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Private russische Sicherheitsleute in Afrika. 

Russische Söldner in Afrika

Jenseits von moralischen Bedenken

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    Stefan Scholl
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Russland hat Afrika als geopolitisches Revier wiederentdeckt. Es sucht nach neuen Zugängen zu wichtigen Rohstoffen, aber auch nach Verbündeten.

Zu dumm, dass sie immer so herausstechen. Schon auf den ersten Blick sahen Demonstranten in der sudanesischen Hauptstadt Khartum, dass die Soldaten unter der offenen Plane eines Militärlastwagens keine Einheimischen sein konnten – mit ihren blonden Haaren und blassen Gesichtern fielen sie jedem sofort auf. Die Aufständischen, die seit sechs Wochen fast täglich auf die Straße gehen, um den Rücktritt ihres verhassten Präsidenten Omar al-Baschir zu fordern, fanden schnell die Herkunft der uniformierten Bleichgesichter heraus: Russen, die den örtlichen Sicherheitskräften bei der Niederschlagung des Volksaufstands helfen.

Natürlich dementierte die Regierung in Khartum umgehend: Doch die helläugigen Gestalten ließen sich partout nicht aus der Welt debattieren. Vor einer Woche räumte der russische Vizeaußenminister Michail Bogdanow schließlich ein, dass im Sudan sowohl private wie staatliche Militärexperten aus Russland aktiv sind, allerdings nicht als Kämpfer, sondern als Instrukteure. „Man bittet uns, Kader auszubilden.“

Russische Söldner auf der Krim, in der Ostukraine, in Syrien

Die Söldner gehören der „Gruppe Wagner“ an, einer Privattruppe, die bereits auf der Krim, in der Ostukraine, in Syrien und zuletzt auch in Sudans Nachbarstaat, der Zentralafrikanischen Republik (ZAR), für Aufsehen sorgten. Laut russischen Medien untersteht die Privatarmee dem Petersburger Geschäftsmann Jewgeni Prigoschin, der als Wladimir Putins Mann fürs Grobe gilt. In der ZAR sollen derzeit zwischen 170 und 500 russische Legionäre den schwächelnden Präsidenten Faustin-Archange Touadéra im Kampf gegen muslimische Rebellen den Rücken stärken – außerdem die gefährdeten Diamantenminen im Osten des Landes sichern, an deren Ausbeutung angeblich auch Prigoschins Firmen beteiligt sind. Touadéra rief die Söldner ins Land, weil er sich auf die einstige Kolonialmacht nicht mehr verlassen zu können meinte: Frankreich zieht sich peu à peu aus seinen ehemaligen Latifundien zurück – jedenfalls aus jenen, in denen es außer einer blutigen Nase nichts mehr zu holen gibt.

Jetzt kommen die Russen. Nicht nur, dass sich Moskau dem Sudan und dessen zentralafrikanischem Nachbarn im vergangenen Jahr als militärischer Partner angedient hat: Auch wirtschaftlich sucht das von den westlichen Sanktionen nach der Annexion der Krim geschwächte Russlabd neue Einflussmöglichkeiten.

Moskau sieht in Afrika Möglichkeiten

„Russland ist gegenüber den USA, der EU, Japan oder China an seine außenpolitischen Grenzen gestoßen“, sagt der Orientalist Jewgeni Selenjew, Professor der Moskauer Hochschule für Wirtschaft – einer der Autoren des vom Außenministerium in Auftrag gegebenen Konzeptes einer neuen politischen Strategie Russlands gegenüber dem einst vernachlässigten Kontinent. „In Afrika sieht Moskau noch vielfältige Möglichkeiten, mit den bisherigen Methoden eine ausgesprochen erfolgreiche Politik zu machen.“

Dabei fallen geopolitische Ambitionen mit pragmatischen Wirtschaftsinteressen zusammen. In Uganda baut der russische Rohstoffkonzern „RT Global Resources“ für drei Milliarden US-Dollar eine Erdölraffinerie, in derselben finanziellen Größenordnung entsteht in Simbabwe eine neue Platinmine. Im westafrikanischen Guinea schürft der weltweit zweitgrößte Aluminiumproduzent „Rusal“ nach Bauxit. In Ägypten, Algerien und Mosambik ist „Rosneft“ an der Erschließung von Erdöl- und Erdgas-Feldern beteiligt, während Konkurrent „Lukoil“ in Nigeria, Ghana und Kamerun tätig ist. Russlands Außenminister Sergej Lawrow klapperte im vergangenen Jahr gleich sechs afrikanische Hauptstädte ab, um längst eingeschlafene Kontakte wiederzubeleben. Und im Herbst soll das erste russisch-afrikanische Gipfeltreffen stattfinden – eine Einrichtung, die Moskau von Peking abgeschaut hat.

Um Proteste niederzuschlagen, bedient sich das sudanesische Regime russischer Söldner.

Der außenpolitische Experte Andrei Baklanow fordert auf dem Fachportal globalaffairs.ru den massiven Einsatz russischer Wirtschaftslobbyisten und eines TV-Senders auf Kisuaheli, um den Kontinent auf Russlands Seite zu ziehen. Ein Memorandum, das Russland ebenfalls dieses Jahr mit der Afrikanischen Union unterzeichnen will, soll den Bau von Stromnetzen und U-Bahnlinien auf den Plan bringen, Bildungsprojekte, IT-Kooperation und den ersten Flug eines Afrikaners in den Weltraum.

Russland hinkt China hinterher

Noch hinkt Russland bei seinem Streifzug durch Afrika dem Nachbarn China weit hinterher. Peking stürzte sich bereits vor zwei Jahrzehnten generalstabsmäßig auf den Kontinent und vermochte das gemeinsame Handelsvolumen von zehn auf inzwischen über 200 Milliarden Dollar zu verzwanzigfachen. Dagegen ist der russisch-afrikanische Warenaustausch bisher keine 18 Milliarden Dollar wert, südlich der Sahara, sogar nur 3,5 Milliarden. Der Kreml weiß jedoch, wie er beim neuen „Scramble for Africa“ – dem Run auf Rohstoffe und eine rapide wachsende Konsumentenschaft – einen Fuß in der Tür behält: mit militärischer Kooperation und Waffenhandel.

In den vergangenen vier Jahren unterzeichnete Russland gleich mit 19 afrikanischen Staaten Militärverträge: Fast 40 Prozent aller Rüstungseinkäufe werden derzeit in Russland getätigt, dagegen nur 17 Prozent in China und elf in den USA. „Eher eine Waffenfreundschaft“, räsoniert Selenjew. Oder wie der kongolesische Politiker und Ex-Militär Christian Malanga meint: „China hat das Geld und Russland die Muskeln.“

Vielen Afrikanern sind die robusten und erschwinglichen russischen Waffen noch aus dem Kalten Krieg bekannt. Damals war die Sowjetunion auf dem rohstoffreichen Kontinent in zahlreiche Stellvertreterkriege mit den kapitalistischen Konkurrenten verwickelt: In Angola, Äthiopien oder Mosambik kamen dabei Millionen von Menschen ums Leben. Vor allem im südlichen Afrika unterstützte Moskau zahlreiche Befreiungsbewegungen, die gegen die Fremdherrschaft der Kolonialherren ankämpften, und konnte deshalb zumindest auf moralische Überlegenheit pochen. Der Westen stärkte dagegen alte koloniale Ausbeutungssysteme, nicht zuletzt das südafrikanische Rassistenregime.

Längst ist das Apartheidssystem abgewrackt und die Sowjetunion zusammengebrochen. Putins neuer Großmachtanspruch aber verzichtet ausdrücklich auf revolutionäre Rhetorik. „Der neuen Afrika-Politik fehlt jede Ideologie“, kommentiert Selenjew, was so manchem Staatschef südlich der Sahara wie ein erhörtes Gebet vorkommt.

Moskau ermuntert Guineas Präsident Alpha Conde zum Verfassungsbruch.

Autokraten wie Simbabwes Robert Mugabe oder Kongos Joseph Kabila sahen sich nach dem Kalten Krieg einem westlichen Monopol von Geldgebern ausgesetzt, die ihre Investitionen und Entwicklungshilfe immer strikter an Bedingungen wie Demokratie und gute Regierungsführung knüpften.

Mit Moskau gibt es solche Diskussionen nicht. Wie die chinesische pflegt auch die russische Regierung jegliche Kritik am Regierungsstil afrikanischer Präsidenten als „Einmischung in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten“ abzulehnen: Man hilft den sudanesischen Machthabern bei der Niederschlagung eines Volksaufstands oder baut eine Platinmine in Simbabwe, die einem blutrünstigen De-facto-Militärregime zugute kommt.

Drei Reporter aus Moskau erschossen

Und in Guinea ermunterte der russische Botschafter kürzlich Staatspräsident Alpha Condé, eine verfassungswidrige dritte Amtszeit anzustreben. Statt wie zu Sowjetzeiten Freiheitsbewegungen zu unterstützen, setzt Moskau jetzt auf Machthaber, gern auch auf wackelnde und deshalb leicht beeinflussbare Diktatoren. Das kann allerdings auch schiefgehen: „Rosatom“ sollte acht Atomreaktoren im Wert von 75 Milliarden US-Dollar nach Südafrika liefern – aber der Deal wurde storniert, nachdem der korrupte Staatschef Jakob Zuma Anfang 2018 aus dem Amt gejagt wurde.

Drei Moskauer Reporter, die im Juli in die ZAR gereist waren, um einen Film über die Krieger der „Gruppe Wagner“ zu drehen, wurden dort erschossen.

Die einheimischen Behörden reden von einem Raubmord. Nach Nachforschungen der Recherchegruppe „Dossier“ wurden die Journalisten allerdings von einem örtlichen Polizeigendarmen beschattet, der mehrfach mit dem russischen Militärinstrukteur Alexander Sotow telefonierte. Und ein afrikanischer Soldat an dem Kontrollposten, den das Auto der Journalisten zuletzt passiert hatte, sagte aus, kurz zuvor sei ein Wagen mit zwei ZAR-Gendarmen und drei Bleichgesichtern in Zivil vorbeigekommen. Moskaus Oppositionszeitungen vermuten, die russischen Söldner hätten auch hier ihre Hand im Spiel gehabt.

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