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Mirjam Lawrence lebt seit 1997 in Großbritannien.

Zukunftssorgen

"Jede Brexit-Lösung ist keine Lösung"

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Die Thüringerin Mirjam Lawrence, die in London lebt, über ihre Ängste zum Brexit.

Mirjam Lawrence, 46, gehört zu den seit Jahren in Großbritannien lebenden Deutschen, die nicht wissen, wie es für sie nach dem Brexit weitergehen wird. Seit 1997 lebt sie in England, ist mit einem Briten verheiratet, hat drei Kinder, aber keine britische Staatsbürgerschaft.

Frau Lawrence, die Brexit-Debatte nimmt kein Ende. Wie erleben Sie diesen Prozess? 
Mittlerweile stöhnen alle. Alle anderen Probleme, die es gibt und die gelöst werden müssten, bleiben liegen. Und man weiß nach wie vor nicht, wie es ausgeht.

Wie fing es für Sie an? 
Mit einem Schock. Denn niemand in meinem Umfeld hätte gedacht, dass das Referendum so ausfällt. Es ist nach wie vor so, dass ich kaum jemanden kenne, der für den Brexit gestimmt hat. Hier in London und in meiner Generation war die große Mehrheit für Remain (Bleiben, d. Red.). Der einzige, der mir einfällt und dafür war, ist mein Schwiegervater. Er ist 92 Jahre alt und hat eine andere Perspektive. Als Remainer empfindet man diesen ganzen Prozess natürlich als noch unangenehmer und schmerzhafter. Andererseits haben wir die Hoffnung nie ganz verloren.

Von außen macht das Ganze einen ausweglosen Eindruck. 
Ja, das ist das Dilemma. Hinzu kommt das Problem mit der Republik Irland und Nordirland. Kaum ein anderes Land hat so ein Problem. Uns in London erscheint das eher unwichtig, aber politisch ist es wichtig. Auch deshalb denke ich: In der EU zu sein ist nach wie vor die beste Lösung. Selbst die beste Brexit-Variante ist immer noch schlechter als das, was wir jetzt haben. Außerdem bin ich als Deutsche noch mal ganz anders betroffen, weil ich nicht weiß, ob ich nach einem Brexit genauso gut hier leben könnte wie vorher.

Was glauben Sie denn, was ein Austritt für Sie und Ihre Familie konkret bedeuten würde? 
Das weiß ich eben nicht genau. Und das macht mir ein bisschen Angst. Ich nehme zwar an, dass ich nicht des Landes verwiesen werde. Außerdem bin ich mit einem Briten verheiratet und habe drei Kinder mit ihm. Aber was ein Brexit im Detail bedeuten würde, weiß ich nicht. Also: Wie wäre das dann mit der Rente und wie mit der Krankenversicherung? Würde ich – wenn ich zwei Jahre ins Ausland gehen würde – wieder zurückkommen dürfen? Schließlich beruht mein Bleiberecht darauf, dass ich mich hier schon so lange aufhalte. Dass ich all das nicht weiß, ist das Ungemütliche an der Situation. So wie jetzt ist es jedenfalls gut für mich. Deshalb habe ich mich auch nie um die britische Staatsbürgerschaft bemüht. Das ist ja ein sehr aufwendiger Prozess und kostet Geld. Ich habe darüber nachgedacht, es zu tun, auch weil ich gerne hier wählen würde. Aber der Aufwand war mir dann doch zu groß.

Bereuen Sie das jetzt? 
Ja, zumal ich die doppelte Staatsbürgerschaft hätte bekommen können.

Wie lange würde es jetzt dauern, die britische Staatsbürgerschaft zu bekommen? 
Wahrscheinlich zwei Jahre. Man muss ein Formular von etwa 80 Seiten ausfüllen, um erst einmal dauerhaftes Bleiberecht zu beantragen. Dann muss man noch den „Life in the U.K. Test“ bestehen. Erst dann kann man die Staatsbürgerschaft beantragen. Das Ganze kostet auch an die 1500 Pfund. Im Moment würde es sich aber gar nicht lohnen, damit anzufangen. Denn der Prozess wird wahrscheinlich sehr vereinfacht werden. Es soll ja jeder EU-Ausländer Bleiberecht bekommen, der schon eine Mindestzeit hier wohnt.

Würden Sie denn die deutsche Staatsbürgerschaft behalten wollen? 
Ja, die deutsche Staatsbürgerschaft würde ich nicht so gern abgeben. Ich kann gar nicht so genau sagen, warum. Ich will zwar hier bleiben, denn mein Leben ist jetzt hier. Ich habe keine konkreten Pläne zurückzukehren. Aber trotzdem. Nur wenn es zu kompliziert würde, dann würde ich die deutsche Staatsbürgerschaft aufgeben.

Gibt es schon heute einen Punkt, an dem sich Ihr Leben verändert hat? 
Nein. Aber es ist eine gewisse Enttäuschung da und die Sorge, dass kulturell noch viel weniger Einfluss aus Europa hier herüber schwappt, als das bisher der Fall ist. Schon als ich kam, war ich erstaunt, wie wenig die europäische Kultur in Großbritannien vertreten ist. Der Einfluss der USA und der Commonwealth-Staaten ist größer, etwa in der Literatur oder beim Kino. Außerdem habe ich Familie in Deutschland und in der Schweiz. Ich fürchte, dass Reisen bei einem Brexit komplizierter und teurer würden. Für die Osterferien haben wir deshalb noch gar keine Pläne gemacht.

Fürchten Sie ein Wirtschaftschaos, wenn der Hard Brexit käme? 
Natürlich wäre das nicht gut. Es würden wohl Jobs verloren gehen. Aber ein regelrechtes Chaos kann ich mir heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Vielleicht ist das auch naiv. Denn natürlich gibt es Entscheidungen, die ein Chaos verursachen können.

Nehmen die Spannungen im Land wegen des Brexits zu? 
Ich glaube vor allem, dass sie nicht wieder weggehen werden, weil jede Lösung keine Lösung dieser Spannungen ist. Es wird immer Unzufriedene geben. Es gibt Spannungen in Familien. In der Politik herrscht ein richtiges Vakuum, so dass keine Entscheidungen getroffen werden. Auf jeden Fall haben sich die Meinungen noch mehr verbohrt. Und ich weiß wirklich nicht, ob ein neues Referendum anders ausgehen würde. Das drückt sich ja schon in der Sprache aus – in den Begriffen „Remainers“, „Brexiteers“ oder „Remoaners“. Die Sprache ist teilweise abwertend und aggressiv.

Fürchten Sie, dass die Demokratie Schaden nimmt? 
Man spürt auf jeden Fall, dass viele Machtambitionen und Ideologien im Spiel sind, die gar nicht das Beste der Bürger im Auge haben. Und wir haben eine extrem polarisierte Parteienlandschaft. Beide großen Parteien sind nicht attraktiv. Ich ordne mich der Mitte oder der linken Mitte zu. Aber mit Labour kann ich mich nicht identifizieren, weil da viel zu viel kommunistische Ideologie im Spiel ist. Die sind nicht regierungsfähig. Ich würde andererseits aber auch sehr ungern konservativ wählen, weil das einfach nicht ich bin und weil mir viele Tory-Vertreter sehr unsympathisch und nicht besonders fähig erscheinen. Allerdings kann ich mir keinen Politiker vorstellen, der mit der jetzt herrschenden Situation überhaupt noch vernünftig umgehen könnte.

Fühlen Sie sich jetzt manchmal fremd? Immerhin wächst die gefühlte Distanz zu Kontinentaleuropa erheblich. 
Nein, gar nicht. Aber das liegt daran, dass der Unterschied zwischen London und dem Rest Großbritanniens extrem ist. London ist wie ein anderes Land. In London gibt es wahrscheinlich sogar mehr Nicht-Engländer als Engländer.

Wie oft ist der Brexit bei Ihnen zu Hause Thema? 
Zurzeit fast täglich. Es wird längst auch viel darüber gelacht – im Sinne von schwarzem Humor. Alle sind wahnsinnig froh, dass das jetzt bald mal ein Ende hat. Wenn es denn ein Ende hat. 

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