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Die Mauer direkt neben dem St.-Thomas-Hospital in London soll all die an oder mit Covid-19 gestorbenen Menschen ins kollektive Bewusstsein rufen.
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Die Mauer direkt neben dem St.-Thomas-Hospital in London soll all die an oder mit Covid-19 gestorbenen Menschen ins kollektive Bewusstsein rufen.

Großbritannien

Corona-Opfer in Großbritannien: Ein Denkmal, das Boris Johnson nicht verhindern konnte

  • VonPeter Nonnenmacher
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Hinterbliebene von Corona-Opfern haben in London eine Gedenkmauer für die Verstorbenen erschaffen. Das findet viel Zuspruch - doch die britische Regierung will nicht garantieren, dass das Denkmal erhalten bleibt.

London - Vielen in der Politik ist sie ein Dorn im Auge. Direkt gegenüber dem Westminster-Parlament, am anderen Ufer der Themse, erinnert sie die Abgeordneten Tag für Tag an etwas, woran nicht alle erinnert werden wollen. Die vertraute Mauer nämlich, die dort den Uferweg vom Gelände des St.-Thomas-Hospital trennt, ist in diesem Sommer zur inoffiziellen Gedenkstätte für die Opfer der Pandemie in Großbritannien geworden. Zur „Nationalen Covid-Gedenkmauer“ wurde sie gemacht, als Mauer der 150.000 Herzen ist sie auch bekannt.

Von Westminster Bridge an, mehrere Hundert Meter weit, zieht sich das steinerne Bauwerk Richtung Süden. Seit März hat sich die Mauer an diesem Themseabschnitt mit Tausenden und Abertausenden aufgemalter Herzen gefüllt. Kleine und große Herzen, Namen, Daten, untröstliche Nachrufe und bewegende Liebesgrüße sind inzwischen, sechs Monate nach dem Auftauchen der ersten Zeichnungen, zu sehen.

Fast 150.000 Corona-Opfer in Großbritannien

Mehr als 150.000 Herzen sollen es insgesamt sein – fast so viele, wie das Vereinigte Königreich seinem Statistischen Amt zufolge in den vergangenen anderthalb Jahren an Covid-Opfern zu beklagen hatte. Jede Woche kommen Hunderte neuer Namen dazu.

Angehörige und Bekannte der Verstorbenen haben versucht, all diese Menschen mit dieser Aktion noch einmal ins kollektive Bewusstsein zu rufen. Sie haben ihnen und der Erinnerung an sie einen gemeinsamen Platz verschafft, hier am Uferweg. Ein paar Sträuße, ein paar Fotos finden sich an einzelnen Stellen. Aber der Gesamteindruck ist der einer überwältigenden Menge von Herzen, die sich über diese endlos scheinende Mauerfläche zieht.

Einzelne eindringliche Abschiedsgrüße sprechen vom noch frischen Schmerz derer, die sie aufgeschrieben haben: „Meiner geliebten Schwester“, „meiner unvergessenen Mutter“, „Papa, wir vermissen dich so sehr“, steht da. „Drei Tage, die unser Leben zerstört haben“, beklagt eine Familie, die im vergangenen November in kurzer Folge gleich drei Angehörige verlor. Manche Herzen danken aber auch dem nationalen Gesundheitsdienst NHS und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Corona-Opfer in Großbritannien: Der Tod vieler Menschen sei vermeidbar gewesen

Erst das Ganze aber lässt die Dimension der Tragödie erahnen. Dass dies, die Bemalung der Mauer, eine zornige Selbsthilfeaktion und keine Auftragsarbeit irgendeiner Behörde war, gibt den Gefühlen, die dort festgehalten sind, Authentizität.

Jo Goodman und Matt Fowler, deren Väter schon zu Beginn der Pandemie verstorben sind, gehörten im vorigen Jahr zu den Ersten, die klagten, der Tod vieler Menschen sei „vermeidbar“ gewesen – mit einem früheren Lockdown, mit ernsthafteren Bemühungen der Regierung um den Schutz von Zehntausenden, damals schon.

Goodman und Fowler gehören zu den Gründern der Facebook-Gruppe „Covid-19 Bereaved Families for Justice UK“, die „Gerechtigkeit für trauernde Familien“ fordern. Ihnen boten vier frühere Greenpeace- und Anti-Brexit-Aktive, die sich „Led By Donkeys“ (Von Eseln geführt) nannten, ihre Hilfe für eine ungewöhnliche Kampagne an. Erst drehte das „Donkeys“-Quartett zusammen mit Goodman und Fowler einen Kurzfilm, in dem Angehörige von Corona-Opfern ihrem persönlichen Schmerz Ausdruck verleihten. Der Clip wurde auf die Fassade des Parlaments in Westminster projiziert, um die Abgeordneten zu einer Stellungnahme zu provozieren.

Corona-Opfer in Großbritannien: Ein Denkmal, das die Behörden nicht verhindern konnten

„Wir mussten etwas tun, um uns Gehör zu verschaffen“, drückte Jo Goodman es aus. Um für sich selbst etwas zu tun, aber auch um nicht ignoriert zu werden. Als auch die zweite Covid-Welle im vergangenen Winter durchs Land rollte und noch immer niemand mit den Hinterbliebenen sprechen wollte, wurde die Idee einer Gedenkmauer geboren.

Mit der Aktion begannen die Beteiligten im März dieses Jahres, zum ersten Lockdown-Jahrestag in England. Der rechte Ort war schnell gefunden, die Mauer des St.-Thomas-Hospital bot sich an. Dank cleverer Planung und Finten wurde die Mauer mit Herzen bedeckt, bevor die Behörden es verhindern konnten. Immer mehr Angehörige von Opfern und Dutzende Freiwillige reihten sich ein in die Bewegung. Als die ersten Bilder des Denkmals in den Medien auftauchten und Beifall und Bewunderung auslösten, stoppte die Beteiligten niemand mehr.

Dabei ist die „Covid-Mauer“ keineswegs die einzige Aktion spontanen Gedenkens in Großbritannien. In Treorchy in Südwales haben die Hinterbliebenen an einem Berghang ein aus Steinen und gelben Fähnchen bestehendes riesiges Denkmal in Herzform angelegt. In Sunderland in Nordengland lässt sich vom Zug aus ein weitgespannter Regenbogen sehen. Im Olympischen Park von Stratford und in Oxfords Botanischem Garten hat man zum Gedenken Dutzende von Bäumen gepflanzt.

Die Covid-Gedenkmauer im Herzen Londons trifft den Nerv

Vor Kirchen und Kathedralen sind, zur Besinnung, kleine Steinkreise angelegt worden. Die St-Paul’s-Kathedrale hat Platz für „ein permanentes Denkmal“ angeboten. Und eine größere Gedenkstätte ist bereits geplant im Nationalen Arboretum in Staffordshire, wo auch anderer historischer Ereignisse gedacht wird.

Nichts aber hat so viel spontane Zustimmung gefunden und einen Nerv getroffen wie die Covid-Gedenkmauer mit ihren Herzen mitten in London. Gewiss, meinen Besucher:innen, habe das auch zu tun mit der besonderen Lage – als prominentes Statement, unübersehbar, just vor den Augen der Parlamentsabgeordneten.

Und im Grunde, finden viele Menschen im Land, hätte man ja auch einige Sympathie gerade vom Premierminister für die Mauer erwarten können. Immerhin war es das St.-Thomas-Hospital, in dem im vorigen Jahr ein schwer an Covid-19 erkrankter Boris Johnson auf der Intensivstation behandelt wurde, als er nach eigenem Bekunden „dem Tod nahe“ war.

Boris Johnson verspricht ein offizielles staatliches Denkmal

Aber die Angst davor, für das Ausmaß der Pandemie in Großbritannien von der Öffentlichkeit schuldig gesprochen zu werden, hat das offenbar aufgewogen. Eine Garantie zum Erhalt der Mauerbemalung hat die Regierung bisher jedenfalls nicht geben wollen – obwohl nicht nur die Lobby der Angehörigen, sondern auch mehr als 200 Unter- und Oberhausabgeordnete gefordert haben, dass die Mauer „auf Dauer“ in ihrer jetzigen Gestalt erhalten bleiben solle.

Stattdessen hat der Regierungschef seinen Landsleuten ein offizielles staatliches Denkmal versprochen. Für die seit Monaten angekündigte Denkmalkommission, die über alles Weitere befinden soll, ist freilich bis heute kein einziges Mitglied ernannt worden. Ideen gibt es, einen Plan aber nicht. „Irgendwann kommt schon noch der rechte Zeitpunkt, um all derer zu gedenken, die ihr Leben verloren haben“, war in diesem Sommer aus der Regierungszentrale zu hören. Boris Johnson hat es nicht eilig mit der Erinnerung.

Boris Johnson: Besuch in der Dunkelheit

Erst einmal weggeschoben, und zwar aufs kommende Jahr, hat man in Downing Street auch den Beginn einer öffentlichen Untersuchung zum Verhalten der Regierung in der Corona-Krise, wie sie von den „Bereaved Families for Justice“ gefordert worden ist. Die Betroffenen hatten berichtet, dass der Premierminister sich nicht nur lange beharrlich geweigert habe, mit ihnen überhaupt in Kontakt zu treten, sondern dass er auch die Mauer noch Wochen nach ihrer Entstehung nicht beachtet habe.

Erst als einige der höchsten Kirchenfürsten des Landes das Denkmal im April besichtigten, stellte sich eine Woche später auch Boris Johnson zu einem kurzen Besuch ein. Freilich erst bei Dunkelheit und ohne mit Angehörigen sprechen zu wollen.

Was auch kein Wunder war. Denn ausgerechnet am Tag vor diesem Besuch hatte die Tory-treue „Daily Mail“ die Nation schockiert mit der Meldung, der Regierungschef habe im vorigen Herbst in seinem Regierungssitz vor Beschäftigten erklärt, er werde lieber in Kauf nehmen, dass sich „die Leichen zu Tausenden hoch auftürmen“, als weitere „bescheuerte“ Lockdowns anzuordnen, die nur die Wirtschaft lähmten.

Jedes Herz ein Opfer: Die Covid-Gedenkmauer in London.

Mittlerweile wird schon wieder über die Frage gestritten, ob die Regierung unvorsichtig agiere in Bezug auf die nächste Corona-Welle. Die Initiator:innen der Gedenkmauer aber sorgen sich nicht nur um eine offizielle Anerkennung ihres Denkmals, sondern bangen auch um dessen unmittelbaren Bestand. Wind und Wetter haben, zum Ende des Sommers, erste Ausbesserungsarbeiten nötig gemacht. Debattiert wird darüber, ob ein spezieller Siegellack aufgetragen werden solle, der die 150.000 Herzen vor dem Abblättern oder Verblassen schützen und sie für die Nachwelt bewahren kann.

Manchen „wäre es wohl nur recht“, wenn alles verblassen würde, glauben die Maueraktivist:innen. Einige von ihnen sind derweil dabei, immer neue Herzen und Namen aufzumalen. Im kommenden Jahr, so befürchten sie, könnten es 180.000 oder sogar 200.000 sein. (Peter Nonnenmacher)

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