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Blick in den Braunkohletagebau Jänschwalde der Lausitz.

Lausitz

Und jetzt blühende Landschaften?

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Die Bergbauregion Lausitz ist im Umbruch. Schafft sie den schmerzhaften Strukturwandel?  

Die Seebrücke von Großräschen hängt immer noch hoch über dem Wasserspiegel. Sie ist das Symbol des Strukturwandels in der Lausitz, errichtet aus dem Abwurfausleger des Abraum-Absetzers im Braunkohle-Tagebau Meuro. Der neue Hafen daneben bietet noch jede Menge Anlegeplätze. Auf dem Großräschener See, einem ehemaligen Tagebauloch, fahren in dieser Saison allein Baggerschiffe, die Sandbänke beseitigen. Aber nächstes Jahr soll es dann endlich losgehen mit dem Schiffsverkehr, sagt Bürgermeister Thomas Zenker (SPD).

Weiße Segel und hölzerne Hausboote statt quietschender Eimerketten und Staub. Dann hat die 9000-Einwohner-Stadt in der Lausitz endlich ihren Beinamen verdient, den sie schon lange führt: „Seestadt Großräschen“.

Die Lausitz ist im Umbruch. Einem Umbruch, der zeitgleich schleicht und rennt. Seit zwölf Jahren schon wird der Großräschener See geflutet. Fast 30 Jahre lang dauert bereits der Niedergang der Braunkohle-Industrie in der Region, die Sachsen und Brandenburg umfasst. 19 Jahre lang, bis 2038, soll es laut Kohlekompromiss noch dauern, bis der letzte Bagger für immer schweigt und das letzte Braunkohlekraftwerk abgeschaltet wird.

90 Prozent der einst 80 000 Arbeitsplätze in der Braunkohle sind seit 1990 bereits verschwunden. Den größten Teil des Kohleausstiegs hat die Lausitz bereits hinter sich. Am Mittwoch hat das Bundeskabinett das „Strukturstärkungsgesetz“ beschlossen. Jetzt kann es losgehen mit dem Strukturwandel, mit dem Ausstieg aus der Kohle, die finanzielle Basis steht – erst einmal. Aber was heißt losgehen? „Wir machen seit 1990 Strukturwandel“, sagt Bürgermeister Zenker. „Wir haben eine komplette Deindustrialisierung erlebt.“

Nirgendwo war der Verlust von Arbeitsplätzen, war die Abwanderung, der Abstieg größer und härter als in der Bergbauregion. Wer in der Kohle arbeitete und in den Kraftwerken, gehörte zur Elite der an Helden nicht armen Arbeiterklasse der DDR. Hier gruben Zehntausende die Landschaft um, damit in der Hauptstadt Berlin die Wohnungen hell und warm blieben. Und nun wählen viele, die an die Versprechungen und den Kohlekompromiss nicht glauben, eine Partei, die ihnen erzählt, dass es einfach immer so weiter gehen kann mit der Kohle. Die AfD holt hier ihre besten Ergebnisse. Wäre die Lausitz ein Bundesland, sie hätte einen AfD-Ministerpräsidenten.

Jetzt hat sie schon einmal Steffen Kubitzki, Richtmeister bei einer Vertragsfirma im Kraftwerk Jänschwalde und Direktkandidat im Wahlkreis von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). „Wenn mein Kraftwerk als Dreckschleuder bezeichnet wird, ärgert mich das“ – solche persönlichen Sätze kommen in der Region über Parteigrenzen hinweg gut an. Gerade hat Kubitzki den langjährigen SPD-Kohlelobbyisten und Bundestagsabgeordneten Ulrich Freese aus dem Aufsichtsrat der Wirtschaftsförderung Lausitz verdrängt – mit den Stimmen von AfD, CDU und Freien Wählern im Kreistag in Forst. Kubitzki ist kein Hardliner, er will konkrete Politik machen. Dazu gehört auch, einzugestehen, dass die Kohlezeit absehbar vorbei sein wird. Er fordert Sicherheit ein, klare Zusagen, und macht sich keine Illusionen. „Ein Großbetrieb wird nicht mehr kommen. Wir müssen anfangen, mittelständische Betriebe zu fördern.“

Inzwischen ist die Lausitz wieder Industrieland – nun stärker geprägt von Klein- und Mittelständlern, gut versteckten Champions in unscheinbaren Hallen. Metallverarbeitung, Chemie, einst Zulieferer für die Großen in der Kohle und dem BASF-Chemiestandort Schwarzheide, die sich umorientiert und diversifiziert haben. Firmen, die Arbeitsplätze schaffen, aber die nicht wie die Kohle das Gesicht und die Stimmung in der Region prägen können.

Für Großräschens Bürgermeister Zenker ist der Kohlekompromiss eine „politische und gesellschaftliche Leistung, die jetzt umgesetzt werden muss und nicht kleingehäckselt werden darf“. Daraus spricht schon die Skepsis, die Angst, die hier viele umtreibt. Die versprochenen 17 Milliarden Euro für die Lausitz bleiben auch nach dem Kabinettsbeschluss größtenteils Versprechen, und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sperrt sich dagegen, die Hilfen in Staatsverträgen mit Sachsen und Brandenburg festzuschreiben.

Die Angst also bleibt, auch wenn es den Lausitzern, die noch da sind, auf dem Papier nicht schlecht geht. Und die schlechte Stimmung bleibt auch. Konstanze Niemz ist Berufsschullehrerin und Musikerin in Hoyerswerda. Sie singt poetische Lieder über ihre Heimatstadt und bekommt im Alltag den geballten Frust ab.

„Die Opferhaltung vererbt sich“, sagt sie. „Hier passiert nicht mehr viel, hier kann man kaum noch was machen“, solche Sätze hört sie ständig. Dabei gebe es so viel, auf das die Lausitzer stolz sein können, sagt sie.

Was sagen Zahlen aus? Die Arbeitslosenquote ist auf zehn Prozent abgesunken, das liegt aber an Abwanderung und Überalterung. In Großräschen gibt es 3000 sozialversicherungspflichtige Jobs bei 9000 Einwohnern, rechnet Bürgermeister Zenker vor.

20 davon hat die Firma Purize von Roberto Hunger und Adrian Klett geschaffen, und sie haben mit Kohle zu tun. Nur nicht mehr mit Braunkohle, sondern mit Aktivkohle aus Kokosnussschalen. Daraus baut Purize Filter für Joints, was erstens legal und zweitens ein riesiger Wachstumsmarkt ist. 3,5 Millionen Euro Jahresumsatz peilen die Unternehmer für 2019 an.

Hunger und Klett zeigen edle Holzschachteln mit Zubehör für den Genießer, gestaltet vom Rostocker Rapper Marsimoto alias Marteria. Für Hunger und Klett ist die Lausitz das gelobte Land. Die aus einer Insolvenz erworbene Produktionshalle: konkurrenzlos billig. Der Kontakt zu Bürgermeister Zenker: unkompliziert und zuvorkommend. Die Bahnverbindung nach Berlin: günstig und schnell. Vor allem aber genießen sie die Ruhe.

Gegründet hatten sie die Firma in Bayern, dort stand sie von Anfang an unter besonderer Beobachtung der Polizei, die sie für eine Drogenumschlagsbude hielt. Kamen die beiden nach Hause, wurden sie noch vor der Wohnungstür gefilzt, berichten sie. Und in der Lausitz? „Hier haben wir ein ganz neues Freiheitsgefühl“, sagen beide – und holen weiter neue Mitarbeiter aus dem konservativen Süddeutschland nach Großräschen.

Auf der sächsischen Seite der Grenze, in Weißwasser, ist es einfach: Die Grünen nach links, die AfD nach rechts. Auf dem weiträumigen Gelände der früheren Telux-Glaswerke verläuft sich das. Im vollbesetzen Festsaal rechts beklatschen gut 300 AfD-Anhänger die Reden von Bundestags-Fraktionschefin Alice Weidel und dem direkt gewählten Bundestagsabgeordneten Tino Chrupalla. In der Hafenstube im soziokulturellen Zentrum links lauschen rund 50 Besucher einer Diskussion mit dem grünen Bundestags-Fraktionschef Anton Hofreiter und der Landtagsabgeordneten Franziska Schubert aus Görlitz. So sind hier die Kräfteverhältnisse.

Rechts bei der AfD wird ein Kinderchor eingespielt: „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“, es ist das Lied der Thälmann-Pioniere der DDR. Die AfD will Sachsen- und Ostalgie-Partei zugleich werden. Die abschließenden Liedzeilen passen perfekt zu ihrer Agenda von Grenzschutz und Sicherheit: „Und wir lieben die Heimat, die schöne und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört, weil sie unserem Volke gehört.“

Konstanze Niemz, Berufsschullehrerin in Hoyerswerda, spürt den Frust vieler im Alltag.

Links bei den Grünen sagt Hofreiter, der Klimawandel mache auch vor der Lausitz nicht halt. Und Schubert fordert Bürgerbeteiligung für den Strukturwandel. Es könne ja nicht sein, dass das erste konkrete Projekt ein neues Landratsamt für Görlitz werde.

Wer aber gibt der Lausitz ihren Stolz zurück? Vor den alten Industriehallen der Telux steht Antonia Mertsching, Direktkandidatin der Linken. Sie hat eine Idee, die klein klingt und doch groß werden könnte: „Warum machen das die Kohlekumpel nicht selbst?“ Das Geld dafür wäre jetzt da.

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