John Wayne kann nichts dafür

Warum die Bilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib viel über das moderne Amerika verraten

Von WOLFGANG SCHMIDBAUER

In dem Western "Der schwarze Adler" spielte John Wayne einen traumatisierten Soldaten, der seine von Indianern entführte Nichte sucht. Während einer Verfolgungsjagd treffen sie auf einen toten Feind. John Wayne zieht den Revolver und schießt dem Toten in die Augen.

Wer keine Augen mehr hat, findet nach einem (angeblichen) Indianerglauben das Paradies nicht. Die Grausamkeit seiner Feinde hat den christlichen Europäer primitiv und grausam werden lassen. John Wayne kann eigentlich nichts dafür. Schuld sind die, die ihn dazu gebracht haben, so zu denken und zu foltern wie sie.

Dieses Motiv nennen Psychoanalytiker die "Identifizierung mit dem Angreifer". Es wirkt im düsteren Hintergrund seelischer Traumatisierungen und straft den optimistischen Glauben Lüge, wer selbst Opfer gewesen sei, müsse nun fähig sein, sich in das Leid neuer Opfer einzufühlen und sie zu schonen. Oft gilt eher das Gegenteil. Weil im Augenblick der seelischen Überforderung der Angreifer selbst die einzige Person ist, die emotionalen Halt zu bieten verspricht, verschmelzen Opfer mit ihm.

Geprügelte Eltern hauen ihre Kinder; zu jeder Revolution gehört die brutale Folter der Folterknechte. Daher gilt auch die makabre Logik, dass jetzt die "Guten" in eben dem Gefängnis foltern, dessen Opfer sie von den "Bösen" befreien wollten.

Während die nordamerikanischen Indianer die ersten Siedler durchfütterten und unterstützten, so gut sie konnten, werden sie im Film zu grausamen Bösewichten, die nur daran denken, unschuldige Weiße zu martern. Natürlich sind die Indianer irgendwann brutal geworden, wie es jeder wird, der sich und seine Kultur bedroht sieht. Aber sie haben nicht damit angefangen.

Die Interpunktion setzt der Mächtige. Das Drehbuch beginnt mit einer friedlichen Siedlerfamilie, in deren Leben grausame rote Männer einbrechen, nicht mit dem friedlichen Indianerdorf, das von weißen Landräubern geplündert wird.

Das amerikanische Trauma vom 11. September sitzt tief. Die arabischen Täter haben Hollywood ein Drehbuch gestohlen und es selbst inszeniert. Die Gage war ihr eigenes Leben, und daher gibt es auch niemanden, an dem man sich rächen kann.

Niemanden? Da sind doch diese Gefangenen, welche dieselbe Sprache sprechen, denselben Glauben haben wie die Täter. Sie werden schon irgendwie schuldig sein; zu solchen Auseinandersetzungen gehört immer auch ein primitiver Rassismus - nur der tote Indianer ist ein guter Indianer.

Nur tote Indianer sind gute Indianer

Angesichts der Folter-Bilder aus Irak wirken die Reaktionen der Medien eintönig. Empörung allerorten, Suche nach Schuldigen weiter oben, Entschuldigungen der Verantwortlichen. Im Hintergrund, klammheimlich, die Freude, dass gerade den US-Amerikanern das passieren musste und ihre im Golfkrieg wasserdichte Informationspolitik derart leckt. Den paar Falken, die (wie der Münchner Professor an der Bundeswehrhochschule Michael Wolffsohn) zwar die Misshandlungen von Gefangenen ablehnen, aber Folter und Folterdrohung als legitime Mittel im Kampf gegen den Terrorismus wenigstens diskutieren wollen, bläst ein Sturmwind ins Gesicht.

Die Szene hat etwas gespenstisch Vertrautes. Uns wird klar, dass ein Problem, das wir vom Fortschritt der Zivilisation überwunden glauben wollen, immer noch da ist. Wir trösten uns damit, dass es solche Dinge schon immer gegeben hat. War es nicht früher noch schlimmer? Im Mittelalter, bei der Hexenfolter, in Algerien während des Bürgerkriegs, in den Kellern der Gestapo und des KGB. Wir denken an den Marquis de Sade oder an Pasolinis Film über die "120 Tage von Sodom", in dem er Faschismus, Sexualität und Folter in einer Weise darstellt, die gespenstisch an die Bilder aus Irak erinnert.

Psychoanalytiker pflegen solche Szenen sozusagen umgekehrt zu diskutieren. Sie fragen nicht: Wie kommen Menschen dazu, das zu tun? Denn sie wissen, dass in jedem von uns die Bereitschaft zum Sadismus steckt. Daher lautet ihre Frage eher: Wann und unter welchen Umständen gelingt es nicht mehr, diese Bereitschaft zur perversen Aktion zu zügeln?

Gegenwärtig halte ich zwei Zusatzfragen für diskussionswürdig: Könnte es sein, dass wir in Zeiten leben, welche die Hemmungen der sadistischen Neigungen in uns destabilisieren? Wäre es möglich, dass diesen Neigungen aus bisher unbekannten Quellen eine bedrohliche Steigerung zuwächst?

In den vergangenen dreißig Jahren ist Rache wieder salonfähig geworden. In Filmen (wie "Blue Steel") übergibt die Polizistin den Verbrecher nicht mehr der Justiz, sondern erledigt ihn triumphierend mit einigen wohlgezielten Schüssen. In anderen ("Ein Mann sieht rot") beginnt das Opfer eines brutalen Verbrechens einen Feldzug gegen den "Abschaum".

Unser zivilisiertes Rechtsempfinden erhebt sich pharisäisch über das alttestamentarische "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Aber dieses schlichte Gesetz hat einen hohen Wert: Es schützt vor der Maßlosigkeit, welche in jedem Rache-Impuls steckt. Es schützt vor Terror und sollte angesichts von Terror vor der Maßlosigkeit eines Krieges gegen den Terror schützen, die Verhältnismäßigkeit bewahren. Wir dürfen dem, der uns Unrecht tut, nicht mehr nehmen, als er uns genommen hat.

Ein Senior der US-Sozialpsychologie hat sich über die Berichte aus den Gefängnissen in Irak nicht gewundert. Es war der Stanford-Forscher Philip G. Zimbardo, der 1971 das legendäre "Gefängnisexperiment" durchführte. Er richtete im Keller der Universität einen täuschend echten Kerker ein, rekrutierte 24 Studenten und gab ihnen in einem Zufallverfahren die Rollen der "Gefangenen" und der "Wächter".

Binnen weniger Tage veränderten die "Wächter" ihr Sozialverhalten. Sie erniedrigten die Gefangenen, schrieen sie an, bedrohten sie. Als sie anfingen, ihre Opfer zu misshandeln, wurde das Experiment abgebrochen. Vier der "Versuchspersonen" erlitten ein seelisches Trauma; aus diesem Grund gelten solche Versuche heute als unethisch und werden nicht mehr wiederholt.

Als Zimbardo die Bilder aus Abu Ghraib sah, waren sie ihm vertraut. Die Szene, in der Häftlinge durch Kapuzen geblendet und sexuell erniedrigt wurden, kannte er aus seinem Experiment. Sie war den jungen, ehrgeizigen, unbescholtenen, keineswegs perversen Studenten, die als "Wächter" mit den "Gefangenen" eingeschlossen waren, spontan eingefallen.

Überall, wo Gefängniswärter nicht sorgfältig ausgebildet und kontrolliert werden, geht es ähnlich zu. Sexuelle Erniedrigung ist in US-Gefängnissen an der Tagesordnung. Im Zusammenhang mit den Irak-Berichten sind viele Fotos aufgetaucht, welche Demütigung als Routine der Bewacher erscheinen lassen. Im Maricopa County Jail müssen die Häftlinge beispielsweise rosa Unterwäsche tragen.

Keine Schonung für den Feind

Die heftige Kränkung der Vereinigten Staaten durch den islamistischen Terror hat sich mit einer wachsenden Akzeptanz für primitive Racheimpulse in der Konsumgesellschaft schlechthin zu einer brisanten Mischung verdichtet. Reaktionäre Demagogen wie Präsident George W. Bush spielen mit einem Feuer, in dem der Rechtsstaat bedroht ist, auch wenn sie sich ebenso demonstrativ wie verspätet von den Folgen ihrer Zündelei zurückzuziehen. Wer hat denn die markigen Worte aus Wildwest zitiert: "Fangt sie, tot oder lebendig?"

In den Folter-Ritualen, die jetzt aufgedeckt wurden, geht es eindeutig um sexuelle Erniedrigung. Es geht um den Bereich, den Sigmund Freud als "Kastrationskomplex" beschrieben hat. Der besiegte und entwaffnete Feind darf nicht mit Schonung rechnen. Er wird weiter erniedrigt und seiner Würde beraubt, angeblich um den Terror zu stoppen und Informationen zu erpressen, in Wahrheit aber, um eigene Ängste zu bannen.

In jedem Mann, so Freud, schlummert die Angst vor Kastration. Wer von Waffen und Gewalt fasziniert ist, zeigt dadurch, dass er entsprechende Befürchtungen überkompensiert. Rambos und Terminatoren bieten auf der Leinwand Futter für Identifizierungen, welche die Konsumenten ihrer bedrohten Männlichkeit versichern. Man könnte sagen: Natürlich, wir wussten schon immer, dass Analytiker sexualfixiert sind. Aber die Analytiker haben sich die Szenen nicht ausgedacht, in denen nackte Männer an Halsbändern kriechen oder bei Masturbationspraktiken abgelichtet werden.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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