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Im Schloss Johannesberg nördlich von Stockholm ringen Huthi-Rebellen und jemenitische Regierung um Frieden.

Jemen

Jemenitischer Machtpoker

Erstmals seit zwei Jahren verhandeln die Kriegsparteien wieder. Abu Dhabi arbeitet auf eine Teilung des Landes hin

Martin Griffiths wollte absolut sicher gehen. Anders als bei seinem gescheiterten Friedensanlauf im September, reiste der UN-Jemenvermittler diesmal persönlich nach Sanaa, um die Delegation der Huthis nach Stockholm zu begleiten. 24 Stunden später trafen am Mittwoch auch die Vertreter der international anerkannten Regierung von Präsident Abed Rabbo Mansour Hadi ein. Und so reden zum ersten Mal seit 2016 die Kriegsgegner wieder miteinander – nach vier Jahren Blutvergießen endlich ein Hoffnungsschimmer für die geschundene Bevölkerung.

Den Weg nach Schweden haben erste vertrauensbildende Schritte geebnet. Saudi-Arabien stimmte zu, dass 50 verletzte Rebellen zur Behandlung in den Oman ausgeflogen werden durften. Präsident Hadi erklärte sich bereit, den Staatsbediensteten im Huthi-Gebiet künftig wieder Gehälter zu zahlen. Und beide Seiten einigten sich auf einen Austausch von Kriegsgefangenen. Die Huthis lassen 1000 bis 1500 frei, ihre Gegner 1500 bis 2000. Bevor allerdings im frisch renovierten Schloss Johannesberg nördlich von Stockholm die ganz großen Themen auf den Tisch kommen, müssen noch weitere Konfliktpunkte entschärft werden – die Öffnung des seit Jahren von den Saudis gesperrten Flughafens von Sanaa sowie ein Waffenstillstand für die Hafenstadt Hodeida, über die 70 Prozent der Lebensmittel ins Land kommen. Das Misstrauen jedoch sitzt tief. Auf allen Seiten gibt es Kriegsgewinnler, die an Chaos und Gewalt glänzend verdienen.

„Nimmt man die Vergangenheit und die Lage vor Ort als Maßstab, deutet alles darauf hin, dass bei den Gesprächen nicht viel herauskommt und die Kämpfe um Hodeida wieder aufflammen“, warnte Peter Salisbury von der „International Crisis Group“, der als einer der besten Kenner Jemens gilt. „Leider muss man sagen, die gegenwärtige Dynamik deutet eher darauf hin, dass die Gewalt weitergeht, und sich die humanitäre Lage verschlimmert, als dass es zum Frieden kommt.“

Zudem gewinnt im jemenitischen Machtpoker neben den Huthis und der international anerkannten Hadi-Regierung eine dritte Kraft zunehmend an Bedeutung, die Südbewegung Hirak, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) massiv gesponsert wird. Diese will den Jemen wieder teilen, wie vor 1990, was sowohl die Huthis als auch Saudi-Arabien ablehnen. Riads Einfluss jedoch ist durch die Affäre um den ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi erheblich geschwächt. Die Huthis wiederum müssten in Sanaa markante Machtpositionen räumen zugunsten einer möglichen nationalen Einheitsregierung, Konzessionen, zu denen die Rebellen nicht bereit sind.

Umso unverblümter arbeitet Abu Dhabi daher auf einen gespaltenen Jemen hin, eine Lösung, für die offenbar auch das Pentagon Sympathien hegt. Der Iran-freundliche Nordjemen bliebe unter der Kontrolle der Huthis, die sich verpflichten, ihre Nachbarn nicht mehr mit Raketen anzugreifen. Der Südjemen stünde fortan unter der Hegemonie der superreichen Emirate, während der ungeliebte und herzkranke Präsident Hadi entmachtet würde. Modellprojekt für diese Südstrategie ist Mukalla, die Hauptstadt des Hadramaut.

Sie befand sich 2015 für ein Jahr in der Hand von Al-Kaida. Seit der Rückeroberung 2016 versuchen die VAE, die Hafenstadt am Golf von Aden durch Finanzhilfen und Aufbauprogramme zu einem Wirtschaftsmotor auszubauen.

Die Verhandlungen in Schweden seien „eine kritische Gelegenheit“, erklärte VAE-Außenminister Anwar Gargash, während der Chef des UN-Welternährungsprogramms, David Beasley, vor einem „dramatischen Anstieg“ der Hungernden auf zwölf Millionen Menschen warnte, fast die Hälfte der Bevölkerung. „Dies ist nicht ein Land am Rande einer Katastrophe“, sagte er. „Dies ist ein Land mitten in einer Katastrophe.“

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