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Japan führt die G7 ins Jahr 2023 – und setzt auf die Symbolkraft von Hiroshima

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Von: Felix Lill

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Wintereinbruch im Friedenspark von Hiroshima.
Wintereinbruch im Friedenspark von Hiroshima. © Imago Images

Japan übernimmt die Führungsrolle von Deutschland – und wird beim G7-Gipfel im Mai kaum um etwas Schizophrenie umhinkommen: Im Einsatz für Frieden bei gleichzeitiger militärischer Abschreckung.

Hiroshima – Wer durch den „heiwa kouen“, den Friedenspark, in Hiroshima wandelt, kommt schnell auf diesen Gedanken: Zerstörung ist etwas Brutales, aber auf den Trümmern kann etwas Neues, Besseres gedeihen. Das südwestjapanische Hiroshima, das am 6. August 1945 als erste von zwei Städten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs durch eine Atombombe zerstört wurde, ist heute eine wohlhabende, gut funktionierende Metropole. Sie hat reichlich Grünflächen, viele Unternehmen und eine mächtige Botschaft: Frieden ist besser als Krieg. Denn nur ohne Gewalt gelingt langfristige Entwicklung.

Wenn Japan 2023 die Führung der G7 zukommt, ist es keineswegs Zufall, dass sich die Regierung in Tokio für Hiroshima als Hauptstandort der Verhandlungen entschieden hat. Weltweit nimmt die Millionenstadt eine Führungsrolle in den Bemühungen um nukleare Abrüstung ein. Und hierum wird sich der Gastgeber, der konservative Premierminister Fumio Kishida, im Jahr 2023 wohl noch etwas mehr bemühen als es sein Heimatland ohnehin immer vorgibt. Eine Absage an Atomwaffen wird in Hiroshima weit oben auf der Agenda stehen.

Japan führt die G7: Streitpunkt Atomkraft

Auf den ersten Blick stehen die Chancen auf nennenswerte Ergebnisse so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar hat der russische Präsident Wladimir Putin mehrmals angedeutet, auch die Nutzung nuklearer Waffen nicht auszuschließen. Japans Nachbar Nordkorea hat im September per Gesetz seinen Status als Atommacht zementiert und im Jahr 2022 so viele Raketentests wie nie zuvor vorgenommen. Und China hat zwar zu verstehen gegeben, von der russischen Nutzung von Atomwaffen wenig zu halten, rüstet selbst aber weiter auf.

Wie ja auch der liberale Block. Die Nato-Staaten haben sich mit der Eskalation des Ukraine-Kriegs verständigt, mehr Ressourcen für Verteidigung aufzuwenden. Ähnlich macht es das aus Peking bedrohte Taiwan. Und Japan, das sich in Artikel 9 seiner Verfassung eigentlich zum Pazifismus verpflichtet und die Führung eines Militärs ablehnt, hat Mitte Dezember eine neue Sicherheitsstrategie beschlossen. Das Verteidigungsbudget wird verdoppelt. China, Nordkorea und auch Russland werden als potenzielle Gefahren betont.

Japan führt die G7: Atommächte treffen sich erstmals in Hiroshima

Und dennoch könnte der G7-Gipfel in Hiroshima zumindest minimale Fortschritte bei nuklearen Abrüstungsbemühungen bringen. Schließlich wird es das erste Mal sein, dass Regierungsspitzen der drei Atommächte USA, Frankreich und Großbritannien gemeinsam einen Ort besuchen, der von einer Atombombe zerstört wurde. Schon von der enormen Symbolkraft dieser Stadt kann eine Wirkung ausgehen, die zumindest den Protagonist:innen dieses G7-Gipfels eine Motivation verleiht, die sie inmitten von Aufrüstung und Drohgebärden dieser Tage ansonsten kaum verspürten.

Dabei wird sich der Gastgeber vorwerfen lassen müssen, mit gespaltener Zunge zu sprechen. Nicht nur ist Japan eher verhalten, was die Aufarbeitung der eigenen Kriegsvergangenheit angeht. Auch hat sich Japans nationale Regierung – anders als die Stadt Hiroshima – bei internationalen Verträgen zum Verbot nuklearer Waffen bisher zurückgehalten.

Japan führt die G7: Keine Einigkeit in der Energiepolitik?

Zudem will die Regierung trotz der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 an der zivilen Nutzung der Atomkraft festhalten. Kritische Stimmen lesen hieraus schon lange eine heimliche atomare Aufrüstung Tokios ab.

Kishida beteuert, die Atomkraft sei einzig ein energiepolitisches Mittel – mit größerer Bedeutung als je zuvor. Um die Abhängigkeit von Rohstoffimporten aus Russland zu reduzieren, nimmt Japans Regierung wieder zusehends Reaktoren in Betrieb. In Tokio sieht man die Atomkraft nicht nur als zuverlässige, sondern auch als grüne Energiequelle. Deutschland beschloss in Reaktion auf die Fukushima-Katastrophe vor gut elf Jahren, sich aus der Atomenergie zurückzuziehen. 2023 sollen endgültig die letzten Meiler vom Netz. Diskussionen über Energiepolitik, dürften beim G7-Gipfel folglich kaum zu Einigkeit fühlen.

Doch auch hierbei wird Hiroshima übrigens eine symbolhafte Rolle spielen: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde hier in den 50er Jahren der erste Atomreaktor auf japanischem Boden gebaut. Im Jahr 1953, dann vor 70 Jahren, versprach eine internationale Ausstellung der Atomkraft und der Menschheit eine gemeinsame Zukunft voller Zuverlässigkeit und Wohlstand. In diversen anderen Städten Japans werden im 2023 themenbezogene Spitzentreffen der G7 steigen. Fukushima steht nicht auf der Liste. Das hätte wohl die falsche Symbolwirkung. (Felix Lill)

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