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„Ich kriege das bis heute nicht in meinen Kopp rein, watt hier auf einmal los war.“ – Jörg Sartor im April 2018. 

Essener Tafel

Jörg Sartor, der Tafelmann von Essen, und sein persönlicher Kampf gegen das Schönreden

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Der Chef der Essener Tafel sperrte im vorigen Jahr Ausländer aus. Dafür wurde er gefeiert und angefeindet. Er würde es wieder so machen.

Wahrscheinlich hätte er auch das gern geschrieben: Drecksack. Und vielleicht hätte er, wütend, wie er war, auch noch ein paar andere Wörter gern benutzt, Penner oder Wemser zum Beispiel. Jedenfalls gebraucht er sie jetzt, wenn er über Menschen spricht, die ihm voriges Jahr in den Rücken gefallen sind, so empfand er es, damals, als die Journalisten vor seiner Tür warteten und die Politiker über ihn urteilten und er jede Unterstützung so gut brauchen konnte. 

Am Ende habe ihm der Verlag bei manchem abgeraten. Zu drastisch. Dabei wäre es ja, findet Jörg Sartor, die Wahrheit gewesen, und wenn etwas wahr ist, dann muss man es laut und deutlich aussprechen, nur dann wird es gehört, nur dann kann sich etwas ändern. Das ist seine Lehre aus dem letzten Jahr. „Gerechtigkeit ist für mich das Wichtigste“, sagt er später. Und wenn einem etwas ungerecht vorkommt, muss man schreien. Daran hält er sich. 

„Darum nimmt die Essener Tafel nur noch Deutsche auf“

Ein Mittwoch im September, Jörg Sartor sitzt an seinem Schreibtisch im Büro der Essener Tafel, einem schmalen Raum in einem alten Wasserturm im Südosten Essens, in seinem Rücken eine Kiste mit Kaffeepäckchen. Noch ein paar Tage, bis sein Buch erscheint, „Schicht im Schacht“ heißt es, eine Trauerschrift über den Niedergang seiner Heimat und ein Rückblick auf das vergangene Jahr. Noch eine Stunde bis zur Lebensmittelausgabe. Es klingelt. „Ralf!“, brüllt Sartor zu den Helfern rüber, so laut, dass jeder in seiner Nähe erschrocken zusammenzuckt. 

Sartor war 30 Jahre Bergmann. Unter Tage bringt es nichts, wenn man leise redet. Dann hört einen keiner.

Dass Jörg Sartor ein bekannter Mann wurde, dieser 62-Jährige mit dem runden Bauch und dem runden Gesicht, das bei Aufregung rasch rot wird, begann mit einer Schlagzeile am 22. Februar vergangenen Jahres. „Darum nimmt die Essener Tafel nur noch Deutsche auf“, schrieb die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ über einen Artikel. Er handelte davon, dass die Tafel vorerst und übergangsweise keine Ausländer mehr als neue Empfänger aufnehmen werde, weil sich Ältere über das Verhalten vor allem junger männlicher Zuwanderer bei der Ausgabe beschwert hätten. Aber das Wort „vorerst“ spielte bei der öffentlichen Lektüre dann keine große Rolle mehr.

„Eine Gruppe pauschal auszuschließen passt nicht zu den Grundwerten unserer solidarischen Gemeinschaft“, erklärte Katarina Barley (SPD), damals Justizministerin, in Berlin. Die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali warf Sartor vor, „Hunger Games“ zu veranstalten und Deutsche gegen Ausländer auszuspielen“. Unbekannte sprühten „Fuck Nazis“ auf einen Transporter der Tafel. Die „New York Times“ und die „Washington Post“ interviewten ihn. 

Jörg Sartor, dem Chef der Essener Tafel, hat keine einfache Geschichte

„Ich glaube, da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen“, sagte die Kanzlerin. „Das ist nicht gut.“ 

Am meisten, sagt Sartor, habe er „die Barley“ gefressen. Die sei „ganz weit wech“, aber habe sich als Erste gemeldet. „Datt kotzt mich an“, sagt Sartor heute. Bollerkopp, so nennt er sich selbst. Aber über diese Entscheidung, eine Grenze zwischen Deutschen und Ausländern zu ziehen, sagt er heute auch: „Ich würde diese Entscheidung jederzeit wieder treffen.“ Ist das mehr als Trotz und Rechthaberei? War es am Ende doch zu etwas gut? 

Die Geschichte von Jörg Sartor, dem Chef der Essener Tafel, ist keine einfache. Weil sie zuerst, aus der Ferne, so eindeutig aussieht, nach klaren Fronten, nach Schwarz und Weiß, und dann viel komplizierter ist. Sie handelt von einem einfachen Mann, einem Steiger, dem es fast aus Versehen gelang, sich sehr viel Gehör zu verschaffen, sie handelt von den Mechanismen öffentlicher Erregung und von dem Verdacht, jemand, der so spricht und entscheidet, müsse doch wohl ein ganz Rechter sein. 

Was ihn von der AfD unterscheidet? „Dass ich mit den rechtsradikalen Planschköppen nix zu tun haben will“, sagt Sartor. Er musste das schon häufiger klarstellen. 

Plötzlich standen Dutzende Journalisten vor der Tür der Tafel.

Am Anfang, so erzählt es Sartor, hätten Beschwerden gestanden. Seit 2015 habe sich das Bild an den Ausgabestellen der Tafeln geändert, da hätten plötzlich „junge arabische Männer“ die Szene dominiert, die „Gib! Gib! Gib!“ riefen, das Tafel-Personal be- und die anderen Kunden verdrängten. „Herr Sartor, wenn Sie nicht etwas ändern, kommen wir nicht mehr“, hätten ihm andere, vor allem ältere Kunden gesagt, und Sartor zählte nach und stellte fest, dass 75 bis 80 Prozent der Nutzer keinen deutschen Pass hatten. „Wir mussten erst mal ein Gleichgewicht wiederherstellen“, sagt er heute. Nur darum sei es ihm gegangen. 

Schon Anfang Dezember 2017 führte er deshalb die Regel ein, Ausländer vorerst nicht mehr neu zuzulassen, bis dieses Verhältnis erreicht sei, nur dass sie zunächst niemand beachtete. Das änderte sich erst im Februar 2018, mit dem Bericht in der Zeitung. Am nächsten Tag standen Dutzende Journalisten vor der Tür der Tafel. „Ich kriege das bis heute nicht in meinen Kopp rein, watt hier auf einmal los war“, sagt er heute.

Für die einen war er jetzt Sartor, der Rassist. Für die anderen war er Sartor, der Mann, der den Missstand endlich offen anspricht. Dazwischen war nicht viel. 

Sartor könnte ein Heinz Buschkowsky des Ruhrgebiets sein

Die größten Schwierigkeiten hatte Sartor mit den Sozialdemokraten. Und die Sozialdemokraten mit ihm. Das liegt daran, dass Sartor aus dem Stoff ist, aus dem die SPD jahrzehntelang ihre Erfolge nähte, vor allem in Nordrhein-Westfalen, ihrem Stammland. Bergmann, Sohn eines Bergmanns, seit 40 Jahren SPD-Wähler, sozial engagiert, bodenständig, Freund der klaren Sprache. Sartor könnte ein Heinz Buschkowsky des Ruhrgebiets sein, ein Nachfolger jenes sperrigen, aber basisnahen Neuköllner Bezirksbürgermeisters. Aber jetzt sprach dieser Sartor von einer „Nimm-Mentalität“ und thematisierte jene Konkurrenz am unteren Rand der Gesellschaft, von der nicht jeder gern hörte. 

Schwieriges Thema für die Sozialdemokraten, die doch mit beiden solidarisch sein wollen, den Geflüchteten und denen, die man die kleinen Leute nennt. Und jetzt? 

Barley urteilte. Franziska Giffey, Familienministerin, rief ihn an, sie sprachen eine Stunde miteinander, sie hatte, das war Sartors Eindruck, Verständnis für ihn. Peer Steinbrück schrieb ihm einen Brief und spendete 1000 Euro. Aber zwischen Sartor und der Landes-SPD herrscht Eiszeit. Wenn ihm jemand von der SPD begegnet, „dann gucken die betreten auf ihre Schuhspitzen“, sagt er. 

Die Geschichte zwischen Sartor und der SPD, das ist die Geschichte einer Entfremdung. Bei der Europawahl hat er sie zum ersten Mal nicht mehr gewählt, sondern die CDU. Wegen Barley. „Ich bin Sozialdemokrat durch und durch, und diese Wemser sind es nicht“, sagt er, wobei „Wemser“ eigentlich so viel wie dicker Typ bedeutet, er es hier aber abwertend meint, wie er überhaupt eine große Freude an abwertenden Bezeichnungen aller Art hat. Sein Satz ist anmaßend, trotzig und erzählt viel über Sartor, der es sich vorgenommen haben muss, es den Menschen, die mit ihm zu tun haben, ja nicht zu einfach mit ihm zu machen. Aber dieser Satz bezeichnet eben auch ein Problem der SPD. Und dieses Problem lässt sich an wenigen Orten so gut beobachten wie im Essener Norden, im Stadtteil Altenessen.

Bedürftige warten im Februar 2018 vor der Essener Tafel auf die Ausgabe von Lebensmitteln.

In Altenessen lebten früher die Bergmannsfamilien, die SPD kam regelmäßig auf 50 Prozent. Bei der letzten Bundestagswahl kam die SPD auf 30 Prozent, die AfD dafür auf knapp 20. Es ist der Stadtteil, in dem Jörg Sartor aufgewachsen ist, in dem er noch heute lebt und von dem auch sein Buch handelt, das laut Untertitel den „Niedergang des Ruhrgebiets“ thematisiert. Eine Tour also mit ihm durch seine Heimat – sie führt vorbei am Bahnhof Altenessen, hinter dem sich immer mal wieder zwei Clanfamilien befehdeten („Hier beginnt der Libanon in Altenessen“), an Schrottimmobilien, deren Besitzer mit Großfamilien aus Südosteuropa Kasse machen, an gepflegten Bergarbeiterhäuschen vorbei, in denen jetzt die Kinder türkischer Einwanderer leben, hin zur Altenessener Straße mit ihren Geschäften. Das hier ist nicht Duisburg-Marxloh, das Hassobjekt der Multikultigegner, aber es ist eben auch nicht mehr das Altenessen, das er kannte. Wo er als Schüler seine Bücher kaufte, ist jetzt ein türkisches Reisebüro, in der Stammkneipe seines Vaters sitzt ein Nagelstudio, statt Metzgern und Bäckern residieren hier Shishabars und Dönerläden. 

Jörg Sartor, der Tafelmann von Essen, führt einen Kampf gegen die Sozialfuzzis

Er esse hier ja auch mal gern Döner, sagt Sartor, was bei ihm wie „Dönner“ klingt. „Aber mein Heimatgefühl is‘ wech.“ Sartor klingt jetzt wie ein Vertriebener, es ist das Resümee eines sentimentalen Rundgangs und eines sehr sentimentalen Buches. Aber folgt daraus ein politisches Programm?

Jörg Sartor zeigt eine Sporthalle, in der drei Jahre die Duschen nicht funktionierten, und eine Schule, in der 90 Prozent der Kinder ausländische Wurzeln hätten. Er fordert, ganz sozialdemokratisch, einen „Aufbau West“, um die öffentlichen Bauten wieder herzurichten, und eine Begrenzung des Migrationsanteils in Schulen, wobei nicht ganz klar ist, wie das wohl gehen soll. Aber vielleicht geht es darum auch gar nicht zuvorderst. Schon im Aussprechen, möglichst laut und deutlich, liegt Sartor ein Wert. 

„Wenn alle offen mit Problemen umgehen würden, dann würde auch keiner AfD wählen oder zur AfD gehen“, sagt er. 

Jörg Sartor, der Tafelmann von Essen, führt einen sehr persönlichen, sehr lauten Kampf gegen das, was er als Schönreden von Sozialfuzzis empfindet. Reicht das als Mittel gegen Populismus?

Zurück am Wasserturm bei der Tafel, wo inzwischen die Ausgabe der Lebensmittel begonnen hat. In drei Reihen stehen die Bedürftigen da, ruhig, viele mit Einkaufskarren. 

Die Sperre für Ausländer haben sie in Essen nach ein paar Wochen wieder gekippt. Stattdessen gelten nun andere Regeln. Bevorzugt aufgenommen werden Alleinstehende über 50, Alleinerziehende und Familien mit kleinen Kindern. Der Anteil der Deutschen liegt jetzt bei rund 57 Prozent. Eine ältere Frau ist zum ersten Mal hier, sie weiß nichts von früher. „Aber es läuft doch großartig hier“, sagt sie und zeigt auf ihren randvollen Einkaufstrolley, aus dem oben Trauben und Bananen herausschauen.

Diese Regeln, so darf man vermuten, hätten auch damals schon gewirkt – nur im Stillen. Sie hätten kein Aufsehen erregt. Und wahrscheinlich hätte niemals ein Politiker auf Jörg Sartor und die Probleme der Tafel am Wasserturm in Essen geschaut.

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