzeln der als „Juddebube“ bekannt gewordenen Eintracht, mit dem Leben von Anne Frank in der Stadt, aber auch mit moderner jüdischer Kultur und mit Antisemitismus in unserer Zeit. Das Heft ist für 6,90 Euro im Buch- und Zeitschriftenhandel erhältlich und kann online bestellt werden unter: geschichte.fr-abo.de

Tatsächlich ging der Gründung des Museums eine lange Geschichte voraus: Waren es doch nach (West)Deutschland zurückgekehrte deutsche Juden, die bereits 1961 eine „Kommission zur Erforschung der Geschichte der Frankfurter Juden“ gegründet hatten: der ehemals in Frankfurt, dann in London lebende, liberale Rabbiner Georg Salzberger sowie der erste jüdische Rektor einer deutschen Universität, der Philosoph Max Horkheimer.

Erster Direktor des 1988 eröffneten Museums wurde schließlich der 1946 in Budapest geborene Georg Heuberger; zu dieser Zeit auch nahm die spätere Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, Cilly Kugelmann, dort ihre kuratorische Tätigkeit auf.

Und die Zukunft? Über der Rolle Jüdischer Gemeinden als Mahner, als Repräsentanten einer Unheilsgeschichte wird gerne übersehen, dass jüdisches Leben – sei es in Kultusgemeinden organisiert oder äußere es sich in Politik, Kunst und Kultur – auch einen Gegenwartsbezug, einen „Wert“ in sich selbst hat: kann es doch keiner Gemeinschaft guttun, lediglich als „Opfer“ betrachtet zu werden.

Das empfinden unterdessen auch „dritte“ , ja „vierte“ Generationen in Deutschland lebender Jüdinnen und Juden genau so; Generationen, die ihr Leben nicht mehr ausschließlich von den Schatten der nationalsozialistischen Vergangenheit bestimmen lassen und am Entstehen einer neuen deutsch-jüdischen Kultur mitwirken wollen. Auch dem sollte ein jüdisches Museum in Frankfurt künftig entsprechen.

Micha Brumlik ist Erziehungswissenschaftler und Publizist und war Leiter des Fritz Bauer Instituts. In diesem Jahr erschien sein Buch „Antisemitismus“.

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