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Der Landesbischof der evangelischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, ist neuer Ratspräsident der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD).

Flüchtlinge

„Jesus hat überlebt, weil seine Eltern Asyl gefunden haben“

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Der neue EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm spricht im Interview mit der FR über Flüchtlingspolitik, das Verhältnis der evangelischen Kirche zu „Pegida“, Festrituale im bischöflichen Haushalt und Violinkonzerte für Bedürftige.

Im Berliner Haus der Evangelischen Kirche am Gendarmenmarkt ist viel Betrieb. Fernsehtechniker schleppen Kameras und Scheinwerfer in den Aufzug. Die Dame am Empfang hat den Überblick verloren, wer heute alles zum Interview mit dem neuen EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm ins Haus kommt. Der bayerische Landesbischof freut sich über das Medieninteresse und bedankt sich gleich mehrfach für die Chance, dass sein Wort den Weg in die breite Öffentlichkeit findet.

Herr Bischof, wie geht es im Hause Bedford-Strohm an Weihnachten zu?
Gottesdienst und Familie – das ist das Bestimmende. An Heiligabend mittags gehen meine Frau, unsere drei erwachsenen Söhne und ich zu Menschen in schwierigen sozialen Situationen. Wir feiern einen Gottesdienst, in dem ich Violine spiele. Dann helfen wir dem Team von Ehrenamtlichen, einen Braten zu verteilen.

Ein geigender Bischof? Was steht auf Ihrem Programm?
Vivaldis Doppelkonzert a-Moll. Ich spiele die zweite Geige. Nachmittags folgt ein Besuch in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in München samt anschließendem Gottesdienst mit Flüchtlingen in einer Kirche. Das ist mir nach meinem Besuch im Nordirak diesmal besonders wichtig. Am nächsten Morgen feiern wir in der Münchner Matthäus-Kirche einen Weihnachtsgottesdienst, der vom Fernsehen übertragen wird. Dazwischen sind wir zu Hause: Christbaum anzünden, schön essen, zwanglos Zeit miteinander haben.

Pflegen Sie besondere Rituale?
Die haben sich im Vergleich zu früher etwas geändert. Da haben wir Weihnachten nämlich auf Amerikanisch gefeiert, mit Bescherung am 25. morgens, wie es meine Frau von zu Hause kannte. Das war eigentlich entspannter, mit ausgeschlafenen Kindern. Und obendrein für meine Pfarrerkollegen und mich sehr praktisch, weil wir uns mit den Wunschterminen nie in die Quere kamen. Jetzt sind die Kinder groß, für mich als Bischof ist der Gottesdienst am Weihnachtsmorgen gesetzt. Also haben wir auf deutsche Weihnacht umgestellt.

Kinder, die wie Sie aus Pfarrhaushalten stammen, werden oft entweder selber Pfarrer oder treten aus der Kirche aus. Warum ist es bei Ihnen die erste Variante geworden?
Da kenne ich auch noch ganz andere Lebensläufe. Meine Eltern haben mich nie zu einer religiösen Praxis gezwungen. Deshalb musste ich mich weder abgrenzen noch rebellieren. Und selbst wenn ich als junger Mensch mit Glaubensinhalten meine Probleme hatte, hatte ich großen Respekt vor dem Einsatz meiner Eltern für andere. Die Kirche als offenes Haus für Kinder, für Jugendliche, für Bedrängte – das hat immer Eindruck auf mich gemacht. Wenn die Kirche die Menschenfreundlichkeit, von der sie spricht, nicht selbst ausstrahlt, erreicht sie niemanden.

Ist die evangelische Kirche deshalb nachsichtiger als die katholische, wenn Eheleute sich scheiden lassen und neue Beziehungen eingehen?
Ich begrüße es sehr, dass in der katholischen Kirche ein Prozess eingesetzt hat, sehr ehrlich danach zu fragen, wie die katholische Ehemoral in den Familien weltweit gelebt wird. Und ich erhoffe mir, dass am Ende das Motiv der Verbindlichkeit in Ehe und Familie gestärkt wird, das uns als Protestanten genauso wichtig ist wie Katholiken. Man darf das Scheitern nicht zum Programm machen. „Lebensabschnittspartnerschaften“ als Modell – das lehne ich ab. Aber genauso wende ich mich gegen Normen, die über die Lebenswirklichkeit der Menschen hinwegsegeln. Ich glaube, Menschen in ihren Beziehungen verdienen eine zweite Chance. Gott gibt sie uns, und deshalb können wir auch eine zweite Ehe segnen, wenn sie auf Verbindlichkeit und lebenslange Dauer angelegt ist.

Wie treten Sie dem Gewichtsverlust der Kirchen in der säkularen Gesellschaft entgegen?
Ich teile die Diagnose vom angeblichen Bedeutungsverlust der Kirchen ausdrücklich nicht. Unsere Gesellschaft sucht intensiver denn je nach Orientierung. Sie sucht nach Orten, an denen über ethische Fragen reflektiert wird. Man kann dann an die Ethiker der philosophischen Fakultäten denken. Die erreichen aber leider nur sehr wenige Menschen. Oder wir fragen an bei den großen Verbänden, in deren Zentralen immer ein Ethikreferent irgendwo in einem Nebenflügel sitzt. Allerdings hat der freilich nur begrenzten strategischen Einfluss. Wo findet die Gesellschaft also am Ende die breitenwirksamen Orte der Orientierung?

Bleiben nur die Kirchen, meinen Sie?
Ja. Weil Ethik und moralische Orientierung Teil ihres Wesensauftrags sind. Glaube und Ethik gehören zusammen. Man kann als Christ nicht religiös sein, ohne sich für den Nächsten zu interessieren. Ich erlebe seit Jahren eine Explosion von Anfragen aus dem säkularen Raum zu allen möglichen Themen. Fast jede Gratulation nach meiner Wahl zum EKD-Ratsvorsitzenden aus dem öffentlichen Bereich war mit der Bitte verbunden, sich öffentlich einzumischen.

Sie unterstützen den Einsatz der Bundeswehr wie derzeit im Nordirak. Kirchlicher Segen für eine Militarisierung der deutschen Außenpolitik?
Solche Etikettierungen unterschreiten den Ernst der Debatte. Die Kirche segnet nie Gewalt und Krieg. Gewalt ist immer mit Schuld verbunden. Krieg ist immer eine Niederlage. Andererseits kann der Verzicht auf militärische Mittel dazu führen, dass unzählige Menschen sterben müssen. Auch so kann man Schuld auf sich laden. In diesem Dilemma dürfen die Kirchen die Politiker nicht alleinlassen.

Ihre Amtsvorgängerin Margot Käßmann hat im Interview mit dieser Zeitung strikt auf dem Vorrang der Gewaltlosigkeit bestanden.
Im Ringen um so schwierige Fragen ist es normal, dass wir zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Der Grund dafür ist aber eine große Gemeinsamkeit – auch persönlich zwischen Margot Käßmann und mir. Wir sind uns einig, dass die Logik des Militärs nicht den Einsatz ziviler Mittel ersetzt. Milliardenausgaben für Rüstung und Kürzung der Budgets für Entwicklungshilfe – das ist falsch und kritikwürdig. Wir sagen aber auch: Zum Schutz wehrloser Menschen vor unmittelbar drohender Gewalt kann der Einsatz gewaltsamer Mittel legitim sein, innerstaatlich durch die Polizei, international durch UN-mandatierte Truppen. Wer die Legitimität ihres Einsatzes bestreitet, von dem verlange ich Alternativen, wie die Weltgemeinschaft künftig ein Versagen verhindert, das beim Völkermord in Ruanda Hunderttausende Menschen das Leben gekostet hat. Das ist eine Schuld, die schwer auf uns allen lastet.

Sie hören in diesen Tagen, dass der wachsende Zustrom nach Deutschland Ängste auslöst. Ist „Pegida“ ein legitimer Ausdruck legitimer Besorgnisse?
Was „Pegida“ ist, ist höchst diffus. Noch kann niemand die Motive der Menschen wirklich entwirren, die bei „Pegida“ mitlaufen. Mein Eindruck ist, dass sogar viele Teilnehmer selbst ein sehr unbestimmtes Gefühl des Protests haben. Für mich haben sie bislang nicht hinreichend deutlich artikuliert, was genau sie eigentlich kritisieren.

Na, die angebliche Islamisierung Deutschlands zum Beispiel. Aus Sorge um das Abendland, wie sie sagen.
Wenn Muslime hier pauschal als Bedrohung dargestellt werden, ist das unvereinbar mit christlichen Werten und der Menschenliebe Jesu Christi.

„Pegida“ ist also kein Ort für Christen?
„Pegida“ als solches lässt sich schwer greifen. Eines sage ich aber in aller Klarheit: Verbale – und erst recht tätliche – Angriffe auf Flüchtlinge, pauschale Verdächtigungen, Bedrohungsszenarien und ausländerfeindliche Reden sind unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Wer entsprechende Parolen mitskandiert oder ihnen zustimmt und dann noch das Wort „christlich“ in den Mund nimmt, der sollte heute mal nur einen Moment auf die Weihnachtsbotschaft hören.

Und ihr was entnehmen?
Das Kind in der Krippe hat nur überlebt, weil seine Eltern in Ägypten Asyl gefunden haben. Ich war kürzlich in Ägypten zu Besuch bei den koptischen Christen. Sie haben mir eine Karte mit der Fluchtroute gezeigt, die Josef, Maria und das Jesuskind genommen haben sollen. Für die ägyptischen Christen ist ihre Heimat heiliges Land, weil die heilige Familie dort Zuflucht gefunden hat. Wer sich das klarmacht, der kann gar nicht anders, als die Verfolgten von heute mit helfenden Händen zu empfangen, statt Ängste auf sie zu projizieren und eigene Probleme auf die abzuwälzen, die am allerschwächsten sind.

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