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Soldaten durchsuchten 30 Jahre lang den Dschungel nach Joseph Kony - ergebnislos.

Joseph Kony

Joseph Kony, der Unfassbare

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Uganda und die USA haben die Jagd auf den Rebellenführer Joseph Kony aufgegeben - doch ist seine "Widerstandsbewegung des Herrn" tatsächlich so machtlos wie angenommen?

Er wird gleich in mehrfacher Weise in die Geschichtsbücher eingehen. Als einer der mörderischsten Rebellenführer Afrikas: Mehr als 100 000 Menschen soll der Ugander auf dem Gewissen haben. Außerdem gilt er als der unfassbarste Flüchtling, den die Welt je gesehen hat: Über dreißig Jahre lang vermochte Joseph Kony den ugandischen Streitkräften – und mehr als sechs Jahre lang sogar den Hightech-Profijägern der amerikanischen Supermacht – zu entkommen. Dieser Tage stellen Washington und Kampala ihre gemeinsame Jagd auf Kony offiziell ein: Der 56-jährige Chef der „Lord’s Resistance Army“ (LRA) wird weiter sein Unwesen treiben können.

Und das, obwohl dem exzentrischen Religionsführer eine schier endlose Liste an Verbrechen vorgeworfen wird. Seine „Widerstandsbewegung des Herrn“ richtete nicht nur zahllose Massaker unter der Bevölkerung an: Sie entführte schon mehr als 60 000 Kinder, missbrauchte Mädchen als Sexsklavinnen, folterte Abtrünnige. Die pseudoreligiösen Rebellen sind an Brutalität kaum zu überbieten: Entführte Kinder werden gezwungen, ihre Eltern oder Geschwister umzubringen und das Blut ihrer Opfer zu trinken.

Bereits vor zwölf Jahren verhängte der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl über Kony – er war der erste auf der Liste der Den Haager Behörde. Interpol fahndete nach ihm und die US-Regierung setzte ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar auf ihn aus – nichts half. Selbst eine beispiellose Kampagne, in deren Verlauf sich 100 Millionen Menschen aus aller Welt innerhalb weniger Tage ein gruseliges Video über Kony anschauten und manche von ihnen anschließend ihre Geldbörse öffneten, um die Jagd auf den Rebellenführer zu unterfüttern, blieb ohne Erfolg.

Konys Unfassbarkeit hängt nicht zuletzt mit seinem Operationsgebiet zusammen. Von seinen rebellischen Anfängen in den 1980er Jahren an versteckte sich der selbst ernannte „Sprecher Gottes“, der seine Befehle angeblich direkt vom Allmächtigen erhält, im abgelegenen zentralafrikanischen Dschungel- und Savannengebiet zwischen Uganda, dem Kongo, der Zentralafrikanischen Republik und dem Sudan. Sein Aufstand war gegen die ugandische Regierung gerichtet, der Kony die Marginalisierung der im Norden des Landes lebenden Acholi vorwarf. Seine Überzeugungen sind eine Mischung aus Acholi-Überlieferungen und fundamentalistischem Christentum, sein Ziel die Errichtung eines autoritären Gottesstaats.

Kony wurde vom sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir ausgerüstet. Heute hat sich der Rebellenchef offenbar mit ein paar Hundert Getreuen in die Kafia-Kingi-Enklave im Grenzgebiet zwischen dem Sudan und dem Südsudan zurückgezogen. Dort wird er vom ebenfalls vor dem Den Haager Strafgerichtshof angeklagten sudanesischen Präsidenten zumindest geduldet. Das Pentagon betrachtet das Ende seiner fast eine Milliarde Dollar teuren Kony-Fahndung offenbar nicht als Niederlage. Der Rebellenchef sei inzwischen dermaßen geschwächt, dass von ihm kaum noch Gefahr ausgehe, heißt es in Washington: Die Jagd, an der zeitweise bis zu 250 amerikanische Elitesoldaten und weit über 1000 ugandische Truppenmitglieder beteiligt waren, habe die LRA praktisch lahmgelegt.

Tatsächlich wurden in jüngster Zeit mindestens fünf Kommandanten der Rebellentruppe gefangengenommen, zwei weitere stellten sich selbst. „Die LRA befindet sich in Auflösung“, sagte einer der beiden Deserteure, Bosco Kilama: „Kony wird alt und verliert seinen Einfluss auf die Kämpfer.“

Doch nicht alle teilen diese Einschätzung. Insider verweisen auf die beiden Kony-Söhne Ali und Salim, die beide in ihrem Leben nichts anderes als das Töten gelernt hätten: Sie sollen mit ihrem Vater in Kafia Kingi leben und in den Schmuggel von Elfenbein und Bodenschätzen verwickelt sein. Würden die Überreste der LRA jetzt in Ruhe gelassen, könnten sie sich in eine Art „Söldnerarmee“ verwandeln, befürchtet Norbert Mao, Kommunalpolitiker im Norden Ugandas. Eine derart destruktive Truppe in dieser von zahllosen Unruhen heimgesuchten Region operieren zu lassen, käme einer „Zeitbombe“ gleich, meint Mao. „Sie warten nur darauf, in neue Bluttaten verwickelt zu werden.“

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