+
Rainer Rother forscht über Medien- und Filmgeschichte.

John Bull gegen die blutrünstigen Hunnen

Der Kurator der Berliner Ausstellung zum Ersten Weltkrieg über die "Judenzählung", Leichen-Fotos in der Feldpost und stereotype Feindbilder als Mittel der PropagandaDer Erste Weltkrieg war auch die erste große Propagandaschlacht. Der promovierte Germanist Rainer Rother ist ein Kenner der Mediengeschichte dieser Epoche und Kurator der Ausstellung "Der Weltkrieg 1914 -1918. Ereignis und Erinnerung".

Frankfurter Rundschau:Wenn Propaganda funktioniert, wirkt sie suggestiv, schürt Feindbilder und verfälscht die Wahrheit. War die so genannte Judenzählung 1916 in diesem Sinne ein Erfolg?

Rainer Rother: In gewisser Hinsicht schon. Die Kampagne der Rechten, mit der sie den Juden vorwarfen, sich um den Dienst an der Front zu drücken, bewirkte, dass die Regierung im Oktober 1916 diese "Judenzählung"anordnete. Die infame Anschuldigung, Juden würden in geringerem Maße als der Rest der deutschen Bevölkerung am Krieg teilnehmen, erwies sich als nicht haltbar. Die Kampagne bediente jedoch das judenfeindliche Stereotyp des Drückebergers, das von der politischen Rechten der Weimarer Zeit und später von den Nazis wieder aufgegriffen wurde.

Welche Folgen hatte die Zählung für das Verhältnis von jüdischen und nichtjüdischen Deutschen?

Sie hat das Verhältnis von jüdischen und nichtjüdischen Deutschen nachhaltig vergiftet. Jüdische Soldaten sahen sich als Gruppe diffamiert, der ihr Beitrag zum Krieg nicht geglaubt wurde. Als dann der kurz nach Kriegsende gegründete "Stahlhelm", Bund der Frontsoldaten, die jüdischen Soldaten ausschloss, bildete sich der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und es wurden Gegendarstellungen veröffentlicht, um zu beweisen, dass jüdische Soldaten keineswegs einen geringeren "Blutzoll" entrichtet hatten.

Welche Stereotype bedienten die Darstellungen der feindlichen und der eigenen Nation?

Das ist national verschieden. Auf Seiten der Entente sind der Aggressor Deutschland und der preußische Militarismus das klassische Feindbild. Es war ja nicht von der Hand zu weisen, dass der Überfall auf Belgien völkerrechtswidrig war. Die Kriegsverbrechen besonders in den ersten Monaten haben dann das Bild des blutrünstigen Hunnen zur wahrscheinlich effektivsten Propagandaform auf Seiten der Alliierten gemacht. In Deutschland konzentrierte sich die Propaganda vor allem auf England mit dem Klischee des John Bull, des Kaufmanns, der polypenähnlich seine Fänge über die ganze Welt streckt. Die kurze Zeit der russischen Besetzung von Teilen Ostpreußens hat das Propagandabild des blutrünstigen Kosaken aktiviert. Für die erste Zeit des Krieges ist die Herabsetzung des Gegners besonders wichtig. Im weiteren Verlauf wird dann die Leistung der eigenen Soldaten in den Mittelpunkt gestellt und das Durchhalten unter den elenden Bedingungen an der Front als Vorbild für die ganze Nation dargestellt.

Inwiefern wirken Feindbilder wie das des barbarischen, hässlichen Deutschen oder des stets betrunkenen, analphabetischen Russen bis heute fort?

Das ist schwer zu sagen. Das Bild des blutrünstigen Deutschen hat durch den Zweiten Weltkrieg eine ganz unvorstellbare Aktualisierung erfahren. Es gibt also einen realen Grund, warum sich dieses Feinbild so dauerhaft gehalten hat. Die Nationalsozialisten ihrerseits greifen auf die Propaganda-Stereotype des Ersten Weltkriegs zurück - es hat sicher lange gedauert, bis diese Feindbilder nicht mehr als das Normalbild der anderen empfunden wurden.

Verfolgten Regierungspropaganda und private Propaganda, etwa auf Postkarten, unterschiedliche Ziele?

Ich glaube, dass für die Postkarten eher humoristische Darstellungen bedeutsam waren. Soweit es sich um Feldpostkarten handelte, hatten die auch immer eine beruhigende Funktion. Wenn Post kam, hieß das für die Familie "Ich lebe noch". Die tatsächliche Härte an den Fronten ist schon aus Zensurgründen nicht dargestellt worden. Es gibt allerdings in der privaten Feldpost auch Fotos von Leichen gegnerischer Soldaten, obwohl die Darstellung des Todes ansonsten tabuisiert war. Die offizielle Propaganda richtete sich an die Heimatfront und an die neutralen Länder. Man musste nach innen die Gemeinsamkeit der nationalen Anstrengung betonen und nach außen die Stärke und die Erfolge der eigenen militärischen Kräfte herausstreichen.

Welche Propagandamittel waren besonders ungewöhnlich oder kurios?

Die Einwanderung in den Alltag ist wohl das, was an der Propaganda im Ersten Weltkrieg am auffälligsten ist. Es gab den Hindenburgkult und den Kult um den "Feldgrauen" in der Werbung, es gab Porzellangeschirr mit Porträts der militärischen Führer, es gab sogar Schultüten, die entsprechend ausgestaltet waren. Die ganze Gesellschaft wurde mit dieser Propaganda und ihren oft skurrilen Objekten überzogen.

Können Sie skizzieren, welche Rolle Fotografie und Film spielten?

Wegen ihres höheren Objektivitätsgehaltes galten Fotos und Filme als glaubwürdiger als andere Medien, und das ist vom Militär auch ausgenutzt worden. Insbesondere der Film galt als realistischeres Medium. Das erklärt den großen Erfolg des englischen Films "The battle of the Somme", der die erste Somme-Schlacht 1916 festhielt und ein entscheidender Durchbruch in dem Bemühen war, tatsächlich realistische Bilder von der Front in die Heimat zu bringen.

Welche Verbreitungswege - Flugblätter, Zeitungen, Anschläge, Plakate - waren besonders erfolgreich?

Auf alliierter Seite waren sicherlich die Plakate in den ersten Jahren sehr erfolgreich, vor allem wegen ihrer zupackenden Bildsprache. Man kann davon ausgehen, dass in Deutschland die Zeitungen mit ihren Fotos und die Filme das größte Publikum erreichten. Hier zu Lande war die Propaganda immer etwas hinterher. Das lag zum einen an Vorbehalten gegenüber der Bildpropaganda und zum anderen an der Schwäche der deutschen Filmindustrie, die zunächst nicht in der Lage war, entsprechende Filme herzustellen.

Interview: Uta Grossmann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion