Vielleicht findet die Geschichte ein versöhnliches Ende, "Wenn ich etwas dazu beitragen könnte, schön" - Jean Jülich in seiner Kölner Wohnung.
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Vielleicht findet die Geschichte ein versöhnliches Ende, "Wenn ich etwas dazu beitragen könnte, schön" - Jean Jülich in seiner Kölner Wohnung.

Von Edelweißpiraten

Jean Jülich sieht sich doch nicht als Widerstandskämpfer

Ohne jeden Zweifel ist die Geschichte Jean Jülichs die eines Jugendlichen, dem das herrische Auftreten der Nationalsozialisten und der Drill in der Hitlerjugend zuwider waren. Jean lehnte sich auf, nicht direkt, er suchte nach Freiheit und Abenteuer in einer Zeit, da man zu parieren hatte, sich gegenseitig kontrollierte und schikanierte, auch unter Jugendlichen.

Von MARK OBERT

Ohne jeden Zweifel ist die Geschichte Jean Jülichs die eines Jugendlichen, dem das herrische Auftreten der Nationalsozialisten und der Drill in der Hitlerjugend zuwider waren. Aus dem Kölner Arbeiterviertel Sülz stammt er, der Vater war Kommunist, wurde von den Nazis ins Zuchthaus gesteckt. Jean lehnte sich auf, nicht direkt, er suchte nach Freiheit und Abenteuer in einer Zeit, da man zu parieren hatte, sich gegenseitig kontrollierte und schikanierte, auch unter Jugendlichen.

Jean Jülich ist 1942 gerade mal 13 Jahre alt. Abends beobachtet er, wie sich eine Gruppe Jungen und Mädchen seines Alters auf einem Platz in Sülz trifft. Sie tragen die Haare lang, legere Kleidung, Lederbuxen und karierte Hemden, spielen Gitarre und singen Lieder über Cowboys und Seemänner, über Sehnsucht und Liebe, Schnulzen halt. Sie nennen sich Edelweißpiraten. Jean Jülich schließt sich ihnen an. Er wird einer von vielen Hunderten Edelweißpiraten, überall im Rheinland und im Bergischen Land kommen sie zusammen, spielen Erwachsenen Streiche, vermöbeln ab und an die "Pimpfe" von der Hitlerjugend. Eine Jugendbewegung, keine Organisation, in der viele nichts gemein haben außer dem Abzeichen auf breiten Kraftriemen, einem Edelweiß, das immerhin eines demonstrieren soll: den Wunsch, sich dem Einfluss der Nazis zu entziehen. Jean Jülichs Edelweißpiraten tun das an einem See nahe Siegburg.

Dort lernen sie Gleichgesinnte aus Köln-Ehrenfeld kennen. Einer von ihnen ist der 14-jährige Bartholomäus Schink. Jean Jülichs Freundschaft zu ihm gibt der Geschichte eine dramatische Wende. Es bleibt nicht die Geschichte eines rebellischen Romantikers. In dieser Geschichte geht es um Diebstahl, um Waffen, um den Plan, das Kölner Gestapo-Hauptquartier in die Luft zu jagen, es geht um Gestapo-Haft, um Folter. Die Geschichte endet mit einer Hinrichtung am Morgen des 10. November 1944. Vorläufig, muss man sagen. Die Geschichte hat bis heute keinen Abschluss gefunden, schon gar keinen versöhnlichen.

Was Recht und was Unrecht ist

Unzählige Male hat Jean Jülich von seiner Jugend im zerbombten Köln erzählt, im Fernsehen, im Radio, für Zeitungen, in Schulen, auf Podien, bei Gedenkveranstaltungen. Im vergangenen Jahr hat er ein Buch veröffentlicht, Kohldampf, Knast un Kamelle. Die Zusammenarbeit mit einem Kölner Regisseur, dessen Spielfilm über die Edelweißpiraten Ende des Jahres in die Kinos kommen soll, hat ihn dazu animiert. Es ist auch eine Art Klarstellung, ohne Pathos, ohne Selbstheroisierung, denn da stehen Zweifel im Raum, Zweifel an ihm, vor allem aber an seinen Freunden von damals, Zweifel, die auch Historiker hegen, selbst ehemalige Edelweißpiraten. Jean Jülich sagt, er brauche weder Beweise wie Historiker, noch das Wohlwollen anderer Edelweißpiraten, die sich im Nachhinein als die einzig wahren Nazi-Gegner aufspielten. "In der Bundesrepublik war jeder plötzlich Antifaschist", sagt er. "Ich aber weiß genau, was Recht und Unrecht ist. Ich habe es selbst erfahren. Und so habe ich es aufgeschrieben."

Die Nachricht vom missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wühlt die Gruppe um Jean Jülich und Bartholomäus Schink auf. 15 und 16 Jahre sind sie mittlerweile alt und träumen von Anschlägen gegen Einrichtungen des Nazi-Regimes. Sie mischen Schwarzpulver, experimentieren mit Knallkörpern, finden in einem Keller ein Brückensprenggerät. Bartholomäus Schink führt sie zu einem Kreis von Männern, der sich in Köln-Ehrenfeld versteckt. Ihr Anführer Hans Steinbrück, bekannt als Bombenhans, hat dort Antifaschisten, Kriegsdienstverweigerer, Deserteure und Zwangsarbeiter aus dem Osten um sich geschart.

"Tagsüber versteckten sie sich in Katakomben und schliefen die meiste Zeit", schreibt Jülich in seinem Buch. "In der Nacht aber gingen sie auf Beutezug und stahlen gezielt Lebensmittel und Kleidung. Da die Männer um Hans Steinbrück illegal waren, bekamen sie keine Lebensmittelmarken und waren auf das Stehlen angewiesen. Das Diebesgut setzten sie auch für Tauschgeschäfte ein und erwarben so Waffen und Munition. Unter ihnen waren auch einige Kriminelle, aber in dieser inzwischen so verworrenen Zeit fragte niemand mehr danach. Außer diesen Raubzügen führten sie aber auch gezielte Aktionen gegen einzelne Nazis durch. Einer aus der Steinbrück-Gruppe erschoss am 28.9.1944 den Ehrenfelder Ortsgruppenleiter Soentgen, der viele Menschen denunziert und dem Henker zugeführt haben soll. (...) Hans Steinbrück plante, einen Wagen mit Bomben zu beladen und zum EL-De-Haus in der Elisenstraße [Gestapo-Hauptquartier, Red.] zu fahren. So wollte er diese Mordfabrik in die Luft sprengen. (...) Man stelle sich einmal vor, die Aktion wäre gelungen. Die Menschen um Hans Steinbrück gälten heute als Helden und Märtyrer."

Hans Steinbrück und seine Männer aber werden festgenommen, auch Bartholomäus Schink, Jean Jülich und Freunde von ihnen kommen in Haft. Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Bande, Einbruch, Raub und Mord lauten die Vorwürfe der Gestapo-Sonderkommission. Von den Festnahmen der anderen nichts wissend, wird Jean Jülich zunächst ins Gestapo-Hauptquartier gebracht, von dort in das berüchtigte Gefängnis in Brauweiler, in seiner Nachbarzelle sitzt Konrad Adenauer. Jean Jülich wird verhört, stundenlang misshandelt. Er, der sich heute noch als Randfigur bezeichnet, soll Taten gestehen, Mittäter und Pläne verraten.

Er entdeckt, dass seine Freunde ebenfalls in Brauweiler sitzen. Mit Schink kann er sich unterhalten, von Zellenfenster zu Zellenfenster. Schink ahnt, was auf ihn zukommt. In der Nacht zum 10. November 1944 werden er, Steinbrück und andere Häftlinge abgeholt. Jean Jülich bleibt in Brauweiler, er magert ab, sein Seelenzustand schwankt zwischen Verzweiflung und Todesangst. Dann wird er in ein Gefängnis nach Siegburg transportiert, von dort in eine Jugendhaftanstalt im hessischen Butzbach. Ende März 1945 rücken amerikanische Panzer auf die Gefängnismauern zu. Jean Jülich wird befreit, nach monatelanger Haft. "Ich hatte Glück", sagt er heute.

Bartholomäus Schink und drei weitere Freunde von Jean Jülich wurden im Morgengrauen des 10. November 1944 in Köln-Ehrenfeld von der Gestapo gehängt, zusammen mit Hans Steinbrück und acht Männern seines Kreises. Eine große Menschenmenge war Zeuge, trotz Fliegeralarms.

Eine Bande von Kriminellen?

Die Straße, in der das Galgengerüst stand, trägt heute den Namen Bartholomäus Schinks, ein Mahnmal erinnert an die Toten, eine Ehrenfelder Bürgerinitiative hatte sich seit den siebziger Jahren dafür eingesetzt. Für sie wie für viele Kölner ist der 16-jährige Schink eine Symbolfigur jugendlichen Widerstands, die Symbolfigur der Edelweißpiraten. Andere Kölner aber schimpfen. Schink habe das Ansehen der Edelweißpiraten beschmutzt, ein Krimineller sei er gewesen, umtriebig im Schlepptau des Räubers und Mörders Hans Steinbrück. Eben so, wie es in den Gestapo-Akten steht. Prozess-Akten gibt es nicht, die Jungen wurden ohne Urteil hingerichtet.

Ein erbitterter Streit brach los, der bald unter dem Stichwort "Kölner Kontroverse" bundesweit Zeitungsseiten füllte. In den achtziger Jahren war das. Politiker, Wissenschaftler und Bürger diskutierten am Beispiel Schinks über die Intelligenz von Kraaden, wie man in Köln Kinder aus der untersten Schicht nennt, über ihre Fähigkeit, ein Terrorregime überhaupt als solches zu erkennen. Darüber, ob ihnen Sinn für das Gemeinwohl zuzutrauen sei oder ob sie bloß aus Eigennutz gehandelt hätten. Über die Trennlinie von Jugendopposition und Jugendwiderstand, gar Verbrechen und Heldentat. Gutachten wurden geschrieben, Podiumsdiskussionen geführt. Zeitzeugen meldeten sich zu Wort, auch viele ehemalige Edelweißpiraten und Mitglieder anderer oppositioneller Jugendbewegungen. Die Kontroverse spaltete auch sie in zwei Lager, die sich attackierten, verleumdeten, verletzten. Ein Edelweißpirat aus Wuppertal ging soweit, einem Freund Jülichs zu unterstellten, er sei bei der SS aktiv gewesen. Die Sache kam vor Gericht, der Wuppertaler musste seine Behauptung zurücknehmen.

Jean Jülich selbst hat sich nie als Widerständler bezeichnet. Vielleicht haben ihn andere als solchen glorifiziert in einer Weise, die ihm gar nicht behagte. So wundert sich der Sänger Wolfgang Niedecken von der Kölner Rockband BAP im Vorwort zu Jülichs Buch, dass der Edelweißpirat gar nichts von "heldenhaften Sabotageakten" erzählt.

Eine lokale Berühmtheit war Jülich lange bevor bekannt wurde, dass er ein Edelweißpirat gewesen war. Als Wirt der legendären Musikkneipe Blomekörvge hatte er sich einen Namen gemacht, Bläck Föös und BAP spielten dort, Karnevalspräsident war er auch, eine bunte Kuh eben, wie man in Köln sagt. Er ist eitel und redegewandt, steht gerne auf Bühnen, fühlt sich wohl im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, gilt bei Freund und Feind als geltungssüchtig - und macht daraus auch keinen Hehl. Als eines will er aber nicht gelten: als naiv, als Dummkopf, als Aufschneider sogar. "Wir waren keine Einsteins damals, aber blöd waren wir auch nicht", sagt er. Ethisches Bewusstsein, humanitäre Gesinnung, selbstloses Handeln, all diese Kriterien für Widerstand, wie sie Wissenschaftler in die Debatte warfen, sind für ihn bloße Theorie. "Natürlich haben wir keine politischen Diskussionen geführt, wir hätten auch nie daran gedacht, das ganze Regime zum Einsturz zu bringen. Wir mochten die Nazis nicht, und das haben wir gezeigt." Und dann das: Die Ehre eines Freundes wird beschmutzt, eines 16-jährigen Nazi-Opfers. "Unfassbar", sagt er. Deshalb habe er sich eingemischt.

Es sind stapelweise Aufsätze und Bücher geschrieben worden von und über Edelweißpiraten, die meisten Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, ausschließlich wohlwollende, die auch vom Leben Schinks erzählen und an seinem Beispiel die Widerstandsthese stützen.

Das umfangreichste Forschungsergebnis hat der Düsseldorfer Historiker Bernd-A. Rusinek vorgelegt. 445 Seiten umfasst seine 1988 veröffentlichte Dissertation, eine Arbeit im Auftrag des nordrhein-westfälischen Innenministeriums zur Klärung der Kölner Kontroverse. Auf 445 Seiten durchleuchtet Rusinek auch Bartholomäus Schink, bis ins kleinste Detail. Welches Ereignis könnte belegen, von welchem Augenblick an Schink ein Gegner des Nazi-Regimes war? War er überhaupt einer? War Hans Steinbrück Widerstandskämpfer oder Chef einer kriminellen Bande? Welche Rolle spielte Schink? Rusinek interviewte Zeitzeugen, studierte Polizeiakten, Gestapo-Verhörprotokolle, verglich, bewertete - und er zweifelte an.[...]

Ein Beispiel: Der Historiker Matthias von Hellfeld hatte in seinem 1982 erschienenen Buch Edelweißpiraten in Köln ein Schlüsselerlebnis Schinks beschrieben.

Am 10. November 1938, am Tag nach der Pogromnacht, habe Schink gesehen, wie ein ihm bekannter Friseur seines Viertels, ein Jude, von einem SA-Mann zusammengeschlagen worden war. Der Friseur starb acht Tage später an den Folgen. Das habe Schink dermaßen entsetzt, dass er, der Hitlerjunge, von da an dem Nationalsozialismus so feindlich gesonnen gewesen sei, wie es ein Zehnjähriger nur sein konnte. Von Hellfelds Darstellung basiert auf einem Gespräch mit der Schwester Schinks.

Rusinek überprüfte ihre Erinnerung anhand von Polizeiakten im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf. Demnach habe der SA-Mann den Friseur im Hinterzimmer zusammengeschlagen und sei danach auf der Straße von einem anderen SA-Mann gefragt worden, was vorgefallen sei. Rusinek schließt daraus, dass Schink ebenfalls nur auf der Straße gestanden und deshalb unmöglich gesehen haben konnte, was sich im Hinterzimmer des Friseurladens abgespielt hat. Die Hellfeld-These ist aus seiner Sicht damit erschüttert.

Verweigerte Anerkennung

Diese Schlussfolgerung erscheint so wenig zwingend wie viele, bei denen Rusinek auf Polizeiakten oder auf Vernehmungsprotokolle der Gestapo vertraut. Und selbst wenn die Schwester Schinks sich irrte, könnte ihr Bruder dennoch von der Attacke gegen den Friseur erfahren und seine Schlüsse daraus gezogen haben. Wie will man so etwas rekonstruieren, wie will man ein schlüssiges Bild von der Vorstellungskraft, von der Psyche eines Kindes gewinnen, 40 Jahre nach dessen Tod? Dass die Vernehmungs-Protokolle aus dem Gefängnis in Brauweiler unter Gewaltanwendung zustande gekommen sind, ist für Rusinek hingegen eindeutig belegt - hier beruft er sich auf einen namhaften Zeugen, den Brauweiler-Häftling Konrad Adenauer. Dennoch hält er die Gestapo-Protokolle für entscheidende Hinweise auf die so genannte Banden-These.

Auszug aus Rusineks Fazit: "Ein Großteil dessen, was als Argumente von der Widerstandspartei angeführt worden ist, stellte sich als Irrtum heraus. [...]Keine einzige Äußerung, die auf eine Widerstandshaltung gegenüber dem Regime schließen lassen könnte, ist von den Jugendlichen aus dem Kreis um Steinbrück zuverlässig überliefert. [...](...) Auch Bartholomäus Schink war Steinbrück ausgeliefert und tat, was dieser sagte."

Dass sich die Gruppe mit kriminellen Methoden Waffen für gezielte Aktionen gegen den Nazi-Apparat beschaffen wollte, schließt Rusinek zwar nicht aus. Er vermisst aber Belege für die uneigennützige Intention. Interpretationen zugunsten der Widerstands-These bezeichnet er als Wunschvorstellung, als links-romantische Mythenbildung.

Ob darin ein Fünkchen Wahrheit liegt oder gar mehr, wer kann das sagen? Es gibt kaum Klarheiten über eine Zeit, in der Jungen wie Jean Jülich verbrannte Leichen aus den Trümmern der zerbombten Häuser ziehen mussten, in der manchmal Zufallsbekanntschaften darüber entschieden, ob man weiter treu in der Hitlerjugend diente oder ihre Mitglieder verdrosch, in der die meisten schriftlichen Quellen aus einer Unterdrückungsmaschine stammten.

Es ist Rusineks Verdienst, dass er einen tiefen Einblick in die Kriegswirren einer Großstadt wie Köln gewährt und sorgfältig protokolliert, wie verschieden Zeitzeugen Ereignisse in ihrem Viertel, ihrer Straße erlebt haben und erinnern, wie unterschiedlich sie Menschen wie Schink oder Steinbrück wahrgenommen haben. Es ist Rusinek aber gerade deshalb von vielen Seiten der Vorwurf gemacht worden, tendenziös geurteilt zu haben, dem Erinnerungsvermögen mancher Zeitzeugen zu sehr vertraut, dem anderer mit übertriebenem Misstrauen begegnet zu sein.

Jean Jülich erinnert sich gut an den Tag vor bald 20 Jahren, als der Historiker bei ihm auf dem Sofa saß, wie er ihm Frage um Frage stellte, sich Notizen machte. Ihm imponierte diese Akribie, die ihm völlig abgeht. Sein Buch hat er weitgehend aus dem Gedächtnis heraus geschrieben, ein Archiv seines Lebens hat er nie angelegt. Keinen Anlass gehabt, sagt er, keine Zeit. Nach dem Krieg schlug er sich zurück nach Köln durch, eröffnete einen Kiosk am Bahnhof Deutz, verkaufte vor Sonnenaufgang auf der Straße Zeitungen. Immerhin, er genoss kleine Privilegien dank eines Ausweises für politisch Verfolgte, dem ihm die Amerikaner ausstellen ließen. "Etwas zu Fressen zu haben, nach Brunnen mit frischem Wasser suchen", sagt er, um nichts anderes ging es. Er hat bald Familie gegründet, Kneipen gepachtet, Karneval gefeiert. Er verlor die Edelweißpiraten aus den Augen, verdrängte die Nazizeit mehr und mehr, selbst seinen beiden Kindern erzählte er nichts. Erst ein Fernsehbeitrag im WDR-Politmagazin Monitor schreckte ihn auf, 1978 war das.

Die Reporter rollten den Fall Bartholomäus Schink auf, weil dessen Schwester zum wiederholten Male erfolglos versucht hatte, ihren Bruder vom Vorwurf des Kriminellen zu befreien. Anfangs war es der Familie Schink um Opfer-Entschädigung gegangen, einen entsprechenden Antrag hatte sie bereits in den fünziger Jahren beim Regierungspräsidenten von Köln eingereicht. Die Entschädigungsbehörde lehnte ab: "Der Verstorbene erfüllt nicht die Anspruchserforderungen des Paragraphen 1 des Bundesentschädigungsgesetzes. Es ist nicht erwiesen, dass er ein echter Gegner des NS-Regimes war. Er hatte eine mittlere Intelligenz, konnte das Wesen des Nationalsozialismus nicht erkennen und es so auch nicht ablehnen."

Sie bezeichneten ihn als "Verstorbenen", den Freund, den von der Gestapo Ermordeten. "Das klang, als sei Tante Erna gestorben", sagt Jülich. Er schrieb an den WDR, er werde seinen Verfolgten-Ausweis zurückgeben, falls man seinen Freund nicht rehabilitiere. Der Kölner Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes reagierte nicht.

Die Kölner Kontroverse

Ende Oktober 1978 besuchte Bundespräsident Karl Carstens eine Gedenkveranstaltung in Köln zum 40. Jahrestag der Juden-Pogrome. In einem Aide-mémoire der nordrhein-westfälischen Innenministeriums an Carstens schreibt der Verfasser: "Ich halte es für möglich, daß er \[Carstens, die. Red.] dabei auf einen angeblichen Widerstandskämpfer Bartholomäus Schink angesprochen wird, der am 10. Novmeber 1944 hingerichtet worden ist. Nach den Feststellungen der Entschädigungsbehörden handelte es sich jedoch bei der Gruppe, der Schink angehört hatte, um eine kriminelle Bande."

Der Fall war also wieder publik, und die Medien interessierten sich nun auch für Jean Jülich. Bald stand er, die bunte Kölner Kuh, im Zentrum der Kölner Kontroverse. 1984 erhielt er eine Einladung der israelischen Botschaft. In Yad Vashem wurde ihm die Ehrenmedaille als Gerechter unter den Völkern verliehen, auch Bartholomäus Schink wurde geehrt, seine Schwester nahm die Medaille entgegen. Die Anerkennung ist Jean Jülich Trost. "Auch mit den Hinterbliebenen der Weißen Rose verstehen wir Edelweißpiraten uns gut", sagt er. Er betont das mit Nachdruck.

Vieles von seiner Geschichte erzählte Jean Jülich auch dem Historiker Rusinek, ruhig und unaufgeregt, mit Kölner Schnauze, wie es so seine Art ist. Sehr wahrscheinlich hat er ihm auch die Urkunde und die Medaille aus Yad Vashem gezeigt, die er neben anderen Ehrungen in einer Ecke seines Wohnzimmers aufgehängt hat. Er war guten Mutes nach dem Besuch des Historikers. Als er das Gutachten las, war er enttäuscht, verletzt sogar. Seine Erinnerungen, heißt es darin, hätten nur anekdotischen Charakter.

Rusinek schließt seine Untersuchung mit der Bemerkung: "Sie wurden Opfer des von der NS-Gewaltherrschaft und dem entfesselten Krieg geprägten Terrains. Verständlich ist die Erregung, wenn die jugendlichen Opfer als Kriminelle bezeichnet werden. In einem Spiegel-Artikel über den Gestapo-Mord vom 10.11.1944 wurde im Blick auf die Entschädigungsfrage gefordert, die Bundesrepublik müßte ,zumindest dafür aufkommen, daß jemand ohne Verhandlung und Urteil aufgehängt wurde?."

Jürgen Roters, der aktuelle Kölner Regierungspräsident, kündigte im Oktober vergangenen Jahres an, die Akte neu prüfen zu lassen. Aus seiner Sicht, so Roters, handele es sich bei der Gruppe um Schink und Steinbrück sehr wohl um Widerstandskämpfer.

Jean Jülich wartet seither auf eine Nachricht. Vielleicht prüfen die ja wirklich, sagt er, und vielleicht werden bald endlich alle Zweifel ausgeräumt sein. Vielleicht findet die Geschichte ein versöhnliches Ende. "Wenn ich dazu etwas beitragen konnte, schön", sagt Jean Jülich und fügt an: "Mir tut das alles sehr leid für den Barthel Schink."

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