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Unterwegs in die selbe Richtung: Rabbiner Elias Dray und Islamtheologe Ender Cetin.

Interreligiöser Dialog

„Rechtsextremismus hat Juden und Muslime zum Angriffsziel“

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Josef Schuster vom Zentralrat der Juden spricht über den Dialog zwischen beiden Communities, verbreitete Vorurteile und gemeinsame Antworten auf Angriffe von rechts.

  • Josef Schuster im Interview
  • Zentralrat der Juden startet Initiative „Schalom Aleikum“
  • Juden und Muslime sollen gemeinsam an einem Tisch über Antisemitismus reden

Herr Schuster, der Zentralrat der Juden hat das Dialogprojekt „Schalom Aleikum“ 2019 gestartet. Mit welchen Erwartungen?

Wir haben im Juni 2019 mit dem Ziel angefangen, einen Austausch zwischen Juden und Muslimen bundesweit zu initiieren, nicht zuletzt um Antisemitismus vorzubeugen oder abzubauen. Die hebräisch-arabische Wortkreation „Schalom Aleikum“ für unser Projekt, die für die vertrauensvolle Begrüßung: „Friede sei mit Dir“ steht, gibt die Intentionen des Zentralrats der Juden bei diesem Vorhaben wieder. Es geht um eine bewusste, ehrliche Annäherung.

Warum sind muslimische Verbände nicht beteiligt?

Wir streben einen Dialog auf Augenhöhe an. Diese war wirklich bei jeder der 13 großen und kleineren Veranstaltungen von „Schalom Aleikum“ gewährleistet. Das Rezept war scheinbar einfach – wir haben die Funktionärsebene verlassen und uns dorthin begeben, wo der Austausch möglich ist, nämlich in die Zivilgesellschaft. Paritätische Begegnungen von jüdischen und muslimischen Frauen, Jungunternehmern, Familien, Lehrern, Senioren und Influencern haben gezeigt – so geht die Augenhöhe.

Initiative gegen rechte Anfeindungen

Inwieweit ist das Projekt auch eine Antwort auf Anfeindungen von rechts, die Juden und Muslime als Minderheiten in Deutschland gleichermaßen treffen?

Der Rechtsextremismus hat sowohl Juden als auch Muslime zum Angriffsziel. Das ist auch die Wahrnehmung beider Gruppen, was sich mit Zahlen untermauern lässt. Unser Projektteam hat in Kooperation mit dem Forschungsinstitut Forsa eine nicht repräsentative Umfrage unter jüdischen, muslimischen und christlichen Multiplikatoren durchgeführt. Wir haben mehr als 200 Personen befragt. Am häufigsten (52 Prozent) wurden Rechtsnationale- und radikale als gleichermaßen Juden und Muslimen gegenüber ablehnend wahrgenommen. Diese Gemeinsamkeit gibt es also, dennoch gibt es in der gesellschaftlichen Stellung von Juden und Muslimen Unterschiede, die wir im Projekt nicht verwischen möchten.

Welche meinen Sie?

Muslime sind nicht die Juden von heute. Antisemitismus darf man nicht mit dem antimuslimischen Rassismus gleichsetzen. Beide Diskriminierungsformen sind aufs Schärfste zu verurteilen. Wir müssen aber ganz klar sagen: Parallelen gibt es immer, doch bei einer Gleichsetzung verharmlosen wir die unterschiedlichen Diskriminierungsformen, tun den konkreten Menschen Unrecht und geben einer völlig unnötigen Opferkonkurrenz einen unnötig großen öffentlichen Raum.

Josef Schuster über das Projekt „Schalom Aleikum“

Wie ist es denn generell um die Verständigung zwischen Juden und Muslimen bestellt?

So pauschal lässt sich diese Frage kaum beantworten, weil es große Unterschiede gibt. Für unser Projekt kann ich zumindest sagen: Zwar noch im kleinen Rahmen, aber immerhin wächst der Kreis von Juden und Muslimen, die sagen: „Wir vertrauen unserem Gegenüber!“ kontinuierlich. Wir sind Realisten und beanspruchen für das Projekt „Schalom Aleikum“ keine revolutionäre Wirkung. Doch wir konnten anhand unserer Umfrage mit Freude feststellen, dass 96 Prozent der von uns Befragten sich einen deutlich intensiveren Dialog zwischen Juden und Muslimen wünschen, um eine bessere gegenseitige Verständigung zu erreichen.

Das Projekt

„Schalom Aleikum“ wurde im Juni 2019 gestartet, um Juden und Muslime an einen Tisch zu bekommen.  Dazu werden bundesweit Talkrunden und Treffen organisiert. Gefördert wird das Projekt durch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Annette Widmann-Mauz.
www. schalom-aleikum.de
In der Buchreihe dazu ist im Verlag Hentrich & Hentrich soeben der erste Band erschienen: „Mutige Entdecker bleiben. Jüdische und muslimische Senioren im Gespräch“.

Und woran hakt es?

Wir haben es mit sehr unterschiedlichen Communities zu tun. Es gibt vieles, was uns verbindet. Das war zum Beispiel in der Beschneidungsdebatte zu spüren. Doch der Dauerkonflikt im Nahen Osten trägt nicht gerade zu einem entspannten Verhältnis zwischen Juden und Muslimen in Deutschland bei. Von nicht wenigen Muslimen, zumal den Geflüchteten der letzten Jahre, wird das Existenzrecht Israels massiv in Frage gestellt. Das ist für uns ein absolutes No-Go.

Der Zentralrat warnt seit längerem vor wachsendem Antisemitismus in Deutschland. Welche Rolle spielen dabei muslimische Communities?

Josef Schuster ist seit 2014 Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland.

Leider eine nicht ganz kleine. Wir registrieren zwar einen Generationswechsel in den muslimischen Gemeinden und Verbänden. Uns erreichen immer wieder einzelne Akteure, die konkrete Schritte für die Bekämpfung von Antisemitismus in ihrer Gemeinschaft unternehmen. Doch es gibt da noch sehr viel zu tun – praktisch parallel zu den Veranstaltungen unseres Projekts fanden in den Großstädten Deutschlands Angriffe auf erkennbare Juden statt, oft waren junge Muslime Täter. Auch deswegen haben wir gesagt: Wir wollen ein Buch über die von Juden und Muslimen hoch geschätzte ältere Generation machen. Wir hoffen, dass die Stimmen der klugen und lebenserfahrenen Menschen helfen werden, die überhitzten und nicht zuletzt aus dem Netz vergifteten Köpfe einiger junger Leute zu erreichen.

Wie kann die Gesellschaft insgesamt den Antisemitismus gerade in muslimischen Communities bekämpfen – ohne gleichzeitig Islamophobie Vorschub zu leisten?

Hierbei handelt es sich um eine gesamtgesellschaftliche Agenda. Am allerwichtigsten ist Bildung. Hier muss sowohl in den Schulen als auch in den Integrationskursen viel stärker aufgeklärt werden. Zugleich müssen wir die Muslime stärken, die sich aktiv gegen Antisemitismus einsetzen. Sie brauchen Rückhalt gegenüber ihren eigenen Leuten.

Interview: Nadja Erb

„Schalom Aleikum“wurde im Juni 2019 gestartet, um Juden und Muslime an einen Tisch zu bekommen. Dazu werden bundesweit Talkrunden und Treffen organisiert. Mehr Infos finden Sie auf der Internetseite von „Schalom Aleikum“

In der Buchreihedazu ist im Verlag Hentrich & Hentrich soeben der erste Band erschienen: „Mutige Entdecker bleiben. Jüdische und muslimische Senioren im Gespräch“.

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