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„Achten wir auf das große W, damit sich die Würde nicht klammheimlich in eine Hürde oder gar eine Bürde verwandelt.“

Jeder Buchstabe zählt

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Monika Held freut sich über den einen Satz, der Deutschland von vielen anderen Ländern unterscheidet. 

Eine Zeitlang bin ich jeden Morgen über die Konrad-Adenauer-Straße in Frankfurt zur Arbeit gefahren und stand im Stau vor dem Gerichtsgebäude. Vor mir, hinter mir, neben mir: Menschen hinterm Steuer, mit den Augen auf der Suche nach Abwechslung, wobei der Blick auf der breiten Wand des Justizgebäudes hängenblieb, dort, wo – so erinnere ich mich – einem gewichtigen Wort sein erster Buchstabe gestohlen worden war. So starrten wir auf eine verstümmelte, unvollständige Botschaft: DIE ÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR. Wenn ich heute am Gericht vorbeifahre, freue ich mich über einen Satz mit 33 Buchstaben, der mein Land von vielen anderen Ländern unterscheidet.

Artikel 1, Satz 1, der erste Satz des deutschen Grundgesetzes, den der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani einen „herrlichen deutschen Satz“ genannt hat.

Das ist er auch. Man bleibt an ihm hängen, weil er einen abstrakten Begriff enthält, dem man eher selten begegnet: Würde. Und einen Stolperstein: Da muss etwas Abstraktes geschützt werden, weil es schon so oft und konkret mit Füßen getreten worden ist. Der „herrliche deutsche Satz“ ist auch ein Satz zum Grübeln.

Schriftstellerin Monika Held.

Was ist Würde? Schiller sagt: Zu essen gebt ihm, zu wohnen, habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde allein.

Für meinen schwulen Freund Ralph ist Würde mehr als Essen, Trinken und Wohnen. Es ist das Bewusstsein eigener, seelischer, ethischer und körperlicher Integrität. Sie zu besitzen, sie bei anderen Menschen anzuerkennen und die Gewissheit, dabei vom Staat geschützt zu werden. Jede Minderheit, jeder Außenseiter, jeder Andersgläubige, Andersfühlende, Andersliebende weiß, wie sich eine verletzte Würde anfühlt und wie viel Angst sie auslöst, wenn man heute nach Ungarn, Polen oder Russland blickt.

Monika Held ist Schriftstellerin. Für ihre Arbeit über das Kriegsrecht in Polen und die Hilfstransporte zu den Überlebenden von Auschwitz wurde sie mit der Solidarnosc-Medaille ausgezeichnet.

Würde. Ist sie angeboren? Kann man sie verlieren? Verspielen? Kann man sie jemandem absprechen? Unser Staat nennt dieses Recht auf Würde unveräußerlich, erklärt es zur Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Was für ein Anspruch! Damit ist Artikel 1 des Grundgesetzes also auch das Versprechen, das Leben und die Würde der Menschen zu schützen, in deren Ländern gefoltert wird, deren Länder wir mit den Waffen versorgen, mit denen sie Aufstände niederschießen und Leben vernichten.

Kann man die Würde ablegen? Für immer? Vorübergehend? Hat der Folterer auch eine Würde? Die Würde des Menschen ist antastbar und, wie die Seele, immerzu in Gefahr, verletzt zu werden. Sie braucht Aufmerksamkeit und Schutz. Sie ist der Teig, aus dem der ganze Grundgesetzkuchen gebacken worden ist. Wir werden seinen 70. Geburtstag feiern und noch einmal genau hinschauen, wo wir über die Zutaten neu nachdenken müssen, wo wir ihn ergänzen, umformulieren, ausweiten, einengen oder befragen müssen.

Eigentum verpflichtet. Wozu? Politisch Verfolgte genießen Asylrecht ist auch solch ein schöner, klarer, deutscher Satz, dem, Kermani hat sie gezählt, 1993 mit 275 zusätzlichen hohlen Wörtern Sprachmüll angehängt und damit die Seele genommen worden ist.

Haben nur Menschen eine Würde? 2014 brach die Trinkwasserversorgung aus dem Eriesee zusammen. Da haben die Bürger der kanadischen Stadt Toledo ihrem mit Phosphor und Nitraten versauten See „Personenrechte“ eingeräumt, also: Würde. Im vergangenen Jahr wurde der kolumbianische Teil der Amazonas-Region vom Obersten Gericht als juristische Person anerkannt. Jetzt wird sie wie ein Mensch behandelt. Wer ihre Würde, zum Beispiel durch illegale Brandrodung, verletzt, kann bestraft werden. Sich auszumalen, dass eines Tages ein Huhn als Stellvertreter aller gequälten Tiere vor ein Hohes Gericht tritt oder das vermüllte Meer vorbeischwappt, ist eine herrliche Vision.

Achten wir also auf das große W, damit sich die Würde nicht klammheimlich in eine Hürde oder gar eine Bürde verwandelt.

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