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Infektionsrisiko Durst: Ein Mädchen trinkt am Stadtrand von Sanaa aus einem Schlauch ? sauberes Trinkwasser gibt es im Jemen vielerorts nicht mehr.

Epidemie

Im Jemen tobt die Cholera

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Im Jemen registrieren Helfer des Roten Kreuzes täglich bis zu 7000 Neuinfektionen. Ein Gespräch mit der Leiterin des zuständigen DRK-Büros, Astrid Nissen.

Astrid Nissen, Leiterin des DRK-Büros Beirut, ist vom Libanon aus auch für den Jemen zuständig. Wir erreichen sie telefonisch in Sanaa, der von den Huthi-Rebellen besetzten Hauptstadt Jemens.

Frau Nissen, wie ist die Situation in Sanaa? 
Glücklicherweise ist es derzeit halbwegs ruhig, ich habe in den letzten Nächten keine Luftangriffe auf Sanaa erlebt. Als Ausländer können wir uns dennoch nicht frei bewegen, weil das Entführungsrisiko viel zu hoch ist. Was bei einer Fahrt durch die Stadt unübersehbar ist: Überall liegen Berge von Unrat herum, weil die Müllabfuhr nicht mehr arbeitet. Die staatliche Verwaltung ist vielerorts zusammengebrochen, weil die Mitarbeiter seit fast einem Jahr nicht mehr bezahlt werden. Man kann verstehen, dass sie irgendwann einfach zu Hause bleiben. 
 
Wie ist aktuell die medizinische Situation?
Die Lage ist dramatisch. Bisher sind mehr als 1800 Menschen an der Cholera gestorben. 370 000 Menschen weisen inzwischen die typischen Symptome dieser Erkrankung auf, also heftigen Durchfall und Erbrechen – unsere Experten rechnen damit, dass diese Zahl bis Ende dieses Jahres auf über 600 000 steigen könnte. Wir registrieren bis zu 7000 Neuinfektionen pro Tag, davon ist fast die Hälfte der Betroffenen in einem kritischen Stadium. Kinder, Schwangere und ältere Menschen leiden besonders. Ohne Behandlung droht der Tod durch Dehydrierung. So einen massiven Ausbruch haben selbst erfahrene Kollegen von uns noch nicht erlebt. Es wird zu Recht von der weltweit schlimmsten Cholera-Epidemie gesprochen, die jemals dokumentiert wurde.

Existiert noch ein Gesundheitssystem?
Die medizinische Versorgung steht durch die anhaltenden Kämpfe vor dem Kollaps. Mehr als die Hälfte der Kliniken und Gesundheitsstationen ist beschädigt, zerstört oder musste geschlossen werden, weil das Personal fehlt. Auch die Ärzte und Krankenschwestern werden seit Monaten nicht mehr bezahlt. Wer noch arbeitet, tut das freiwillig. 
 
 

Cholera-Ausbrüche gibt es in Krisenregionen immer wieder. Wie konnte es jetzt zu der verheerenden Epidemie kommen? 
Cholera wird durch Bakterien übertragen, die Menschen infizieren sich durch verschmutztes Trinkwasser. Viele Kläranlagen wurden bei gezielten Luftangriffen zerstört. Pumpstationen, die sauberes Wasser aus der Tiefe fördern können, können wegen Treibstoffmangels nicht arbeiten. Daher gibt es vielerorts kein sauberes Trinkwasser mehr. Der Müll auf den Straßen und die starken Regenfälle der letzten Wochen hier im Bergland haben die Ausbreitung zudem massiv gefördert. 
 
Das erklärt aber sicherlich noch nicht das jetzige Ausmaß der Katastrophe, oder?
Normalerweise lässt sich die Krankheit gut behandeln. Doch viele Menschen sind geschwächt, schließlich wütet hier durch die Dürre im Tiefland und die Kämpfe auch noch eine Hungersnot. Fast 19 Millionen Menschen sind auf humanitäre Unterstützung angewiesen. Mehr als drei Millionen Kinder und schwangere Frauen gelten als akut unterernährt. Über drei Millionen Menschen sind auf der Flucht, das ist fast jeder zehnte Bewohner. Wer sich in einer derartigen Situation ansteckt, hat der Krankheit wenig entgegenzusetzen. 

Wie organisieren Sie die Hilfe? 
Wir als Rotes Kreuz sind in der glücklichen Situation, dass wir vor Ort mit dem Jemenitischen Roten Halbmond eine Partnerorganisation haben, die landesweit vertreten ist. Für diese Organisation sind ungefähr 40 000 Freiwillige im Dienst. Sie leisten Großartiges. Aber inzwischen sind diese Menschen erschöpft, viele von ihnen sind seit Monaten Tag und Nacht im Einsatz. 
 

Was brauchen die Helfer vor Ort?
Wir unterstützen unsere Kollegen so gut wie möglich mit Medikamenten, Infusionslösungen, Hygienepaketen, Chlor für die Wasserbehandlung und Choleratests. Außerdem liefern wir Lebensmittel und andere Hilfsgüter wie Decken. Sehr wichtig ist zudem Material für Aufklärungskampagnen, damit sich die Menschen nicht mehr anstecken. 
 
Funktioniert der Transport der Hilfsgüter?
Selbst für internationale Hilfsorganisationen ist es nur äußerst schwer möglich, in die betroffenen Landesteile zu gelangen. Der wichtige Hafen Al-Hudaida im Westen des Landes am Roten Meer wurde heftig bombardiert und konnte bisher nur zu einem kleinen Teil wieder instand gesetzt werden. Deshalb reichen die Kapazitäten nicht. Steuern die Schiffe Aden an (Anmerkung der Redaktion: Die Stadt im Süden des Landes wird von der Regierung kontrolliert), dann kommen die Lieferungen oft tage- oder wochenlang nicht durch die vielen Checkpoints. Das ist schon manchmal frustrierend.

Ihre Arbeit wird also von beiden Seiten behindert? 
Sie wissen, dass wir uns als Rotes Kreuz immer neutral verhalten, um möglichst vielen Menschen helfen zu können. Klar ist: Die Konfliktparteien müssen sicherstellen, dass die unparteiisch und neutral arbeitenden humanitären Organisationen landesweit freien Zugang bekommen. Unsere Arbeit darf nicht behindert werden. Das ist ein Grundsatz im Völkerrecht, der derzeit im Jemen verletzt wird. 

Interview: Tim Szent-Ivanyi

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