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Verzweifelt an Moskaus Rechtsapparat: Pilotin Sawtschenko.

Ukraine-Krise

Jeanne d´Arc des Donbass

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Eine in Moskau angeklagte ukrainischen Pilotin wird zum Streitpunkt im Europarat. Nadeschda Sawtschenko ist in ihrer Heimat ein Star, russische Medien bezeichnen sie als "Tochter des Satans". Die wegen Beihilfe zum Mord Angeklagte ist ein Politikum in Straßburg.

Sie hungert seit 48 Tagen. „Sie steht noch auf, schreibt, redet, aber sie sieht sehr ausgezehrt aus“, sagt ihr Anwalt Mark Feigin. Nadeschda Sawtschenko: 33, ukrainische Hubschrauberpilotin, Kriegsfreiwillige und Parlamentsabgeordnete, in Russland Untersuchungshäftling und Mordverdächtige, ein Politikum in Straßburg. Dort stand gestern in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates die Abstimmung über die Rückgabe des Stimmrechtes für die russische Delegation an. Anna Bresseur, die Vorsitzende der Versammlung, bat die Duma-Abgeordneten vorher, sich für die Freilassung Sawtschenkos einzusetzen. Der russische Delegationsleiter Alexei Puschkow antwortete ausweichend: Alle Bitten zu Sawtschenko könne man erst nach der anstehenden Abstimmung prüfen. Die Versammlung verlängerte den Stimmrechtentzug für die Russen prompt bis April.

Automatische Kriegsheldin

Sawtschenko ist in ihrer Heimat nicht nur bekannt, sie ist ein regelrechter Star: Die junge Modeschneiderin, die unbedingt Flieger werden wollte, die sich viermal vergeblich bei der Luftwaffenhochschule bewarb, dann als Freiwillige in den Irak-Krieg zog, und doch noch Militärpilotin werden durfte. Die kurzhaarige Kämpferin wurde automatisch zur Kriegsheldin, als sie Urlaub nahm, um gegen die Separatisten in der Ostukraine zu kämpfen. Bei Luhansk geriet sie im Juni in Gefangenschaft. „Ich kämpfe für die Ukraine, ihre territoriale Einheit, mein Volk“, sagte sie, mit einer Handschelle an ein Kraftsportgerät gekettet, einem Rebellenoffizier. Jeanne d’Arc im Donbass. Sie wurde zur Trophäe – ganz wie ihr historisches Vorbild.

Anfang Juli teilte das russische Ermittlungskomitee mit, Saw- tschenko sei von Verkehrspolizisten bei einer Routinekontrolle nahe Woronesch aufgegriffen worden, da sie als Anhalterin ohne Papiere unterwegs gewesen sei und sich als Flüchtling ausgab. Zudem gebe es Beweise, dass sie als Artillerieaufklärer das Feuer ukrainischer Artillerie auf zwei russische TV-Journalisten gelenkt habe, die am 17. Juni an einem Rebellenposten nahe Luhansk umgekommen waren. Sawtschenko beteuerte, sie habe nie als Artillerieaufklärer gedient, die Rebellen und Geheimdienstler hätten sie über die Grenze verschleppt. Ihre Anwälte legten Protokolle der Mobiltelefonate der angeblichen Kriegsverbrecherin und ihrer Opfer vor, die belegten, dass Sawtschenko sich schon als Gefangene in Luhansk befand, als die Journalisten an dem schicksalhaften Blockposten eintrafen.

„Tochter des Satans“

Das alles half ihr nichts, Russlands Justiz ignoriert gern störende Details. Seit Monaten wartet Sawtschenko in Moskau auf ihren Prozess wegen Beihilfe zum Mord. Dort ist sie öffentliches Hassobjekt, „Tochter des Satans“, „Killermaschine im Rock“, so schimpfen die russischen Massenblätter. Ein Geistlicher empört sich, sie habe ihn und andere gefangene Separatisten im Mai sadistisch gefoltert und vorgeschlagen, die Organe der Gefangenen zu verkaufen.

In der Ukraine aber ist Nadeschda Sawtschenko inzwischen Parlamentsabgeordnete, mit der Entsendung nach Straßburg erhielt sie diplomatische Immunität, die eigentlich auch Russland zu respektieren hat. Duma-Sprecher Sergei Narischkin aber behauptet, Russland „als Rechtsstaat“ könne Sawtschenko nur freilassen, wenn ihre Unschuld vor Gericht entschieden werde. Schließlich sei das Verbrechen, dessen sie angeklagt werde, schon vor ihrer Wahl begangen worden.

Anwalt Feigin dagegen versichert, Sawtschenko besitze unbedingte Immunität: „Sie ist Abgeordnete geworden, bevor sie rechtskräftig verurteilt wurde.“ Die russische Delegation beim Europarat kündigte am Mittwoch an, sie wolle die Behörden in Moskau um die Erlaubnis bitten, dass Mitglieder der Parlamentarischen Versammlung Sawtschenko in der Haft besuchen dürfen, wenn diese Rechte der russischen Abgeordneten nicht antasteten.

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