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2010 äußerte sich Joe Biden als Vizepräsident von Barack Obama abfällig über die humanitäre Situation in Afghanistan im Falle eines Truppenabzugs der US-Streitkräfte.
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2010 äußerte sich Joe Biden als Vizepräsident von Barack Obama abfällig über die humanitäre Situation in Afghanistan im Falle eines Truppenabzugs der US-Streitkräfte.

Geheimdienstberichte ignoriert

Joe Biden 2010 über Zusammenbruch in Afghanistan: „Scheiß drauf“

  • VonMirko Schmid
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US-Präsident Joe Biden steht in der Kritik für einen überstürzten Abzug der US-Truppen aus Afghanistan. Dabei wurde er früh vor den Folgen gewarnt.

Washington D.C. – Joe Biden gibt sich in diesen Tagen entschlossen. Kein Zurück soll es geben, der US-Präsident will um jeden Preis an seinem Versprechen festhalten, zwanzig Jahre nach dem verheerenden Anschlag auf das World Trade Center in New York City zumindest kein US-amerikanisches Blut mehr am Hindukusch vergießen zu wollen. Unterdessen wirkt die Weltgemeinschaft von den Bildern verzweifelter Menschen in Kabul schockiert bis paralysiert.

Während die Republikaner ihre Chance gekommen sehen, den ungeliebten Präsidenten für das offensichtliche Versagen beim Aufbau einer demokratischen Zivilgesellschaft in Afghanistan als Alleinschuldigen darzustellen und ihn für den abrupten Abzug der US-Streitkräfte zu brandmarken, gibt sich Biden unbeirrt. Er sei der vierte Präsident, der mit der Afghanistan-Frage konfrontiert sei, an einen fünften wolle er das Problem eigener Streitkräfte im Binnenstaat an der Schnittstelle von Südasien, Zentralasien und Vorderasien nicht weiterreichen.

Doch angesichts des rapiden Vormarschs der islamistisch-fundamentalistischen Taliban im ganzen Land mit dem Höhepunkt der in Windeseile vollzogenen Machtergreifung ohne nennenswerte Gegenwehr weht ein immer rauerer Wind gegen das Weiße Haus. Kritisiert wird Biden für das Schicksal im Stich gelassener Ortskräfte, die mit den Alliierten kooperiert hatten und nun der Rache der Taliban ausgeliefert sein könnten. Und für die Panik der Zivilgesellschaft vor Ort, die sich vor den barbarischen und frauenverachtenden Methoden der Taliban fürchtet.

Afghanistan: Joe Biden vermittelte entgegen anderslautender Geheimdienstberichte Zuversicht

Allgemein gaben sich Staatsoberhäupter weltweit überrascht. Man habe sich geirrt und die Lage falsch eingeschätzt, gab etwa der deutsche Außenminister Heiko Maas zu. Auch aus Großbritannien heißt es, dass in der Einschätzung der Lage Fehler gemacht worden seien – wenn auch etwas verklausulierter. Joe Biden versucht bisher, den Spieß rumzudrehen. Es habe doch schließlich rund 300.000 Einsatzkräfte des afghanischen Militärs gegeben, welche gut trainiert und ausgerüstet gewesen waren. Der implizite Vorwurf: Wenn die eigene Armee nicht kämpft, kann das afghanische Volk schwerlich die USA dafür zur Verantwortung ziehen.

Und doch, so legen es neueste Berichte nahe, war auch die Regierung um Joe Biden frühzeitig im Bilde darüber, dass die afghanischen Truppen einem Vormarsch der Taliban nicht würden standhalten können. Bereits im Laufe des Sommers hätten geheime Lageeinschätzungen ein düsteres Bild gezeichnet, berichtet etwa die New York Times. Entgegen der Aussagen Bidens, wonach eine schnelle Machtübernahme der islamistischen Terrororganisation unwahrscheinlich sei, hätten ihm die Dokumente eine andere Lage der Dinge vermittelt.

Bereits im Juli seien viele Geheimdienstberichte pessimistischer ausgefallen und hätten die Frage aufgeworfen, ob afghanische Sicherheitskräfte überhaupt ernsthaften Widerstand leisten würden und ob die Regierung in der Hauptstadt Kabul durchhalten könne. Am 8. Juli hingegen äußerte sich Biden öffentlich zur Lage am Hindukusch und drückte sein Vertrauen in die Widerstandskräfte des afghanischen Militärs aus. Es werde nicht zu chaotischen Evakuierungsszenen wie am Ende des Vietnamkrieges kommen, sagte der US-Präsident seinerzeit.

Machtübernahme der Taliban in Afghanistan: Joe Biden lag „Trommelfeuer der Vorwarnungen“ vor

Vor diesem Hintergrund stellt sich immer mehr die Frage, wie die Biden-Administration trotz eines „Trommelfeuers der Vorwarnungen“ (New York Times) auf den letzten Vorstoß der Taliban auf Kabul so schlecht vorbereitet gewesen sei. Und wie es zu Szenen wie jenen auf dem Hauptflughafen der afghanischen Hauptstadt hatte kommen können. Dass sich das US-Militär gezwungen sah, nach dem groß angekündigten und zum Teil über Nacht vollzogenen Abzug nun erneut tausende Truppen zurück nach Afghanistan zu schicken, um die Ausreise von Angestellten der US-Institutionen vor Ort und Verbündeter zu sichern, wird als Zeichen des Versagens der Exit-Strategie bewertet.

Eine mit der geheimdienstlichen Lage vertraute Quelle berichtet gegenüber der New York Times von einem Report aus dem Juli, in dem die vielen schon zu dieser Zeit erfolgten militärischen Erfolge der Taliban aufgelistet worden seien. In dem Dokument habe es geheißen, dass die Zentralregierung in Kabul völlig unvorbereitet auf einen Vormarsch der Taliban sei. Die Geheimdienste seien sich darin einig gewesen, dass es im Falle einer Eroberung zentraler Städte wie Kandahar durch die Taliban schnell zu einem kaskadenartigen Zusammenbruch des afghanischen Militärs kommen könnte und die afghanischen Sicherheitskräfte in sich zusammenfallen könnten. Heute ist klar, dass die Warnungen zutreffend waren.

Dem US-Kongress lag zudem frühzeitig eine historische Analyse vor, in der es heißt, dass die Taliban Lehren aus ihrer Übernahme des Landes in den 1990er Jahren gezogen hatten. Dieses Mal, so der Bericht, würde die militante Gruppe zunächst Grenzübergänge sichern, Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle bringen und Teile des Nordens des Landes einnehmen, bevor sie in Kabul einmarschieren. Auch diese Vorhersage erwies sich als zutreffend.

Joe Biden lagen Geheimdienstberichte vor, welche die schnelle Machtübernahme der Taliban vorhersagten

All diese Expertisen änderten wenig daran, dass entscheidende Grundlinien der US-amerikanischen Afghanistan-Strategie schon lange vor dem Sommer festgelegt und hinterher nicht angepasst wurden. Zu dieser Zeit hätten sich die Geheimdienste noch sicher in ihrer Annahme gefühlt, dass das afghanische Militär und die Zivilregierung bis zu zwei Jahre standhalten könnten, bis die Taliban schlussendlich doch obsiegen würden. Dies hätte der USA den nötigen Zeitvorsprung verschafft, um Angestellte und Verbündete frühzeitig außer Landes zu bringen.

Als am 27. April erste diplomatische Kräfte aus Kabul abgezogen worden seien, habe es geheißen, dass ihre Arbeit vor Ort nicht „unbedingt erforderlich“ sei, alle anderen US-Angestellten darüber hinaus jedoch erst in den folgenden 18 Monaten nach und nach abgezogen werden sollten. Selbst eine Woche vor dem Fall Kabuls habe die für die Strategie grundlegende allgemeine Geheimdienstanalyse nahegelegt, dass eine Übernahme der Macht in Afghanistan durch die Taliban „nicht unvermeidlich“ gewesen wäre.

Eine weitere Quelle der New York Times, diesmal aus Kreisen der US-amerikanischen Regierung, berichtet, dass verschiedene Angestellte der Biden-Administration darauf gedrängt hatten, beim geplanten Truppenabzug Zugeständnisse zu machen, um einen Zusammenbruch der afghanischen Regierung abzuwenden. Gehör fanden sie nicht. Sowohl die CIA als auch andere Geheimdienste wie etwa die NSA hätten es abgelehnt, die offiziellen Einschätzungen des Weißen Hauses infrage zu stellen.

Joe Biden gibt sich überrascht ob der schnellen Machtübernahme der Taliban in Afghanistan

Joe Biden selbst betonte in einer Rede zur Lage in Afghanistan am 16. August 2021, dass seine Regierung zwar „für den Notfall geplant“ habe, sich die Situation vor Ort jedoch „schneller als erwartet“ entwickelt habe. Aus dem Weißen Haus dringen seither Stimmen, die den Geheimdiensten die Schuld für die offensichtlich blauäugige Einschätzung der Regierung zuordnen wollen. Dabei steht fest, dass die Nachrichtendienste eine Machtübernahme der Taliban schon prognostiziert hatten, bevor erst Donald Trump den Truppenabzug planen ließ und Joe Biden ihn umzusetzen begann.

Timothy S. Bergreen, ein ehemaliger Stabsdirektor des Geheimdienstausschusses des Repräsentantenhauses, beschreibt das Versagen mit den Worten: „Es ist nicht Aufgabe des Geheimdienstes, den Sturz der afghanischen Regierung auf den Tag genau vorherzusagen. Aber jeder wusste, dass die Afghanen ohne die Verstärkung durch die internationalen Streitkräfte und insbesondere durch unserer Streitkräfte nicht in der Lage waren, sich selbst zu verteidigen oder auf einen Vormarsch der Taliban zu regieren.“

Zusätzlich zur bereits herrschenden Konfusion soll es innerhalb der Nachrichtendienste verschiedene Ansichten gegeben haben. Die CIA habe die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte seit Jahren pessimistisch gesehen, wohingegen die Defence Intelligence Agency und andere Geheimdienste innerhalb des für die Ausbildung zuständigen Pentagons optimistischere Einschätzungen über die Bereitschaft der Afghanen abgegeben haben sollen. So zumindest berichten es mehrere Quellen aus Geheimdienstkreisen übereinstimmend.

Die USA haben zu lange angenommen, dass das afghanische Militär gegen die Taliban kämpfen würde

Die grundlegend falsche Annahme hat wohl darin bestanden, dass sowohl militärische als auch geheimdienstliche Einschätzung zu dem Schluss gekommen waren, dass die Regierung in Kabul sich mindestens ein Jahr gegen eine Machtübernahme würde stemmen können. Diese Prämisse jedoch war auf der entscheidenden Fehleinschätzung aufgebaut, dass die afghanische Armee sich den Taliban tatsächlich entgegenstellen würde.

NationAfghanistan
KontinentAsien
RegionSüdasien
HauptstadtKabul
Fläche652.860 km²
Bevölkerung38,04 Millionen (Stand 2019)

Seth G. Jones, Afghanistan-Experte am Zentrum für strategische und internationale Studien in Washington, sieht darin den entscheidenden Fehler: „Die meisten Einschätzungen innerhalb und außerhalb der US-Regierung waren auf die Frage aufgebaut, wie gut die afghanischen Sicherheitskräfte im Kampf mit den Taliban abschneiden würden. In Wirklichkeit haben sie nie wirklich gekämpft.“

Damit kehrte sich genau jene Grundvoraussetzung um, die den USA 2001 noch ihren vermeintlichen Sieg am Hindukusch beschert hatte. Damals nämlich waren die Taliban unter dem Druck der durch die USA bewaffneten und unterstützen Milizen wie jener der Nordallianz schnell zusammengebrochen. Einige ergaben sich, andere wechselten die Seiten und noch mehr, so Jones, seien „einfach mit der Zivilbevölkerung verschmolzen, um mit der Planung eines 20-jährigen Aufstandes zu beginnen.“ Ein Plan, der nun aufgegangen zu sein scheint.

Die afghanische Bevölkerung hat die Machtübernahme der Taliban stillschweigend mitgetragen

Eine Rolle spielt auch die afghanische Zivilbevölkerung selbst. Diese, so legen es ebenfalls Geheimdienstberichte nahe, stelle „kühle Berechnungen“ darüber an, wer in einem Konflikt die Oberhand gewinnen könne und stelle sich dann zu großen Teilen auf die wahrscheinliche Seite der Sieger. Den Taliban habe in die Karten gespielt, dass sich US-Kommandeure vor Ort oftmals nicht eingestehen wollten, dass ihre Anstrengungen, schlagkräftige Truppen der afghanischen Armee zu etablieren, scheiterten.

Hier desertierten Rekruten in hohen Zahlen, dort gab es erhebliche Verluste bei andauernden Scharmützeln auf dem Schlachtfeld. Und doch habe nur selten einer der hochrangigen US-Militärs Zweifel an der Schlagkraft der selbst kommandierten Truppen nach Washington D.C. gemeldet. Selbst Kommandeure, die der Kampfbereitschaft ihrer afghanischen Verbündeten skeptisch gegenüberstanden, hätten lange in der Annahme gelebt, dass die Truppen auch ohne direkten US-Einfluss zumindest eine Zeit lang kämpfen würden.

Dazu sei gekommen, dass diplomatische Manöver der Taliban im Dialog mit wichtigen Ländern in der Region, insbesondere mit China, einer Machtübernahme einen Hauch der Unvermeidlichkeit verliehen hätten, sodass die wenigen kampfbereiten afghanischen Truppen weiter demoralisiert worden seien. Letztlich hätten die Taliban auf eine bewährte Strategie vertraut und seien mit dieser ans Ziel gekommen: Wieder einmal haben sie ihre Gegner im Land überdauert.

Joe Biden 2010 über mögliche humanitäre Krise in Afghanistan: „Scheiß drauf“

So beschreibt es etwa die ehemalige CIA-Analystin Lisa Maddox: „Ich bin nicht überrascht, dass alles so schnell und umfassend gekommen ist. Die Taliban haben ihre Fähigkeit bewiesen, durchzuhalten, sich niederzukauern und zurückzukommen, auch wenn sie zuvor geschlagen wurden. Ihnen spielt eine Bevölkerung in die Karten, die so erschöpft und konfliktmüde ist, dass sie sich auf die Siegerseite stellt und diese unterstützt, um einfach zu überleben.“

Joe Biden soll davon schon lange gewusst haben. Richard Holbrooke, ehemals Sonderbeauftragter der Obama-Regierung für Afghanistan und Pakistan, berichtet gegenüber The Atlantic von einer Aussage, die der damalige Vizepräsident schon im zweiten Amtsjahr Obamas 2010 getätigt haben soll. Biden soll jegliche Bedenken über eine humanitäre Katastrophe infolge eines Truppenabzuges aus Afghanistan mit den Worten abgetan haben: „Scheiß drauf. Darüber müssen wir uns keine Sorgen machen. Wir haben es in Vietnam auch so gemacht, Nixon und Kissinger sind damit durchgekommen.“ (Mirko Schmid)

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