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Bislang prangte im Computerspiel "Through the Darkest of Times" auf dem Oberarm der Nazis ein weißer Fleck.

Computerspiele

Jetzt auch mit Hakenkreuz

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Ab sofort dürfen Nazi-Symbole in Computerspielen auftauchen - eine Berliner Firma bekam die erste Genehmigung.

Seit ein paar Tagen sehen die Nazis in dem neuen Computerspiel der Berliner Games-Firma Paintbucket tatsächlich aus wie Nazis. Das war vor dem 9. August nicht der Fall. Da trugen diese Nazis zwar rote Armbinden mit einem weißen Kreis – wie es in der NS-Zeit üblich war –, aber in dem Spiel fehlten die Hakenkreuze im weißen Kreis. Das hatte nur einen einzigen Grund: Sie waren verboten.

Das Hakenkreuz ist in Deutschland als verfassungswidriges Symbol eingestuft. Wer es in der Öffentlichkeit zeigt, muss mit Strafe rechnen. Das gleiche gilt für den Hitlergruß. Paragraf 86, Absatz 1 des Strafgesetzbuches, droht dafür bis zu drei Jahre Haft an. Dieses Verbot gilt aber nicht für Hakenkreuze in Kunstwerken – zum Beispiel im Film.

Sonst könnte kein KZ-Film mit den Staatsfahnen des Dritten Reiches gezeigt werden. Sonst dürfte die deutsche Fassung des Quentin-Tarantino-Reißers „Inglourious Basterds“ auch nicht zeigen, wie Brad Pitt einem Deutschen mit dem Messer ein Hakenkreuz in die Stirn ritzt.

Computerspiele galten nicht als Kunstwerke

Computerspiele galten bislang nicht als Kunstwerke. Sie galten einfach nicht als geeignetes Medium, um sich kritisch mit historisch so belasteten Zeiten und Symbolen auseinanderzusetzen. Und so waren die verfassungsfeindlichen Symbole verboten. Aber viele Spiele wie das bekannte „Wolfenstein II“ spielten mit der Nazi-Symbolik.

In Ballerspielen ging es oft darum, Nazis zu jagen und zu töten. Alles sah immer schön düster und grimmig aus: Die dunklen Uniformen, die Seitenscheitel und die gesamte Ästhetik war immer auf Nazi und Bunker getrimmt – doch auf den Armbinden waren keine Hakenkreuze, sondern andere, ähnlich anmutende Symbole. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass es sich bei den dargestellten Leuten um etwas anderes handelt als um Jünger des Weltzerstörers Adolf Hitler.

Vor einer Woche nun wurde diese Rechtsauffassung geändert: Nach eingehender Prüfung kann das Gremium „Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“ (USK) nun auch Spiele mit Nazi-Symbolen erlauben.

Die erste Firma, die eine solche Erlaubnis bekam, ist die Kreuzberger Firma Paintbucket. „Wir haben seit Anfang 2017 an unserem Spiel gearbeitet“, erzählt Games-Designer Jörg Friedrich (42), der seit 2000 in der Branche arbeitet und Anfang des Jahres mit einem Freund eine eigene Firma gründete, um das Freizeitprojekt zu einem Profi-Spiel zu machen.

„Von Anfang an mussten wir zwei Versionen programmieren: eine mit Nazi-Symbolen für den Weltmarkt und eine ohne diese Symbole für den heimischen Markt.“ Denn das Verbot konnte nicht durch Importe umgangen werden: Spiele mit verbotenen Zeichen durften nicht importiert werden und auch online wird Käufern aus Deutschland nur die „zensierte“ Version zum Herunterladen bereitgestellt.

Die Kreuzberger wollten mit einer Demo-Version des Spiels in der kommenden Woche zur Gamescom-Messe nach Köln und reichten rechtzeitig eine Fassung ohne Hakenkreuze zur Genehmigung ein. In der Szene war bekannt, dass eine Änderung der Rechtsauffassung anstand. Als diese bekannt wurde, reichten sie die andere Fassung per Eilantrag nach. „Die Fassung ist abgenommen und für das Alter ab zwölf Jahre freigegeben“, sagt Friedrich. „Wir sind offenbar die ersten.“ Dass die Genehmigung so schnell kam, hat wohl mit dem Titel „Through the Darkest of Times“ und dem Spiel selbst zu tun. Der Titel „Durch die dunkelsten Zeiten“ macht klar, dass es sich kaum um Nazi-Verherrlichung handelt.

„In unserem Spiel geht es um eine zivile Widerstandsgruppe in Berlin zur Zeit des Nationalsozialismus“, erzählt Friedrich. „Es geht darum, diese Zeit zu überstehen und die Gruppe zusammenzuhalten. Es ist also kein Actionspiel, sondern ein Strategiespiel. Es geht um fiktive und unbekannte Leute, die sich auflehnen gegen das große System.“

Jedes Mal wenn der Spieler das Spiel neu beginnt, werden die einzelnen Charaktere der Gruppe vom Spiel neu erschaffen. Sie haben unterschiedliche Biografien, Persönlichkeiten, Ansichten und Gründe für ihren Widerstand. „Da sind Konservative dabei, Christen und auch Kommunisten“, erzählt Friedrich. Im Spiel, das im nächsten Jahr auf den Mark kommen soll, entscheidet der Spieler, wen er von seiner Widerstandsgruppe losschickt, um Flugblätter in Berlin zu verteilen oder eine gesuchte Frau über die Grenze zu bringen.

Auf die Idee kamen die Entwickler Anfang 2017. „Nach der Trump-Wahl und dem Rechtsruck in Europa war das Thema für uns einfach aktuell“, sagt Friedrich. Wir wollten zeigen, wie sich die wachsende Autokratie auf konkrete Menschen auswirkt.“

Szene mit Nazi-Studenten bei Bücherverbrennung

„Obwohl die Ausrichtung unseres Spieles ganz unzweifelhaft ist, hatten wir die ganze Zeit eine Schere im Kopf“, sagt Friedrich. Denn das Gesetz sei so schwammig formuliert, dass ihnen nicht klar war, was genau alles verboten ist. Anfangs glaubten sie, dass nur Hakenkreuze tabu sind, aber es waren auch SS-Runen und Ähnliches. Auch der Hitlergruß.

Das hatte Auswirkungen: So gibt es eine Szene mit Nazi-Studenten bei der Bücherverbrennung in Berlin. In der internationalen Version lodert das Feuer und die Studenten zeigen den Hitlergruß. In der deutschen Variante mussten die ausgestreckten Arme weg. Da die Macher keine neue Geste erfinden wollten, wurde nur das Feuer gezeigt. „Damit wirkte die Szene nicht mehr eindeutig und musste erklärt werden.“

Friedrich findet es gut, dass den Spieleentwicklern nun anspruchsvolle Möglichkeiten eingeräumt werden. „Ich bin der Auffassung, dass Computerspiele auch ernste Themen mit kritischem Blick aufgreifen können. Das machen sie schon seit längerer Zeit.“ Nun sei das in Deutschland auch viel anschaulicher mit der NS-Zeit möglich. „Ich denke, das ist eine große Chance.“

Aber besteht nicht die Gefahr, dass demnächst ein Ballerspieler in die Rolle eines SS-Manns schlüpft und in Uniform mit Hakenkreuzbinde den Zweiten Weltkrieg gewinnt? „Ich hoffe nicht“, sagt Friedrich. Für ihn sei ein Computerspiel mit vielen Spielern weiterhin so etwas wie ein öffentlicher Raum. „Und dort dürfen Nazi-Symbole auch weiterhin nicht einfach so gezeigt werden“, sagt er. „Ich hoffe, dass die USK ein solches Spiel weiterhin als nicht ‚sozialadäquat‘ verbieten würde.“

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