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Sieht sich im Krieg mit den Medien: Donald Trump.
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Sieht sich im Krieg mit den Medien: Donald Trump.

Fake News

Jeder Tag ein 1. April

  • Karl Doemens
    VonKarl Doemens
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Wie Donald Trump die Medien diskreditiert.

Seit ein paar Wochen hat der Times Square im Herzen von Manhattan eine neue Attraktion. An einer Häuserwand, wo normalerweise Parfüms oder Designerkleider angepriesen werden, strahlt auf einer riesigen Leuchtwand ein einziges Wort: „Truth“ (Wahrheit). Der wahrscheinlich kürzeste Slogan aller Zeiten steht im Zentrum einer Werbekampagne der renommierten „New York Times“. „Is Truth Dead?“ (Ist die Wahrheit tot?), fragt auch das Magazin „Time“ auf dem Titelblatt seiner aktuellen Ausgabe.

Die Wahrheit ist in den Vereinigten Staaten zur bedrohten Spezies geworden. Seit Donald Trump die politische Bühne betreten hat, scheint jedes Kalenderblatt in Washington den 1. April anzuzeigen. Bloß ist vielen Menschen dabei gar nicht zum Lachen zumute. Mehr als 300 Lügen und irreführende Aussagen haben die Faktenchecker von der „Washington Post“ seit dem Amtsantritt des Präsidenten vor gut zwei Monaten gezählt. Mal wurde sein Vorgänger Barack Obama angeblich nicht in den USA geboren, mal behauptet Trump millionenfachen Wahlbetrug bei der Präsidentschaftswahl, mal erfindet er eine Abhöraffäre. Kein Tag vergeht ohne falsche Behauptungen, wilde Verdrehungen, irrwitzige Überzeichnungen oder die Verleugnung der Realität.

Beunruhigender noch als diese Inflationierung der Lüge ist das offensichtlich fehlende Schuldbewusstsein bei Trump. „Ich lasse mich stark von meinem Instinkt leiten“, hat der Präsident gerade dem Magazin „Time“ gesagt, „und mein Instinkt stellt sich als richtig heraus.“ Als Moderator einer Reality-TV-Show wurde er im Land bekannt, als milliardenschwerer Immobilienmogul konnte er sich seine eigene Realität schaffen. Es scheint, als seien für den pathologischen Narzissten die Grenzen zwischen seiner eigenen und der äußeren Welt längst verschwommen.

Wahr ist für Trump, was er als wahr empfindet. Mal greift er ein Gerücht aus einem rechten Talk-Radio auf, mal verdreht er eine Statistik, mal folgt er irgendeiner Phantasie. „Seht euch an, was letzte Nacht in Schweden passiert ist!“, warnte er seine Anhänger bei einer Kundgebung im Februar vor angeblichen Anschlägen durch illegale Einwanderer in Europa. Doch die Polizei in dem skandinavischen Land hatte keine Vorfälle verzeichnet. Ein paar Tage später gab es tatsächlich Unruhen nach einer Festnahme in Stockholm. „Ich hatte Recht mit meiner Aussage“, behauptet Trump nun.

Normalerweise würde ein Politiker durch permanentes Lügen seine Glaubwürdigkeit und damit sein Kapital verspielen. Doch im Zeitalter von Twitter und Facebook scheint Trumps Strategie aufzugehen. So behauptete er fälschlicherweise, er hätte nicht nur die Mehrheit der Wahlmänner, sondern auch die Mehrheit aller abgegebenen Stimmen geholt, wenn man den (nie bewiesenen) millionenfachen Wahlbetrug berücksichtigen würde. Die unwahre Botschaft wurde mehr als 50 000 Mal retweetet. Und irgendetwas bleibt immer hängen. Nach einer aktuellen Umfrage des Senders CBS glauben drei Viertel aller Republikaner-Anhänger, dass Trumps Büro während des Wahlkampfs „sehr wahrscheinlich“ oder „wahrscheinlich“ abgehört wurde, obwohl FBI-Direktor James Comey die Vorwürfe gegen Obama eindeutig widerlegt hat.

Wer „alternative Fakten“ verbreiten will, dem müssen die Medien als traditionelle Relevanz- und Wahrheitsfilter ein Dorn im Auge sein. Trump hat den großen, kritischen Zeitungen und Fernsehstationen früh das Etikett „Fake News“ (Lügenpresse) aufgeklebt. Damit versucht er, jede unabhängige Berichterstattung zu diskreditieren. „Die Lügenpresse ist der Feind des Volkes“, behauptet der Präsident des Landes, das stets ein Vorbild an Pressefreiheit war. Trump und sein Sprecher Sean Spicer herrschen kritische Journalisten nicht nur rüpelhaft an. Zunehmend versuchen sie auch, durch selektive Einladungspolitik bestimmten Medien den Zugang zu Regierungsinformationen zu erschweren. Womöglich ist das noch nicht der letzte Schritt. Nachdem er sich mal wieder über die „New York Times“ geärgert hatte, twitterte Trump diese Woche: „Seit zwei Jahren verdrehen sie meine Aussagen. Soll man das Verleumdungsrecht ändern?“

Schon im Wahlkampf hatte Trump Sympathien für eine Gesetzesänderung gezeigt, weil er dann angeblich vor Gericht viel Geld machen könnte. Doch soweit ist es in den USA noch nicht. Bislang verdient kurioserweise eher die „New York Times“ beim Kampf um die Wahrheit: Allein im vierten Quartal des vorigen Jahres hat sie rund 300 000 Digital- und Print-Abos hinzugewonnen.

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