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Gregor Hübner überschreitet mit seiner Musik gerne Grenzen.

Jazz

Der Welt ganz nah

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Der deutsche Jazzmusiker Gregor Hübner komponiert in seiner Wahlheimat New York gegen die wachsende Ausgrenzung in den USA an.

Gregor Hübner hat sich nie als politischer Künstler begriffen. Der New Yorker Violinist und Komponist hielt Zeit seines Lebens die beiden Bereiche strikt auseinander: Entweder er komponierte und spielte. Oder er debattierte und engagierte sich als Bürger. Beides zu vermischen kam ihm nie in den Sinn.

Doch dann kam der November 2016 mit der folgenschweren Präsidentschaftswahl in Amerika und Hübner konnte seine Arbeit und das Geschick seiner Wahlheimat, deren Bürger seine Kinder sind, nicht mehr trennen.

Nur eine Woche nach dem Wahlabend, der Trump zum vermeintlichen Herrscher der freien Welt machen würde, hatte Hübner eine Komposition abzugeben. Es war ein Wettbewerbsbeitrag anlässlich des 125ten Jahrestages der Uraufführung von Dvoraks „New World Symphony“ – Dvoraks Ode an die neue Welt, wo der russische Komponist prägende Jahre seines musikalischen Daseins verbracht hatte.

Zerfressen von der Nervosität über den Wahlausgang und der Furcht vor dem, was sich dann schließlich tragischerweise bewahrheitete, bekam Hübner vor dem 8. November keine Note zu Papier. Doch dann floss es nur so aus ihm heraus – all die finsteren Gedanken, all die Enttäuschung und Verzweiflung über das Land, dass er sich zur Heimat gemacht hatte.

Das Stück wurde ein Meisterwerk, Hübner gewann den Preis der New Yorker Philharmoniker, der ihm im Central Park vor 50 000 Menschen verliehen wurde, die dann berührt seinen Tönen lauschten. Es traf einen Nerv; der gebürtige Konstanzer hatte es geschafft, jenen komplizierten Gefühlen eine Form zu geben, die viele Amerikaner angesichts der Wahl Donald Trumps verspürten.

So beantwortete sich für Hübner jene Frage, die sich in diesen Zeiten viele Künstler und Intellektuelle stellen, praktisch von alleine. Die Frage danach nämlich, was man tun kann, was man tun muss und ob man einfach so weiter machen kann wie gehabt. Oder ob man sich nicht ganz dem politischen Aktivismus zu verschreiben hat.

Das Thema „Du gehörst zu mir“ wird in den Sommermonaten von allen FR-Ressorts mit je eigenen Schwerpunkten bearbeitet. Das Ressort Politik widmet sich in den kommenden Wochen „Grenzgängern“: Es geht um Menschen, die Barrieren überwinden – staatliche, ethnische, materielle, physische oder einfach die Vorurteile im eigenen Kopf.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? All das sind Fragen, die sich in diesem

Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai

70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt – und im November feiert

Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls.

Mit all dem befasst sich unsere Serie

„Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai.

Hübner sitzt in seinem Wohnzimmer in Hamilton Heights, jenem traditionsreichen Harlemer Bezirk, in dem schon Duke Ellington und Count Basie gewohnt haben und wo in den 1930er Jahren der legendäre Cotton Club Nacht für Nacht die Jazzliebhaber aus der ganzen Stadt anlockte. Die Räume sind eng für einen Vier-Personen-Haushalt, wenn Hübner komponieren will, muss er oft erst die Sachen seiner beiden Kinder im Teenager-Alter vom Klavier räumen.

„Ich sehe meine Arbeit seit der Wahl von Trump schon stärker als politisch motiviert an“, sagt der Mitfünfziger und streicht sich dabei durch den Bart. „Aber ich will nicht, dass meine Kunst zur Propaganda verkommt. Es muss auch auf einer ästhetischen Ebene funktionieren.“ Das reine Predigen ist ihm schlicht zu wenig.

Das ist ihm allerdings auch nicht vorzuwerfen. Hübners politische Botschaften sind subtil, er bedient sich der Sprache der Musik, die er so sicher beherrscht wie seinen auch nach 40 Jahren in New York noch deutlich hörbaren schwäbischen Dialekt. So ist etwa in sein New World Stück ein Zitat von Schostakowitsch eingebaut, einem Komponisten, der selbst gerne Zitate benutzte, um in seiner Musik Kritik an Stalin unterzubringen. Für Hübner war das Zitat auch ein früher Hinweis auf Trumps Russland-Connection.

Ein wenig forscher sind da schon seine neueren Jazz-Arbeiten. Das letzte Album seines Latin-Jazz Quartetts etwa, „Los Sonadores“, das einen unverhohlenen Kommentar zu Trumps Einwanderungspolitik darstellt. „Los Sonadores“ bedeutet übersetzt „Die Träumer“ – im politischen Diskurs der USA jene illegalen Einwanderer, die unter Obama eine Art Jugendamnestie erhielten, um ihren amerikanischen Traum verwirklichen zu können. Trump hob nur Wochen nach seinem Amtsantritt den Schutz für die Träumer auf. Und wieder war Hübner so aufgewühlt, dass er seine Gefühle in Musik umsetzen musste.

Los Sonadores war bereits der dritte Teil einer Reihe, die er vor nunmehr neun Jahren begonnen hat. Die Reihe nennt sich „El Violin Latino“ und ist eine tiefe musikanthropologische Erforschung lateinamerikanischer Musik.

Hübner durchkämmt für die Reihe die Musik von Argentinien, Kuba, Uruguay und Brasilien, „ganz so, wie Schostakowitsch oder Bartok Volksmusik studiert haben“. Dann sucht er sich Stücke heraus, arrangiert sie für sich, sein Quartett und seine Geige und nimmt sie auf – oft mit Künstlern aus den jeweiligen Ländern.

Begonnen hat Gregor Hübners Begeisterung für die lateinamerikanische Musik mit einem jener Zufälle, wie sie die Stadt New York immer und überall für all jene bereithält, die dafür offen sind. Eine jener Begegnungen, die oft dem Leben Hübners eine neue Wendung verpasst haben.

Zuerst war die Latin Musik für Gregor Hübner nur ein Job. Kurz nach dem Studium bekam Hübner von einer kubanischen Kombo namens Jovenes del Barrio, die einen Geiger suchten, eine Anfrage, bei ihrem regelmäßigen Auftritt am Mittwochabend in einem mexikanischen Restaurant mit zu spielen.

Es war eigentlich ein Brotjob, ein paar leicht verdiente Dollar, um Hintergrund-Musik für Dinner-Gäste zu liefern. Doch die Musik weckte Hübners Neugier. Er begeisterte sich für die Rhythmen, er wurde neugierig und unternahm bald Reisen nach Kuba, um mehr über diese Musik zu lernen. Je mehr er sich in die Musik und die Kultur einarbeitete, desto mehr Kontakte knüpfte er. Bald spielte er bei Tango-Festivals in Argentinien und tourte mit dem legendären uruguayanaischen Bandoneonisten Raul Jaurena. Heute hat er sich mit seiner Violin Latino nicht nur in den USA und Europa, sondern auch in Südamerika einen Namen gemacht. Annäherungen an das Fremde, das Andere motivieren Hübner. Es macht ihn neugierig, es treibt ihn an, über die Musik etwas über andere Kulturen zu erfahren, in fremde Welten einzutauchen.

Das reine Kopieren ist für den Musiker dabei jedoch zu wenig. „Man wird das ohnehin nie so spielen können, wie Leute, die aus diesen Kulturen kommen.“ Stattdessen versucht Hübner das einzubringen, was wer eben zu bieten hat – seinen klassischen europäischen Hintergrund, seine Virtuosität auf der Geige.

So entsteht, wenn er eine Musik anpackt, ein echter Dialog, ohne dass die eine oder die andere Identität verloren geht. Es ist ein Muster für echten, respektvollen kulturellen Austausch – gelebt durch die Sprache der Musik.

Gregor Hübner ist von seinem ganzen Temperament her ein Grenzgänger: Ein Deutscher der in New York lebt, ein klassischer Musiker, der Jazz spielt, ein Euro-Amerikaner, der sich in lateinamerikanische Rhythmen vertieft. Und so ist es nicht verwunderlich, dass ihm die Engstirnigkeit und die Politik der Abschottung eines Donald Trump ganz fundamental gegen den Strich gehen.

Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass das Klima, das Trump schafft, sich für Hübner ganz persönlich auswirkt. Denn er ist mit einer Afro-Amerikanerin verheiratet, seine Kinder sind schwarz. Hübner wünscht sich, dass das Land, in dem sie aufwachsen, das Amerika Obamas ist und nicht das Amerika Trumps.

Durch sie und durch seine Frau hat Hübner lernen müssen, wie tief der Rassismus in den USA sitzt und wie sehr er sich noch immer auf die Leben der Menschen auswirkt. „Ich habe das als Mitteleuropäer gar nicht so ernst genommen, als ich zuerst in die USA kam“, erzählt er. Doch selbst an seinen Kindern muss er sehen, wie rassistische Einstellungen sich auf das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl auswirken. „Für Schwarze in Amerika ist bis heute alles schwerer. Selbst in einer Stadt wie New York.“

Hübners Frau und seine Kinder machen immer wieder Erfahrungen mit Rassismus.

Für Hübner steht jenes Amerika auf dem Spiel, das ihn Anfang der 80er Jahre angelockt hat und in das er sich auf den ersten Blick verliebt hat. Das Amerika, das eine Freiheit versprach, wie sie in Europa nicht zu finden war, vermittelt vor allem durch die Musik.

Gregor Hübner war 17, als er zum ersten Mal nach New York kam, eingeladen in ein Nachwuchs-Camp des Jazzgitarristen Attila Zoller. Im Anschluss durfte er noch ein paar Wochen in der Stadt verbringen – ab dann gab es kein Zurück mehr für ihn.

Hübner zog durch die Jazzclubs, in die man damals noch ohne weiteres als Jugendlicher hineinkam und hörte seine Idole – Größen des BeBop wie George Hubbard oder Herbie Hancock. Das Geld dafür verdiente er sich, indem er tagsüber auf der Straße spielte. „Ich hatte jedes Mal mindestens Hundert Dollar in der Tasche.“

Der Deutsche ist schließlich Teil der Szene geworden. Er hat an der Manhattan School of Music, einer der renommiertesten Jazz-Akademien der USA, studiert und ist in den berühmten Jazz Clubs wie dem Blue Note und dem Village Vanguard zum Fixum geworden. Er hat über Jahrzehnte lang das ausleben können, wovon er als Jugendlicher geträumt hat. „Das Beste für mich“ erzählt er, „waren diese Abende, an denen alles passieren konnte. Du bist in den Club gekommen und du wusstest nie, wer noch kommt, wer noch einsteigt, mit wem du spielst.“ Es war die völlige kreative Freiheit, ein Gemisch aus hochkarätigem Talent und Leidenschaft, aus dem unwiederbringliche Sessions entstanden.

Dabei hatten Hübners Eltern eigentlich einen ganz anderen Weg für ihn vorgesehen. Sein Vater war klassisch als Geiger ausgebildet und schickte seinen Sohn nach Wien, um klassische Geige zu studieren. Doch der Rahmen der klassischen Musikwelt war Hübner immer zu eng: „Was ich am Jazz so liebe“, sagt er, „ist, dass er immer über das hinaus will, was vorgegeben ist.“

Genau so könnte Hübner auch seine eigene Persönlichkeit beschreiben. Ein Temperament, dass in seiner Familie möglicherweise eine Generation übersprungen hat – sein Großvater war Geiger in einem Sinti-Orchester. Dabei hat der Musiker das Klassische, Europäische nie ganz aufgegeben. Hübner fährt bis heute mehrgleisig. Er spielt und komponiert Jazz, aber auch das, was in den USA „contemporary classic music“ genannt wird – auf Deutsch nur unzureichend mit „neuer Musik“ übersetzt. Wenn er nicht in New York, Havanna oder in Buenos Aires an seinem Latin-Jazz Projekt arbeitet, spielt er mit seinem „Sirius Quartett“ Avant Garde. Oder er unterrichtet an der Akademie in München ganz traditionell Komposition.

Seine allerneueste CD nennt sich trefflich „Grenzgänge“. Darauf zu hören sind Kompositionen von ihm und seinem langjährigen Partner und Mentor Richie Beirach, eingespielt vom WDR Orchester.

Hübners größter Beitrag dazu ist ein Stück, dass er unmittelbar nach dem Erdbeben von Nepal im Jahr 2015 geschrieben hat, bei dem 9000 Menschen starben.

Es war wieder so ein Ereignis, wie die Wahl von Donald Trump oder die Entrechtung der Träumer, auf das Hübner einfach reagieren musste; das ihn so erschütterte, dass er seinen Zorn und seine Trauer in der Musik kanalisieren musste. Auch, wenn es Menschen am anderen Ende der Welt betraf.

Hübner ist einer, der sich die Welt nicht auf Distanz zu halten vermag. Der Andere, der Fremde ist ihm immer nahe, und er spricht mit ihm durch seine Kunst.

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