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Gräber in Kabul: Die beiden Brüder auf den Fotos verloren ihr Leben bei einem Selbstmordanschlag auf ein schiitisches Kulturzentrum Ende Dezember.

Afghanistan

„Jeder Einkauf kann tödlich enden“

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Nach einer Serie von schweren Anschlägen leben die Einwohner von Kabul in permanenter Angst. Wie gehen die Menschen damit um?

Das kleine Café im Foyer eines Einkaufszentrums mitten in der afghanischen Hauptstadt Kabul unterscheidet sich kaum von seinesgleichen in aller Welt. Es gibt Cappuccino mit liebevoll dekoriertem Schaum. In der gekühlten Auslage werden frische Kuchenstücke feilgeboten. Sie enthalten Unmengen von Zucker und glitzern dank Farbstoff giftgrün oder heftig rosa.

Ahmed Z. kommt gern hierher, und das hat weniger mit der kulinarischen Auswahl, dem guten Kaffee oder damit zu tun, dass man hier rauchen darf. Der 38-jährige Afghane fühlt sich in dem verräucherten Lokal des Einkaufszentrums mit seinem Eingang aus dicken Stahlplatten, Panzerglas und flankiert von schwer bewaffneten Sicherheitsleuten sicherer als anderswo.

Seine Begründung kann nur jemandem einfallen, der schon lange in Kabul lebt. „Niemand auf der Straße kann sehen, dass ich mich mit Ausländern treffe. Außerdem haben Talibanmilizen hier schon einmal angegriffen. Seitdem sind mehr Wächter da.“ Ahmed Z. verschweigt einen weiteren Grund: Das Gebäude beherbergt ein Hotel, und wie in allen kommerziellen Unterkünften Kabuls sind unter den Gästen rund um die Uhr zusätzliche Aufpasser des afghanischen Geheimdienstes NDS.

Die Gegenwart von Geheimagenten konnte Mitte Januar nicht den Angriff auf das Interconti auf einem leicht abzuschirmenden Hügel der Stadt verhindern. Ahmed Z., der seinen kompletten Namen nicht nennen will, gibt gerne zu, dass große Löcher in seiner persönlichen Logik klaffen: „Irgendwas muss man sich einbilden, wenn man in Kabul nicht 24 Stunden am Tag hinter verschlossenen Türen zu Hause bleiben will.“

Er überlebte zwei Selbstmordattacken, als er vor Jahren noch in Diensten von Kabuls Regierung stand. Er verließ Afghanistan. Das baufällige Boot, mit dem er vor Jahren mit Dutzenden von anderen Flüchtlingen von Indonesien nach Australien unterwegs war, wäre um ein Haar gesunken. Ahmed Z. lebt noch, weil in letzter Minute Jakartas Marine zu Hilfe kam – und er später eine Herzattacke überstand, als er wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte.

Inzwischen kehrte er gegen den ausdrücklichen Rat eines entfernten Verwandten auf einen hohen Regierungsposten in seiner Heimat Kabul zurück. „Als ich ihm von meinem Heimkehrplan erzählte, war sein einziger Kommentar: „Du bist verrückt.“

Millionen von Afghanen, die in Kabul leben, verfügen nicht über den Luxus, zwischen sicherem Exil und der alltäglichen Bedrohung in der afghanischen Hauptstadt wählen zu können. Fast alle können davon erzählen, wie sie selbst oder ein Bekannter dem Tod von der Schippe gesprungen sind.

Manchmal sind es Anekdoten wie das Erlebnis von Abdul: Der Fahrer eines gelb-weißen Sammeltaxis fand sich plötzlich allein in seinem Fahrzeug – mit einer prall gefüllten Tasche, die ein Passagier vergessen hatte. „Niemand wollte helfen, alle hatten Angst“, berichtet er. Als beim Öffnen ein Kabel zum Vorschein kam, verlor auch Abdul die Nerven. „Ich dachte, es sei eine Bombe“, sagt er und lacht. „Aber es handelte sich nur um Computerzubehör.“

Tagtäglich verlassen sie ihr Heim und riskieren ihr Leben, um einzukaufen oder zur Arbeit zu fahren. „Was sollen wir denn tun: Verhungern, um Selbstmordattentätern zu entgehen?“, fragt Mukhtar Shah, ein junger Vater von drei Kindern. Dem möglichen Tod begegnet er, wie fast alle in Kabul, mit gleichmütigem Fatalismus und entschlossenem inneren Widerstand.

Mukhtar Shah nimmt an jedem religiösen Fest der schiitischen Hazaras teil, obwohl die Umzüge regelmäßig von fanatischen Anhängern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) attackiert werden. Er geht regelmäßig einkaufen, weil er zu den konservativen Afghanen gehört, die am liebsten ihre Ehefrauen nicht aus dem Haus lassen. Der Weg von seinem Haus im Stadtviertel Dasht-e-Barchi zum Markt am verdreckten Fluss führt an einer Art Feindesland vorbei: Kabul ist nach Jahrzehnten des Kriegs streng nach ethnischer Zugehörigkeit geteilt. 

Die schiitischen Hazaras leben im Westen der Hauptstadt. Die Paschtunen haben sich im Südosten rund um die Ausfallstraße angesiedelt, über die sie bei Bedarf schnell Richtung Logar und anderen Paschtunen-Regionen fahren können. Die Tadschiken und Usbeken wiederum leben mit Vorliebe in den Stadtgebieten nahe der Shomali-Ebene im Norden der Hauptstadt.

Wie ein Fremdkörper entstand über die vergangenen Jahre im Zentrum zudem die „Grüne Zone“, ein Gebiet, in dem es von uniformierten und schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten wimmelt. Das Hauptquartier von „Resolute Support“, Sitz der verbleibenden 14 000 ausländischen Soldaten – Söldner und Spezialeinheiten nicht eingerechnet – hat sich hier verbarrikadiert. Hinter hohen Mauern und turmhohen „Hescos“, mit Erde und Kies gefüllten riesigen Säcken, hecken Diplomaten ihre neuesten Ideen für die unsichere Zukunft im afghanischen Konflikt aus. Häufig verfallen sie lediglich auf Vorhaben, die ihre Kollegen schon einmal vor mehr als zehn Jahren als große Lösung betrachteten, und die zwischenzeitlich von anderen Vorstellungen verdrängt wurden.

Mukhtar Shah, der seinen Lebensunterhalt mit Handel verdient, kümmert sich wenig um diese streng abgeschirmte Welt, in der auch die wichtigsten Institutionen der afghanischen Regierung Zuflucht gesucht haben. „Wir kommen im Alltag nicht daran vorbei, irgendwo in der Nähe dieser Abwehrmauer unterwegs zu sein“, sagt der 28-Jährige und fügt hinzu: „Aber die Selbstmordattentäter können meistens weder die Hesco überwinden noch die Wachen ausschalten. Dann sprengen sie sich in der Nähe in die Luft und wir sind die Opfer.“

Die „Selbstmordallee“

Vor Jahren besaß die Ausfallstraße Richtung Dschalalabad den Ruf der „Selbstmordallee“. Jeder in Kabul wusste: Am besten mied man diese Straße zwischen acht Uhr und elf Uhr morgens. Nach dem Attentat nahe der deutschen Botschaft im Mai des vergangenen Jahres lautete die Losung, möglichst den Berufsverkehr zu umgehen. Denn dann nimmt das Verkehrschaos in Kabul dermaßen überhand, dass selbst die strengsten Polizisten irgendwann einfach Fahrzeuge durchwinken, um den Zorn der Afghanen zu beschwichtigen und die Autoknäuel aufzulösen.

Der Anschlag mit rund 100 Toten am Wochenende nahe einem Krankenhaus und in einer Straße voller Geschäfte machte nun die schlimmsten Befürchtungen war. „Jeder Einkauf kann tödlich enden“, sagt Mukhtar Shah. In seinem weiten Gewand trägt er deshalb eine kleine Brieftasche mit den wichtigsten Informationen herum: Einem Zettel mit der Blutgruppe für schnelle Erste Hilfe, einem weiteren Zettel mit den wichtigsten Telefonnummern von Verwandten und Freunden und seinem in Plastik eingeschweißten Ausweis, der ebenfalls zum Notfallpaket gehört.

So will Mukhtar Shah sicherstellen, dass er nach einem Anschlag identifiziert werden kann – auch wenn sein Köper von einer Bombe in Stücke gerissen werden sollte. „Das Bargeld ist in einem anderen Portemonnaie. Das wird von Helfern sicher gestohlen“, sagt der Familienvater. „Ich will vermeiden, dass meine Dokumente ebenfalls spurlos verschwinden.“

Trotz der verbreiteten Furcht vor Anschlägen und oft hilflos anmutenden Vorsichtsmaßnahmen zieht Kabul Monat für Monat immer mehr Menschen aus ganz Afghanistan an. Mehr als eine Viertelmillion Afghanen verlor im vergangenen Jahr wegen des Krieges ihre Heimat und ließ sich anschließend in der Hauptstadt nieder. Denn von täglich zehn Zivilisten, die laut den Vereinten Nationen während der ersten neun Monate des vergangenen Jahres der Gewalt zum Opfer fielen, starben die meisten auf dem Land.

Unter dem wachsenden Druck der Offensive der radikalislamischen Talibanmilizen, die am Dienstag in einer Botschaft an US-Präsident Donald Trump mit weiterer Gewalt drohten, verstärkte sich zudem ein alter Trend. Weil die Lage auf dem Land unsicher ist und die Unberechenbarkeit der Regierungsgegner kaum Grenzen kennt, schicken Eltern, die es sich finanziell leisten können, ihren Nachwuchs zum Schulunterricht auf eines der Internate, die in Kabul seit dem Jahr 2001 aus dem Boden geschossen sind. Zurück blieben die Armen.

Mit der Terroroffensive in der Hauptstadt während der vergangenen Tage trifft es nun auch die Mittelklasse. Der Zorn auf die Regierung über den Mangel an Sicherheit kennt kaum Grenzen. „Ich warte einfach“, sagt im Café Ahmed Z., „vielleicht passiert etwas, vielleicht auch nicht“. Dann trinkt er seinen Espresso zu Ende, packt die Zigaretten ein und macht sich auf den Weg durch Kabuls Menschengewimmel.

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