Jetzt wird gekündigt

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Die nächste Phase der Krise am Frankfurter Schauspiel

FRANKFURT A. M. Auf die seit Spielzeitbeginn offenbare künstlerische und organisatorische Krise am Frankfurter Schauspiel, die sich in der vergangenen Woche weiter zugespitzt hatte, als einzelne Mitglieder des Vorstands der Bühne Demonstranten unterstützten, will die Stadt Frankfurt, vertreten durch den verantwortlichen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, nach dessen Mitteilung mit folgenden Maßnahmen antworten: Nach Gesprächen mit dem Künstlerischen Beirat sowie dem Personaleat und nach einer Anhörung der Betroffenen soll der Beiratsdelegierten in der Leitung, Eos Schopohl, dem Leiter des künstlerischen Betriebsbüros, Egel, und dem Regisseur B. K. Tragelehn fristlos gekündigt werden. Die Stadt stützt sich bei dieser Maßnahme auf zwei Rechtsgutachten, die das Verhalten der drei Theaterleute während der RAF-Demonstration als rechtswidrig erkennen. Der Technische Direktor von Vequel und der Verwaltungsdirektor Vitali haben Hoffmann in getrennten Briefen darauf aufmerksam gemacht, daß sie die Verantwortung für das Haus nicht länger übernehmen könnten, wenn das Schopohl, Egel und Tragelehn angelastete 'Unterlaufen der Ausübung des Hausrechts durch den Technischen und den Verwaltungsdirektor' für die Zukunft nicht verhindert würde.

Als einen zweiten Schritt kündigt Hoffmann nach einem Gespräch mit dem Personalrat, der für diesen Punkt der Vertragspartner der Stadt ist, die Aussetzung der Mitbestimmung am Frankfurter Schauspiel bis Ende der Spielzeit an. Johannes Schaaf, den Hoffmann in der vorigen Woche auf eigenen

Wunsch von den Pflichten des Co-Direktors vorübergehend entbunden hatte, wird ab sofort in die Leitung zurückberufen. Als weiteres Mitglied des Dreierdirektoriums bleibt Wilfried Minks im Amt. Den dritten Platz in der Leitung will Hoffmann selbst kommissarisch verwalten.

Zur Begründung seiner Eingriffe führt der Kulturdezernent dieser Zeitung gegenüber aus, daß es sein Interesse sein müsse, die Arbeitsfähigkeit des Theaters langfristig zu sichern, dies sei unter den gegenwärtigen personellen Voraussetzungen jedoch nicht mehr möglich; er sei gehalten, auch die Arbeitsplätze im Ensemble und in der Technik zu berücksichtigen, die durch eine weitere Mißwirtschaft an diesem Theater in Gefahr geraten müßten. Das wird von Hoffmann sicher richtig gesehen: Noch nie nach dem Krieg war das Frankfurter Theater so am Ende wie jetzt, ehe diese Misere sich zu einem Dauerzustand ausweitet, muß der Träger eingreifen. Hoffmann und Oberbürgermeister Wallmann haben damit lange gezögert, die Verantwortung für das was nun geschehen muß, liegt ausschließlich bei den Theaterleuten selbst, die sich nie zu einem funktionsfähigen Team zusammenschließen konnten.

Die Kündigungen werden möglicherweise zur Folge haben, daß auch Wilfried Minks, der Hoffmanns Entscheidung kaum mittragen wird, aus dem Direktorium ausscheidet, wahrscheinlich werden auch andere Ensemblemitglieder die Arbeit nicht fortsetzen wollen. Damit böte sich die Chance, auch aus künstlerischen Gründen längst unumgängliche Neuverpflichtungen für die nächste Spielzeit vornehmen zu können. Mit einer veränderten Mannschaft wäre dann auch die Mitbestimmung in durch die Erfahrungen modifizierter Form wieder einzusetzen. Um Kontakte mit Nachfolgern wird man sich jedenfalls jetzt rasch bemühen müssen. Keine leichte Aufgabe sicher, in den für die nächsten Wochen zu erwartenden Turbulenzen; aber eine, die nicht aus dem Blick kommen darf.

FR vom 1. April 1981

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