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Akademiker mit Behinderung kritisiert Jobcenter: „Ich werde übel diskriminiert“

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Von: Katja Thorwarth

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Werden Menschen mit Behinderung beim Jobcenter diskriminiert?
Werden Menschen mit Behinderung beim Jobcenter diskriminiert? © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Werden Menschen mit Behinderung von den Behörden gefördert? Unser Gesprächspartner, der anonym bleiben möchte, spricht von seinen - negativen - Erfahrungen.

Frankfurt - Welche Schwierigkeiten haben Menschen mit körperlichen Einschränkungen im Berufsleben? Inwiefern sind sie aufgrund behördlicher Unflexibilität potentiell von Armut betroffen? Ein Betroffener spricht über seine Situation.

Herr Wagner*, Sie versuchen als schwerbehinderter Mensch im Berufsleben Fuß zu fassen. Welche gesundheitlichen Probleme begleiten Sie?

Ich habe von Geburt an Fehlbildungen an Händen und Füßen, habe auch lange Zeit beruflich in verschiedenen Positionen, auch in einer Sozialbehörde gearbeitet, sodass es eher um eine Wiedereingliederung geht.

Werden Sie als Akademiker angemessen gefördert? Der Jobcenter hat Ihnen zuletzt eine Arbeit in einer Behörde vermittelt …

Das war nur eine sogenannte „Arbeitsgelegenheit“, die mir das Jobcenter vermittelt hat. Vormals bekannt als „1-Euro-Job“, für die ich nun stolze 2,80 Euro in der Stunde bekomme. Ich hatte mich jedoch eigeninitiativ selbst vor einigen Monaten auf ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis bei einer Sozialbehörde beworben, ohne Zutun des Jobcenters - allerdings ohne Erfolg.

Was war das Problem?

Mein Eindruck ist, dass ich mit Softskills ins Bewerbungsgespräch gegangen bin wie Empathie, Eigenerfahrung als Schwerbehinderter und, darüber hinaus, übrigens auch mit Erfahrung im Öffentlichen Dienst, Bereich SGB II. Im Nachgang auf das Bewerbungsgespräch habe ich reflektiert, worauf wohl der Schwerpunkt der Anforderungen tatsächlich liegt: Es geht um Abarbeitung, also um einen hochfrequentierten Workflow. Ich meine, aus der Absage heraus gelesen zu haben, dass man mir aus gesundheitlichen Gründen, aufgrund meiner Schwerbehinderung, diese Aufgabe nicht zugetraut hat.

Das Jobcenter selbst hat mir tatsächlich in all den Jahren nur einmal einen Job mit akademischer Bildungsvoraussetzung angeboten. Und darauf durfte ich mich damals nicht bewerben, da es eine Karenzzeit zwischen Ausscheiden aus dem Öffentlichen Dienst und einer Neueinstellung gab.

Jobcenter: Wie werden Menschen mit Schwerbehinderung gefördert?

Können Sie schildern, welche Steine werden Ihnen in den Weg gelegt?

Ein Beispiel: Vor meiner Bewerbung bei einer Sozialbehörde hatte ich zuvor die Übernahme von Kosten für Bekleidung über das sogenannte „Vermittlungsbudget“ beantragt. Die Kosten der Schuhe wurden mir nur teilweise erstattet, da die Behörde davon ausging, billigeres Schuhwerk hätte es auch getan – in völliger Unkenntnis der Notwendigkeit von Stabilität, Tragekomfort und dem Blick auf Langlebigkeit.

Können Sie diese Situation konkretisieren?

Wenn ich Schuhwerk kaufe, so achte ich auf Stabilität, Tragekomfort und Langlebigkeit. Durch meine Fußstellung wird das Schuhwerk häufig ziemlich schnell abgenutzt. Gutes Schuhwerk, wie ich es benötige, kostet nun einmal etwas mehr Geld als bei Menschen ohne diese Schwierigkeiten. Es muss ja im Interesse auch des Jobcenters sein, dass die Schuhe nicht nach drei, vier Bewerbungen ausgelatscht ist und ich dann schon wieder ein neues Paar benötige. Zudem muss ich mich darin wohlfühlen können, um sozusagen während des Bewerbungsgesprächs einen „sicheren Stand“ zu haben. Es ist ein Beispiel von vielen.

Deutschland hat ein Problem mit Inklusion

Hat Deutschland ein Problem mit Inklusion?

Ja, auf jeden Fall. Ich spreche jetzt mal nur über den Arbeitsmarkt: Es gibt, auch wenn immer noch viel zu selten, Konzepte der Barrierefreiheit für Menschen mit Gehbehinderungen, für Hör- und Sehgeschädigte. Aber, was mir sehr wichtig ist: Es fehlt an der Anerkennung psychosozialer Aspekte.

Es wird nicht anerkannt, dass Menschen mit Behinderungen Fachwissen, Intelligenz, Fertigkeiten haben, und das kommt dann zum Tragen, wenn es um „gleiche Eignung“ geht: Das kapitalistische System setzt auf Effizienz, vereinfacht gesagt auf Einheiten pro Stunde. Das kann in der Industrie die Menge x an Schrauben pro Stunde sein, die hergestellt werden, in Bürojobs sind es z.B. Anträge pro Stunde. Wenn also jemand nicht dem Erwartungsdruck gewachsen ist, ist er/sie halt nicht dem Job gewachsen. Und das hat manchmal auch etwas mit den Eigenerfahrungen als Mensch mit Behinderung zu tun.

Das verstehe ich nicht

Wenn jemand mit Behinderung lebt, dann ist der Blickwinkel auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung ein anderer. Der bewegt mich dazu, mich intensiver um Leistungsberechtigte kümmern zu wollen, als es der Arbeitgeber angesichts der Anzahl der Antragsteller zulässt. Es gibt schlichtweg nicht die Zeit für diese intensive Betreuung, die ich mir auch selbst wünschte.

Wo sehen Sie sich beruflich?

Ich bin recht flexibel: Meine Schwerpunkte liegen jedoch im Bereich der politischen Bildung bzw. eben im ÖD-Fachbereich Soziales. Es geht mir um ein einigermaßen gutes Einkommen in den Bereichen, in denen ich meine fachliche Kompetenz sehe. Ich bin materiell sehr bescheiden. Allerdings möchte ich endlich die mir aufgrund meiner Qualifikation zustehende gesellschaftliche Anerkennung erhalten und, wie jeder andere Mensch, endlich am soziokulturellen Leben teilhaben können. Das kann ich aktuell nämlich nicht.

Fühlen Sie sich diskriminiert?

Ja, und zwar sehr übelst und in zweifacher Hinsicht: Als Mensch mit Schwerbehinderung habe ich einen Nachteil auf dem Arbeitsmarkt, und ich habe den Eindruck, dass trotz diverser gesetzlicher Regelungen hinter vorgehaltener Hand bei Arbeitgeber:innen eher eine Abneigung besteht.

Hinzu kommt die Diskriminierung als erwerbsloser Mensch. Die besteht darin, dass ich als Akademiker im Jobcenter nicht adäquat behandelt werde. Es gibt keine Unterstützung bezügl. Stellenangebote. Darum soll man sich - bitteschön - ausschließlich selbst kümmern. Das Leitbild des „Forderns und Förderns“ gelingt in meinem Segment überhaupt nicht. Ich habe sogar den Eindruck, dass die Jobcentermitarbeiter:innen nicht einmal im Ansatz wissen, was z.B. ein Politikwissenschaftler wie ich an fachlichen und analytischen Fähigkeiten hat, was überhaupt Politikwissenschaft als Fach bedeutet. Das halte ich für einen Skandal und fühle mich dadurch abgewertet.

Ich wurde nicht einmal gefragt, was ich denn konkret an Interessensbereichen innerhalb meines Fachgebiets habe. Ich hätte es allgemein verständlich erklären können. Aber das interessiert vor Ort niemanden. Ich habe das Gefühl, meine Akte soll nur verwaltet werden und ich irgendwie aus der Arbeitslosenstatistik herausfallen - egal, auf welchen Wegen. Das führt dann zur sogenannten „Arbeitsgelegenheit“, eben früher „Ein-Euro-Job“ genannt. Raus aus der Statistik, aber dennoch kein eigenständiges Leben führen können.

(Interview: Katja Thorwarth)

*Name von der Redaktion geändert

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