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Unter dem Hashtag #Grüner Mist hat ein AfD-nahes Unternehmen eine Hetzkampagne gegen die Grünen gestartet. In zahlreichen deutschen Städten wie hier in Frankfurt sind Plakate mit diskreditierenden Inhalten zu sehen.
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Unter dem Hashtag #Grüner Mist hat ein AfD-nahes Unternehmen eine Hetzkampagne gegen die Grünen gestartet.

Bundestagswahl 2021

Bundestagswahl: Digitaler Wahlkampf - „Die AfD ist Großprofiteur“

  • Thomas Kaspar
    VonThomas Kaspar
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Kommunikationsberater Johannes Hillje im Interview über die Grenzüberschreitungen der AfD, gezielte Provokation der SPD und den Online-Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021.

Welche Rolle spielt das Internet in diesem Bundestagswahlkampf?
Als Informationsquelle wird das Internet mittlerweile genauso intensiv genutzt wie das Fernsehen. Immer mehr Menschen informieren sich auch über sozialen Medien, aber niemand fällt seine Wahlentscheidung auf Facebook. Dennoch sind die sozialen Medien sicher ein Taktgeber für die Wahlkampfdebatte geworden. Viele Themen, die in der breiten Öffentlichkeit und in den klassischen Medien diskutiert werden, haben zuerst die Gemüter auf Twitter oder anderen Plattformen erhitzt.
Wie verändern digitale Medien den Wahlkampf?
Sie verändern die politische Kommunikation insgesamt auf mehreren Ebenen. Die Kommunikation ist beschleunigter, direkter und pausenlos geworden. Aber auch Inhalte verändern sich, denn soziale Medien haben andere Relevanzkriterien als journalistische Medien. Und was wir auch in diesem Wahlkampf sehen, ist dass die Visualisierung der politischen Kommunikation verstärkt wird.
Johannes Hillje, 35, ist Politik- und Kommunikationsberater und Autor des Buches „Propaganda 4.0 – Wie rechte Populisten Politik machen“.

Zur Person

Johannes Hillje, geboren 1985 in Niedersachsen, arbeitet nach Stationen beim ZDF und den Vereinten Nationen in New York heute als Politikberater und Autor, zudem ist er Policy Fellow bei der Denkfabrik „Das Progressive Zentrum“ in Berlin. 2014 organisierte er als Wahlkampfmanager die Europawahl der Europäischen Grünen Partei.

Propaganda 4.0 – wie rechte Populisten unsere Demokratie angreifen“, heißt sein aktuelles Buch, das gerade in einer erweiterten Neuausgabe im Dietz-Verlag erschienen ist.  

Bundestagswahl 2021: Unvorteilhafte Aufnahmen von Armin Laschet im Netz diskutiert

Können Sie ein Beispiel nennen?
In den vergangenen Wochen wurden zahlreiche unvorteilhafte Aufnahmen von Armin Laschet diskutiert. Vor allem seine Auftritte in den Flutgebieten. Beispielsweise sein Lachen während Steinmeiers Ansprache, seine Rede vor einem Müllhaufen, aber auch Fotos, die ihn allein wegen des Bildausschnitts in ein schlechtes Licht rückten. Die Bilder werden auch deshalb so stark verbreitet, weil soziale Medien visuelle Medien sind.
Instagram ist ein reines Bildmedium. Beiträge auf Twitter, die Bilder enthalten, bekommen im Durchschnitt zwanzig Prozent mehr Reichweite als Tweets ohne Bilder. Das ist also die nächste Stufe der Visualisierung von Politik, nachdem das Fernsehen schon die politische Kommunikation deutlich bildlastiger gemacht hat. Ich glaube, dass dieser starke Fokus auf das Visuelle auch zur Entsachlichung dieses Wahlkampfes beiträgt.
Alle im Bundestag vertretenen Parteien haben eine Selbstverpflichtung für einen fairen digitalen Wahlkampf unterzeichnet mit Ausnahme der AfD. Wie bewerten Sie das?
Die AfD unterscheidet sich im Stil sehr stark von den anderen Parteien. Sie nutzt die sozialen Medien vor allem zur Polarisierung und Emotionalisierung, verbreitet mitunter auch Desinformation. Aber gerade durch die Emotionalisierung und Polarisierung wird ihre digitale Kommunikation besonders effektiv, weil es eine Affinität zwischen den Selektionskriterien der Algorithmen der Social-Media-Plattformen und dem Kommunikationsstil der AfD gibt.

Die AfD ist Großprofiteur der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie.

Johannes Hillje, Autor von „Propaganda 4.0“

Bundestagswahl 2021: Wahlkampf der AfD im Internet

Die AfD nährt die ständige Reizspirale der Internetmedien?
So ist es. Das Ziel der Plattformen ist es, um jeden Preis Aufmerksamkeit zu generieren, egal ob Aussagen wahr oder unwahr ist, höflich oder beleidigend sind. Wenn die Aufmerksamkeit der Nutzer gebunden wird, verbringen sie mehr Zeit auf der Plattform, ihnen kann folglich auch mehr Werbung ausgespielt werden. Deswegen werden Inhalte, die Aufmerksamkeit erzeugen, mit mehr Sichtbarkeit belohnt. Die AfD ist Großprofiteur der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie.
In ihrem Buch zitieren Sie ein Strategiepapier des Parteivorstands der AfD, in dem explizit zu gezielten Maßnahmen wie Dirty Campaigning oder Astroturfing aufgerufen wird. Die AfD nutzt die digitalen Medien offensichtlich in einer ganz anderen Art?
Die AfD agiert schmutziger als andere Parteien. Besorgniserregend ist vor allem, dass sie grundsätzlich ein demokratiefernes Verständnis von Partei-PR hat. Alice Weidel hat 2018 gesagt, dass man mit dem Ausbau der Social Media-Kommunikation das Ziel verfolge, dass die Menschen irgendwann AfD statt ARD schauen. Auch wenn das eine zugespitzte Provokation war, im Grundsatz ist der Anspruch, dass die Partei-PR den unabhängigen Journalismus ersetzen soll.
Auf ihren Social-Media-Kanälen kann man beobachten, wie sie versucht die Grenzen zwischen diesen beiden Sphären zu verwischen. Sie hüllt ihre Beiträge ist ein journalistisches Gewand und gaukelt vor, mit ihrer PR-Arbeit unabhängige Informationen zu liefern. Ich nenne die AfD daher eine digitale Propagandapartei. Dieses Vorgehen ist mit demokratischen Werten wie einer unabhängigen Presse nicht vereinbar.
Unsere Analyse hat gezeigt, dass die AfD über ein weitverzweigtes Netzwerk an Unterstützern im digitalen Raum verfügt.
Und aus diesem Netzwerk stammen auch Desinformationskampagnen, die nicht den Absender AfD tragen, aber die Agenda der Partei befördern. So wie wir es jetzt bei der Kampagne mit dem Titel #GruenerMist erleben. Das ist eine Anti-Grünen-Kampagne, die von einer Person organisiert wird, die der AfD sehr nahesteht. Die Finanzierung ist dabei vollkommen intransparent.

 Es ist nicht unglaubwürdig, wenn die AfD behauptet, dass sie keine Verbindung zur Kampagne #GruenerMist habe. Dazu sind die Verbindungen zwischen den Organisatoren und der Partei zu eindeutig. 

Johannes Hillje, Autor von „Propaganda 4.0“

Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021: Durch Absprachen unter Parteianhängern werden Hashtags populär

Lässt sich so auch erklären, dass Hashtags wie #Grueneverhindern, aber auch #Laschetverhindern sehr schnell verbreitet werden?
Dahinter stehen oftmals konzertierte Absprachen unter bestimmten Parteianhängern. Es gibt Telegram-Gruppen, wo sich Menschen verabreden, mit einer kritischen Masse dafür zu sorgen, diesen Themen und Slogans viel Sichtbarkeit zu verschaffen. Mitunter wird dies auch mit Social Bots, also automatisch verbreiteter Beiträge, unterstützt.
Damit kann dann die Partei in unserem Fragebogen angeben, sie verwende keine illegitimen Methoden, mobilisiert dann aber Fans dafür. Verstehe ich das richtig?
Selbst wenn sich eine Partei dazu verpflichtet, keine Desinformation zu streuen, keine Bots einzusetzen, dann heißt das nicht, dass dies aus ihrem Netzwerk nicht geschieht und es Absprachen dazu gibt. Es ist nicht unglaubwürdig, wenn die AfD behauptet, dass sie keine Verbindung zur Kampagne #GruenerMist habe. Dazu sind die Verbindungen zwischen den Organisatoren und der Partei zu eindeutig. Die gleiche PR-Firma gibt auch den „Deutschland-Kurier“, die inoffizielle Parteizeitung der AfD heraus

Christian Lindner von der FDP postet auch mal ein Foto von sich und seiner Freundin im Cabrio – hier hat man immerhin das Gefühl, dass man die Person näher kennenlernt.

Johannes Hillje, Autor

Parteien im Online-Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021: Mehr Ressourcen und Professionalisierung

Wie reagieren die anderen Parteien im digitalen Wahlkampf?
Alle Parteien stecken mehr Ressourcen aus ihrem Wahlkampfbudget in die digitale Kommunikation. Es gibt eine starke Professionalisierung und das geht mitunter auf Kosten der Authentizität der Inhalte. Mein Eindruck ist, dass gerade die Kanzlerkandidaten Laschet und Scholz mit Social Media fremdeln.
Soziale Medien sind personalisierte Medien, trotzdem lassen die beiden vor allem gestanzte Botschaften von ihren Teams verbreiten. Es entsteht kaum emotionale Nähe, kaum Begeisterung für die Person. Christian Lindner von der FDP postet auch mal ein Foto von sich und seiner Freundin im Cabrio – hier hat man immerhin das Gefühl, dass man die Person näher kennenlernt.
Annalena Baerbock hat eine große Internetreichweite aufgebaut und trotzdem hat man nicht den Eindruck, dass sie mit ihren Themen durchdringt.
Es gelingt bisher keinem Kandidaten eine Bewegung für sich im Netz aufzubauen. Dazu muss eine überzeugende Vision, mobilisierende Botschaften und attraktive Bildsprache kommuniziert werden, die dann von der Community weiter verbreitet werden. Darum müsste es jetzt im Wahlkampf gehen. Auch bei Annalena Baerbock sehen wir inzwischen eine stark professionalisierte Kommunikation in den sozialen Medien. Sie versucht ein präsidiales Image aufzubauen.
Die CSU unter Markus Söder ist stark in den sozialen Medien vertreten.
Das ist eine Lehre aus den schlechten Ergebnissen bei der Landtagswahl 2018, wo sie insbesondere bei den jüngeren Wählerschichten schlecht abgeschnitten hat. Sie haben viel experimentiert und neue Formate probiert und sind mit manchem auch gescheitert, wie mit ihrem eigenen Youtuber, der Rezo etwas entgegensetzen sollte.
Sie sind auch in diesem Wahlkampf des Öfteren mal übers Ziel hinaus geschossen, als sie etwa ein Bild veröffentlichten von Annalena Baerbock mit einer Denkblase, in der ein Kothaufen zu sehen ist. Zumindest ist die CSU ihren Beteuerungen für einen fairen Wahlkampf damit nicht gerecht geworden.

Von der SPD war das Video über Nathanael Liminski eine kalkulierte Provokation, die ganz bewusst zu Beginn der heißen Phase des Wahlkampfes gesetzt wurde. 

Johannes Hillje, Autor

Tabubruch im digitalen Wahlkampf zu Bundestagswahl 2021? Diskussion um Video der SPD

Auch die SPD hat sich mit einem viralen Video versucht, das auf die Religiosität von Laschets Staatskanzleichef anspielte. Viele sprechen von einem Tabubruch und einer gescheiterten Aktion.
Funktioniert hat der Clip dahingehend, dass die Aufmerksamkeit auf die persönlichen Ansichten von Herrn Liminski, also Laschet engstem Berater, gerichtet wurde. Über das Video wurde breit in der Öffentlichkeit diskutiert. Die Empörung der CDU darüber hat dazu beigetragen, dass es noch bekannter wurde. Ein klassischer Streisand-Effekt.
Von der SPD war das eine kalkulierte Provokation, die ganz bewusst zu Beginn der heißen Phase des Wahlkampfes gesetzt wurde. Dieser frühe Zeitpunkt ist typisch für „Negative Campaigning“. Es wird ein scharfer Vorwurf über den Gegner in die Welt gesetzt mit der Hoffnung, dass bei den Leuten etwas davon hängen bleibt, es aber am Wahltag nicht mehr auf den Absender negativ zurückfällt. Das ist das Kalkül der SPD.
Was erwarten Sie für den Endspurt im Wahlkampf?
Meine Erwartung ist, dass wir noch mehr erregte Debatten erleben werden, weil die Art und Weise der Kommunikation in sozialen Medien mittlerweile stark auf die öffentliche Debatte insgesamt abfärbt. Meine Hoffnung wäre, dass bei den Parteien und im Journalismus Twitter-Relevanz stärker von gesellschaftlicher Relevanz unterschieden wird.
Viele derjenigen, die einen inhaltsleeren Wahlkampf beklagen, tragen vermutlich auch ein Stück weit dazu bei, indem sie sich von den digitalen Erregungsspiralen treiben lassen. Gerade vor dieser so wichtigen Bundestagswahl 2021 gilt es an klassische Relevanzkriterien zu erinnern. Die Bürgerinnen und Bürgern sollte sich ihre Meinung nicht nur auf Basis von Nebensächlichkeiten bilden können. (Thomas Kaspar)
Follower der Bundestagsparteien in sozialen Medien.

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