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Jossi Deitsch ist der Kandidat mit dem meisten Rückhalt bei den Ultraorthodoxen.

Israel

Jerusalem hat die Wahl

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Von stramm rechts bis liberal: Das Rennen um den Bürgermeister-Posten ist völlig offen.

Vor ein paar Monaten ist Zeev Elkin, 47, aus seiner Siedlung im Westjordanland nach Jerusalem gezogen. Damals schien es eine sichere Wette zu sein, dass es für ihn, den stramm rechten Ideologen und Kabinettsminister für Jerusalemer Angelegenheiten, ein Leichtes wäre, der neue Bürgermeister der „Heiligen Stadt“ zu werden. Ein Posten mit besonderem Gewicht in der israelischen Politik, der auch zu internationalem Bekanntheitsgrad verhilft.

Der legendäre Teddy Kollek, erster Rathauschef nach der Wiedervereinigung der Stadt im Sechstagekrieg, genoss jahrzehntelang als Garant einer friedlichen Koexistenz zwischen Juden und Arabern weltweite Bewunderung. Sein Nachfolger, Ehud Olmert, brachte es später zum – freilich recht glücklosen – Premierminister. Und auch dem bisherigen Amtsinhaber Nir Barkat werden höhere Ambitionen nachgesagt.

Doch ob Elkin, der als Favorit antrat, das Rennen in Jerusalem macht, ist keinesfalls sicher. Inzwischen sieht es eher nach einer Zitterpartie aus, wer von den vier Kandidaten es in die zweite Runde schafft, wenn am heutigen Dienstag Bürgermeister und Stadtrat gewählt werden. Das liegt nicht nur an zwei Mitbewerbern aus dem rechten Lager, die Elkin, dem Likud-Mann, das Feld nicht überlassen wollen. Zum einen Mosche Leon, ein nationalreligiöser Strippenzieher, der von zwei mächtigen Regierungsmitgliedern – Verteidigungsminister Avigdor Lieberman und Innenminister Arieh Deri – unterstützt wird. Zum anderen Jossi Deitsch, ein ultraorthodoxer Jude mit viel kommunalpolitischer Erfahrung und vermutlich noch mehr Rückhalt unter der schläfengelockten Klientel.

Vor allem aber hat sich der einzige säkulare Kandidat, Ofer Berkovitch, als überraschend starke Konkurrenz entpuppt. Der 35-jährige gilt als echter Jerusalemer, der sich schon früh zum Wohle des urbanen Lebensgefühls engagiert hat. Bereits als Mittzwanziger gründete Berkovitch eine soziale Bewegung, um junge Leute für Lokalpolitik zu begeistern, die sonst oft nach dem Studium nichts wie weg wollen aus dem stockkonservativen Jerusalem.

Bereits 2013 gelang es seiner Wahlliste „Wach auf, Jerusalem“ vier von 31 Sitzen im Stadtparlament zu erobern. Vier Jahre lang fungierte Berkovitch als Vize-Bürgermeister, bis er im Streit mit Rathauschef Barkat das Handtuch warf. Erfolgreich war er trotzdem, etwa als er seine Anhängerschaft gegen den Stadtratsbeschluss mobilisierte, wonach Jerusalemer Kinos am Sabbat zubleiben müssten.

Der umtriebige Berkovitch ist zwar kein Linker – eine ohnehin verschwindende Spezies in Jerusalem. „Aber er will ein pluralistisches Jerusalem, so wie mein Vater“, sagt Osnat Kollek, Tochter des verstorbenen Teddy Kollek. Zumindest war Berkovitch bei einer Kandidatenbefragung der einzige, der nichts dagegen hätte, wenn der als rassistisch verpönte Fußballclub Beitar Jerusalem auch arabische Kicker ins Team holen würde.

Moslems dürfen nicht an der Wahl teilnehmen

Verspielt haben die Palästinenser, immerhin fast vierzig Prozent der Stadtbevölkerung, derweil ihre Chance, im Stadtrat mitzumischen. Noch im Sommer sah es so aus, als ob erstmals einer von ihnen, Asis Abu Sarah, als Bürgermeister kandidieren würde. Der 38-Jährige hatte bereits eine eigene Wahlliste, Al Quds Lana (Unser Jerusalem) aufgestellt. Er wolle sich dafür einsetzen, so Abu Sarah, dass der vernachlässigte Ostteil nicht mehr nur ein paar Krumen vom städtischen Budget abbekomme. Doch dann hagelte es Einsprüche.

Der palästinensische Mufti untersagte den Moslems, an den Jerusalemer Wahlen teilzunehmen, weil dies einer „Kapitulation vor den Besatzern“ gleichkomme. Israel wiederum berief sich auf ein Gesetz, dass nur vollen Staatsbürgern eine Kandidatur erlaube – die meisten Palästinenser in Jerusalem hingegen sind wie auch Abu Sarah nur geduldete Residenten. Auch die PLO-Führung verweigerte ihre Zustimmung, die nötig gewesen wäre, um palästinensische Wähler zu motivieren. Wer seine Stimme bei israelischen Kommunalwahlen abgebe, hieß es dort, legitimiere Israels Annexion von Ost-Jerusalem. Notgedrungen gab Abu Sarah auf.

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